30.08.2020 06:00 |

Nach Sommer-Rekord

Corona im Herbst und Winter: „Risiko größer“

Keine Entspannung in Sachen Corona in Österreich - im Gegenteil: Am Samstag wurde mit fast 400 Neuinfektionen (genau: 395) der höchste Wert seit Anfang April gemessen. Mit dem herannahenden Ende der Sommerferien beginnt jetzt das große Bangen vor Herbst und Winter. „Im Winter ist das Risiko größer“, gibt sich auch der Top-Virologe der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), Univ.-Prof. Franz Allerberger, keiner Illusion hin, „wir müssen akzeptieren, dass man sich in geschlossenen Räumen vermehrt anstecken wird.“ Die Winterplanung mit den Tücken des Coronavirus ist jedenfalls die halbe Miete zum Überleben. Deshalb laufen die Vorbereitungen intensiv, aber mit vielen Unsicherheiten: Pistenspaß, Adventmärkte, wirtschaftliche Existenzen: Es geht um die Sicherheit.

Die Anspannung zwischen vorsichtiger Zuversicht und Ratlosigkeit dieser Tage ist selbst durch das Telefon spürbar. Zwar legte die Seilbahnwirtschaft vor, indem sie ihr Konzept für einen sicheren Winter diese Woche mit Abstandsregeln und Maskenpflicht präsentierte, und das Tourismusministerium nach, indem es ab dem 1. September die Gratistests für fast alle Sparten im Tourismus und in der Gastronomie ausweitete. Doch so wirkliche Euphorie will nicht aufkommen. Zentrale, löbliche Botschaft landesweit: die Sicherheit.

TIROL: Mit 6 Millionen Gästen ist Tirol die bedeutendste Winterdestination. Noch wartet man auf Vorgaben des Bundes. Doch viele Regionen wollen mit Konzepten Gästen ein sicheres Gefühl vermitteln. Vor allem Ischgl, das keine Negativschlagzeilen mehr brauchen kann. Neben Teststationen für Gäste werde derzeit auch an einer Contact-Tracing-App getüftelt, wie Tourismus-Obmann Alexander von der Thannen verrät. Digital statt Zettelwirtschaft mit Kontaktformularen in Lokalen, Skischulen & Co. - das ist auch das Credo in St. Anton am Arlberg. Chef-Touristiker Martin Ebster: „Wir haben einen erfolgreichen Testlauf für ein digitales Contact-Tracing hinter uns. Ich bin zuversichtlich, dass das bis zum Winter funktioniert.“ Wöchentliche Tests für bis zu 3000 Mitarbeiter - auch das will St. Anton.

Um mögliche Cluster rasch ausfindig machen zu können, setzt Ischgl auch auf laufende Analyse des Abwassers. Dort können Corona-Viren nachgewiesen werden. Das System wurde an der Uni Innsbruck erprobt und soll ab Herbst als Frühwarnsystem eingesetzt werden. Die großen Partys zum Saisonstart haben die Skigebiete abgesagt. Auch die Partys in den Après-Ski-Lokalen wird es wohl nicht geben. Thomas Holzer, Geschäftsführer der berühmten „Postalm“ in Kaltenbach im Zillertal vermisst jedoch Planungssicherheit: „Ich hätte Verständnis für ein gewisses Personenlimit, in unserem Fall 250 oder 300 Gäste. Normalerweise kommen ja wesentlich mehr.“ Die diskutierte zwischenzeitliche Sperrstunde wäre kein Problem: „Das hatten wir von 19 bis 19.30 Uhr schon immer.“

Fieberhaft getüftelt wird auch in Innsbruck. Dort hofft man, den für den Tourismus so wichtigen Christkindlmarkt mit mehr als einer Million Besuchern pro Jahr abhalten zu können. Zugangsbeschränkungen und eine Redimensionierung sind mögliche Maßnahmen.

VORARLBERG: „Alle Regeln und Abläufe, die in den Beherbergungsbetrieben gelten, sind ein Probelauf für den Winter“, sagt Tourismuslandesrat Christian Gantner. Derzeit wird mit Tirol am Forschungsprojekt „Modellentwicklung Risikomanagement Wintertourismus“ gearbeitet, zeitgleich ein Konzept erarbeitet, das am 14. September bei einem „Tourismus-Wintergipfel“ präsentiert werden soll. Eingeladen sind neben Hoteliers auch Skischulen und Seilbahnen-Chefs. Es geht darum, neben gefühlter auch faktische Sicherheit zu bieten - angefangen beim Transfer ins Hotel, im Hotel selbst, in Skischulen und Bergbahnen. Was das beliebte Après-Ski betrifft, stellt Gantner klar: „In dieser Form nicht mehr.“

„Aus den Erfahrungen des Sommers werden wir die Maßnahmen wie Abstand halten, Masken in geschlossenen Fahrbetriebsmitteln und erhöhte Hygienemaßnahmen weiterführen. Das hat sehr gut geklappt und stößt auch bei den Gästen auf eine hohe Akzeptanz“, berichtet der Geschäftsführer der Bergbahnen Brandnertal Hannes Jochum. Statt Masken setzt man auf sogenannte „Buffs“, spezielle Schals, welche die gleiche Wirkung wie Masken haben sollen und zudem auch einen Schutz gegen Kälte bieten. Und auch am Arlberg arbeiten derzeit die Gemeinde Lech gemeinsam mit der Lech Zürs Tourismus und allen Partnern an einem Sicherheitskonzept.

