20.08.2020 12:58 |

Innsbruck

Auf Messers Schneide: Steigende Jugendkriminalität

Sie schlagen, sie stehlen, sie prahlen: Seit 2018 verzeichnet Innsbruck steigende Zahlen in der Jugendkriminalität. Vor zehn Monaten wurde eine eigene Ermittlergruppe eingerichtet - 111 Burschen- und 23 Mädchennamen scheinen seither in den Unterlagen der Polizei auf.

Sie sind im Jahr 2004, 2005 und 2007 geboren, beinahe Kinder – und Täterinnen. Drei Mädchen überfielen, wie berichtet, Anfang August in Innsbruck eine 13-Jährige, raubten ihr die Kopfhörer sowie Zigaretten – und drückten diese auf dem Körper des Opfers aus. Die mutmaßlichen Täterinnen wurden ausgeforscht.

Im selben Zeitraum kam es auf einer Party in Innsbruck zu einem Streit unter Jugendlichen – die weggeschickten Gäste passten ihre Rivalen am Nachhauseweg ab, attackierten und überfielen sie. Auch diese Heranwachsenden wurden identifiziert. Sie alle reihen sich nun in eine lange Liste jugendlicher Straftäter ein.

„Der Großteil sind Mitläufer“
„Da gibt es die einen“, sagt Christoph Kirchmair, Leiter des Kriminalreferats beim Stadtpolizeikommando Innsbruck, „denen es wirklich egal ist, die davon ausgehen, man könne ihnen nichts anhaben. Und da gibt es die anderen – die wesentlich größere Gruppe – die einfach mitlaufen, sich mitreißen lassen.“

Ein „harter Kern“ aus etwa 30 bis 35 Tätern
Sie alle aber sind seit gut einem Jahr verstärkt im Visier der Polizei, eine eigene Ermittlergruppe beschäftigt sich mit ihnen. „Die Aufklärungsquote ist sehr hoch“, sagt Kirchmair. Das schlage sich in den Zahlen nieder. Die Heranwachsenden seien oft in Gruppen unterwegs, statistisch gehe es dann nicht um ein Delikt mit sieben Tätern, sondern um sieben Delikte.

Der Anstieg sei somit differenziert zu sehen – und doch: Von rund 140 Nachwuchs-Kriminellen sind etwa 35 Wiederholungstäter, die sich bis zu zehn Delikte auf die eigene (Schild-)Kappe schreiben.

66 wurden vorläufig festgenommen, 42 in die Justizanstalt Innsbruck überstellt – „der Kontakt und Austausch mit der Staatsanwaltschaft ist hervorragend“, betont Kirchmair. Das sei wichtig, denn dem einen oder anderen der Jugendlichen sei bis zuletzt nicht klar, dass er dabei ist, sich „das Leben zu verbauen“.

„Täter kommen aus allen Gesellschaftsschichten“
Dabei sind viele der Straftaten dieser „Banden“ keine Kavaliersdelikte: Raubgeschehen, Eigentumsdelikte, schwere Körperverletzungen bis hin zu Vergewaltigungen – durchgeführt von Tätern, die zwischen 12 und 18 Jahre alt sind.

„Wer aber glaubt, der Großteil kommt aus einem schlechten sozialen Umfeld, der irrt“, sagt Kirchmair. Die Täter kommen aus allen Gesellschaftsschichten und Herkunftsländern - von Österreich bis Syrien und retour.

Auch die Coolen kommen ins Schwitzen
Sie sehen sich als „Underdogs“, die das System aushebeln wollen und Bilder ihrer Taten in den sozialen Netzwerken posten, beschreibt der Polizist. Dabei brechen bei den Befragungen häufig selbst die ganz Coolen in Schweiß aus: „Sie geben dann meistens alles zu – manchmal sogar noch mehr.“ Etwa Taten, die erst in Planung waren. „So konnte jüngst ein Gefängnisausbruch verhindert werden, bevor er passierte“, erklärt Kirchmair.

„Etwas verhindern, bevor es passiert“ ist auch das Stichwort für das neue Projekt „Under 18“, das im Herbst in den Schulen startet. In Zusammenarbeit mit den Jugendzentren und der Stadt Innsbruck soll den Heranwachsenden erklärt werden, was strafbares Handeln ist – und welche Konsequenzen es mit sich bringt.

120 Jugendliche aktuell in Bewährungshilfe
In der Prävention aber auch in der Bewährungshilfe ist der Verein Neustart tätig. Rund 120 straffällige Jugendliche erhalten in Tirol aktuell Bewährungshilfe. „Tatsächlich“, so Kristin Henning, Leiterin von Neustart Tirol, „ist der Anteil der Jugendlichen im Vorjahr und im ersten Halbjahr dieses Jahres gestiegen.“

20 Prozent der Klienten in der Bewährungshilfe sind Jugendliche. Dies dürfte die Konsequenz jener Gruppenbildungen sein, die auch die Etablierung einer Ermittlergruppe zur Folge hatte. Dennoch: Im langjährigen Schnitt ist die Anzahl der Verurteilungen gesunken, die Aufklärungsquote stieg.

Weniger Gewalt in der Erziehung
Der Rückgang der Jugendkriminalität über die letzten Jahre sei nicht überraschend: „Gewalt ist als Erziehungsmittel zurückgegangen, das Risiko, selbst Gewalt anzuwenden, sinkt dadurch“, erklärt die Juristin. Zudem sei Gewalt nicht mehr so cool. Der Großteil der Teenager teste Grenzen aus - „sie werden ein ganz normales Leben führen“, ist Henning überzeugt.

Häufig auch Suchtprobleme
Doch gibt es Heranwachsende, die massive Gewalt anwenden. „Die Ursachen dafür sind unterschiedlich“, erklärt die Juristin. Fehlende Bindungen und Perspektiven, ein Aufwachsen ohne Halt und Vorbilder - und Suchtprobleme, die oft daraus resultieren, dass die Teenager versuchen, sich mit Drogen zu helfen, ihre Lage besser zu ertragen.

„Haftstrafen sind kontraproduktiv“
Bei Neustart versucht man den Jugendlichen beizubringen, Verantwortung zu übernehmen. „Wir blenden die Straftaten nicht aus, aber versuchen, uns auch auf die Fähigkeiten zu konzentrieren, um Perspektiven zu schaffen“, sagt die Leiterin von Neustart. Gemeinsam mit Angehörigen und Profis werden Pläne erarbeitet, die die U-Haft ersetzen sollen, denn die sei kontraproduktiv, fördere negative Kontakte und schaffe das Gefühl, dass es kein Zurück mehr gibt.

Sitzen Waffen heute lockerer?
Steigt unter Jugendlichen die Brutalität? Werden häufiger Messer eingesetzt? „Das sind schwierige Fragen“, sagen der Polizist Christoph Kirchmair und die Juristin Kristin Henning. Denn der Kontrolldruck sei heute höher, es werden mehr Straftaten angezeigt - es sei also kaum möglich, einen echten Vergleich zu ziehen.

„Es gibt Gruppen, die aufgrund ihrer Sozialisierung eher eine Waffe bei sich tragen“, sagt Henning. Einen Trend könne man daraus aber nicht ablesen, denn auch früher hatten viele Jagd- oder Taschenmesser bei sich. „In den meisten Fällen wird mit den Waffen aber nur gedroht“, betont Kirchmair, „eingesetzt werden sie deutlich seltener.“

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter
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