KÄRNTEN: Der Sommer lief gut in Kärnten: „Genauso wollen wir im Herbst und Winter weitermachen“, erklärt Tourismusdirektor Christian Kresse. Sämtliche Branchenvertreter haben sich in Klagenfurt getroffen, um Strategien zu entwickeln, damit jeder weiß, „was zu tun ist.“ „Wir wollen Gästen die größte Sicherheit bieten“, erklärt Wolfgang Krainer von der Skischule Krainer, der größten Skischule Kärntens in Bad Kleinkirchheim. Er und seine Tochter Vanessa arbeiten seit einem Monat mit Partnerskischulen in Salzburg und Tirol sowie dem Österreichischen Skilehrerverband an Lösungen. „Wir haben einen Maßnahmenkatalog mit zehn Seiten zusammengefasst.“ Fakt ist, dass Masken heuer als Accessoires fix sind. Krainer: „Die Kollegen, die etwa im Skikindergarten arbeiten und dort die kleinen Pistenflöhe auf das Förderband stellen, werden Masken tragen müssen, weil der Abstand natürlich nicht eingehalten werden kann.“

Von einigen Praktiken wird man sicherheitsbedingt Abstand nehmen: „Normalerweise hat jeder Skilehrer viele Taschentücher eingesteckt und hilft schon mal, wenn bei einem Kind die ,Rotzglocke‘ unter der Nase klebt. Heuer geht das nicht“, so Krainer. Auch die Skischulbüros sollen nur einzeln betreten werden. „Für eine Familie reicht, wenn Mama oder Papa die Anmeldung erledigt.“

SALZBURG: Die Festspiele und Sommersaison liefen bislang dank Sicherheitskonzepten gut, die Touristiker wünschen sich aber rasch einheitliche klare Regeln vom Bund. „Es haben bei uns schon Reiseveranstalter und Private angefragt“, sagt Hans Wieser vom Wolfgangseetourismus, der fix mit den Adventveranstaltungen plant. Ein Großteil der Weihnachtsmärkte in Salzburg soll stattfinden. Die Skigebiete orientieren sich am Sommer, der große Knackpunkt ist das Après-Ski. „Dieses wird es in der bisherigen Form nicht geben“, ist Landeshauptmann Wilfried Haslauer überzeugt. Ein Konzept für die Skisaison soll spätestens im Oktober fertig sein - das Konzept für die Märkte bis Ende September.

STEIERMARK: „Einen Halli-Galli-Winter wird es heuer sicher nicht geben“, meint Georg Bliem, Chef der Planai-Bahnen in Schladming. So ist an allen sieben Schirmbars Barbetrieb und laute Musik tabu, alles wird an den Tisch serviert. Auch im Restaurant auf dem Dachstein geht es nur noch mit Bedienung. Mit den Wirten der restlichen Hütten überlegt man Konzepte. „Es wird garantiert keine Live-Musik in Hütten geben, Massenansammlungen sollen vermieden werden“, sagt Bliem. Das Ski-Opening findet heuer nicht statt.

Im Ski-Amadé-Verbund wurden 800.000 Halsschals bestellt, die es zu der Liftkarte dazu gibt. Sie kann man über Nase und Mund ziehen. Desinfektionsmittel stehen bereit. Die Gondeln werden regelmäßig gelüftet und desinfiziert, „am Dachstein gar nach jeder Fahrt“. Zusätzliches Personal soll „mit Charme“ die Einhaltung der Regeln sichern. „Tafeln werden ja von den Leuten viel eher ignoriert“, so der Planai-Chef. Außerdem wird das Online-Ticketing forciert und die Teilnehmerzahl an Skikursen reduziert.

Bei den Adventmärkten sind Fragen offen, stattfinden sollen sie aber, etwa im Wallfahrtsort Mariazell, dort wird mit bis zu 7000 Besuchern gleichzeitig gerechnet, weil die Fläche so groß ist. Auch in Graz ist Christkindlzauber geplant. Angedacht sind eine Einbahnregelung, Besucherbeschränkungen mittels elektronischer Zählungen und weniger Gastro-Ständen.

WIEN: Christkindlmärkte, Silvesterpfad oder Eistraum: Alles noch offen. Die berühmten Märkte wie am Rathaus, vor Schönbrunn, auf dem Karlsplatz oder am Spittelberg und viele mehr wollen aber pünktlich an diversen Novemberwochenenden starten, am Montag will man Ideen präsentieren. Etwa Bodenmarkierungen und Ampelsysteme. Die Veranstalter drängen, bis Ende September braucht es Entscheidungen.

„Wir sind noch beim Ausarbeiten von Konzepten“, erklärt Gerlinde Riedl, Chefin der Stadt Wien Marketing: „Es ist viel Flexibilität gefragt.“ Beim Filmfestival auf dem Rathausplatz habe man Erfahrung gesammelt: Mitte September wird eine neue Kampagne präsentiert. Übersee-Märkte, wie USA oder China, werden über digitale Kanäle bespielt. „Damit wir präsent bleiben und gerüstet sind, falls es zu Lockerungen kommt“, erklärt Sprecher Walter Straßer. Die Touristiker versuchen auch, vermehrt die Wiener selbst für die Angebote zu begeistern. So ermöglicht die neue „Vienna City Card Experience Edition“ ein Jahr lang Erlebnisse und Preisvorteile. Hinzu kommt die City-Guide-App „ivie“, die Sehenswürdigkeiten in ein neues Licht rückt und Geheimtipps verrät.

BURGENLAND: Demnächst wird entschieden, welche Adventmärkte stattfinden: „Normalerweise stehen Ende August alle Termine fest. Es herrscht große Unsicherheit, vor allem bei kleineren Märkten“, erklärt eine Sprecherin des Burgenland Tourismus. Konzepte werden erstellt und laufend erweitert. Grundproblem bei allen Veranstaltern ist aber, dass noch keine genaue Prognose für Dezember abgegeben werden kann. Auch wie der Adventmarkt in Eisenstadt ablaufen wird, ist noch unklar - stattfinden wird er.

NIEDERÖSTERREICH: Mehr als eine halbe Million Gäste kamen im Winter, aus heutiger Sicht rechnen Experten des Landes, trotz Corona, mit ähnlichen Zahlen: „Mit unserem Gesundheitsstab beraten wir Vertreter von Ausflugszielen und Bergbahnen zu Hygienemaßnahmen und Kapazitätsmanagement“, berichtet Landesrat Jochen Danninger. Die NÖ-Bergbahnen betreiben bis auf wenige Ausnahmen Sessel- und Schlepplifte, Après-Ski ist eher rar. In der Praxis wird deshalb die Maske vielfach durch den Schlauchschal ersetzt.

„Wenn am Hochkar zu viel los sein sollte, werden die Gäste nach Lackenhof umgeleitet. Wenn St. Corona am Wechsel an die Kapazitätsgrenzen stößt, werden die Gäste gebeten, ins nahe Mönichkirchen zu fahren“, weiß Projektmanagerin Isabella Hinterleitner. Veranstalter von Adventmärkten warten ab und überarbeiten Konzepte, sagt Bernhard Schröder, Sprecher der Tourismusdestinationen. Pläne: weniger Aussteller, Einbahnsysteme und größere Außenbereiche.

OBERÖSTERREICH: Bei der Seilbahnholding gibt Chef Dietmar Tröbinger drei Linien aus: Schutz der Gäste, Schutz der Mitarbeiter und Notfallpläne. „Der Winter wird personalintensiver, weil wir Schichten, die sich nicht mischen, fahren und überall ein Mitarbeiter mehr stehen wird. Etwa, um den Mund-Nasen-Schutz zu überprüfen.“ Die Geschwindigkeiten der Bahnen werden beschleunigt: „Dann sitzen auch in der längsten Bahn die Gäste maximal zehn Minuten zusammen.“ Dazu kommen mehr Ticketautomaten und Online-Kauf. Es gibt Leitsysteme, Flyer, Plakate und Online-Infos. „Wir wissen vom Sommer, dass nur ein Prozent der Gäste meint, dass die Maßnahmen überzogen oder zu wenig sind. Und ganz ehrlich: Jene, die sich zu jetzigen Bedingungen nicht wohlfühlen, sollen den heurigen Winter auslassen und wiederkommen, wenn sich alles normalisiert hat.“

Im Skigebiet Hinterstoder-Wurzeralm will Chef Helmut Holzinger die Warteschlangen minimieren: „Wir werden Tickets in den Hotels auflegen.“Eine Bitte geht an die Gäste, auch an Wochentagen zu kommen: „Wir wollen die Spitzen kappen und verteilen.“

Bei den Christkindlmärkten gibt es vereinzelt Absagen, Linz und Wels wollen durchziehen: „Sollten die Infektionszahlen nicht dramatisch steigen, steht einer Durchführung nichts im Weg“, sagt Stadtvize Bernhard Baier. Derzeit gibt es rechtlich keine Personen-Obergrenze für Märkte, ein Konzept wird vorbereitet. In Wels ist Peter Jungreithmair, Chef der Christkind GmbH, sicher, dass es am 20. November losgeht: „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.“

Kronen Zeitung

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