27.03.2020 06:00 |

Von Küstenwache gejagt

Wiener Segler ist allein im Mittelmeer gestrandet

Viele Österreicher hängen momentan im Ausland fest, und es ist ungewiss, wann sie wieder in die Heimat zurückkehren können. In einer ganz besonderen Situation befindet sich Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist allein auf einem Segelboot in griechischen Gewässern gestrandet, wo er von der teilweise mit Maschinenpistolen bewaffneten Küstenwache aus Buchten vertrieben wird. Doch auch in das Zielland seiner Reise, der Türkei, darf der Solo-Segler derzeit nicht einreisen.

Als Sebastian Kummer Mitte Februar in La Rochelle in Frankreich in See stach, war die Welt noch in Ordnung. Doch in nur einem Monat veränderte die Coronavirus-Epidemie das Leben und Reisen in Europa, wie es sich die meisten Menschen nicht in ihren ärgsten Albträumen ausmalen hätten können. Unbeschwert trat der routinierte Skipper mit seiner Crew die Überstellung des werftneuen Katamarans in die Türkei an. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Kummer nicht, dass er schließlich alleine auf dem Boot enden würde - und jeden Abend aufs Neue bangen wird müssen, von der Küstenwache von seinem Ankerplatz vertrieben zu werden. Jede Nacht mit ruhigem Schlaf in einer geschützten Bucht ist momentan für den Skipper ein Geschenk.

Nach dem Ablegen aus Frankreich verlief alles zunächst nach Plan - bis zum 9. März, als die Lage in Italien bereits wegen der Pandemie eskaliert war und die Crew die Nachricht ereilte, dass die Häfen dort geschlossen sind. „Ich ließ die Mannschaft schließlich auf Mallorca aussteigen, da eine Heimreise zu diesem Zeitpunkt noch problemlos möglich war“, schildert Kummer die Situation im Gespräch mit krone.at. Das Risiko sei zu hoch gewesen, dass im weiteren Verlauf der Reise der Flugverkehr weiter eingeschränkt oder eingestellt werde. Das Schiff wollte der Schiffsführer aber nicht alleine auf den Balearen lassen. Also segelte er solo weiter.

Auf der Weiterreise war er schließlich teilweise tagelang ununterbrochen unterwegs. „In der Nacht habe ich mir den Wecker auf alle 15 Minuten gestellt, um bei einem Rundumblick zu schauen, ob eine Kollisionsgefahr mit anderen Booten oder Schiffen besteht“, erklärt Kummer. Dabei kam es immer wieder zu brenzligen Situationen. In einer Nacht kam ein Frachter seiner Ausweichpflicht nicht nach und der Jacht des Einhand-Seglers gefährlich nahe. Kummer selbst musste Maßnahmen setzen, um eine Kollision zu vermeiden.

Vor der Küste Sardiniens angekommen - er war davor zwei Tage und zwei Nächte unterwegs gewesen -, wollte der Segler in einer geschützten Bucht ankern, um ein paar Stunden ununterbrochenen Schlaf zu finden. Doch die italienische Küstenwache stattete ihm einen Besuch ab. Ihm wurde verboten zu ankern, auch wenn er nicht vorhatte, einen Fuß aufs Land zu setzen. „Da wurde mir klar: Ich muss ohne weiteren Stopp durchfahren bis nach Griechenland“, so Kummer.

Suche nach Ankerplatz für ruhigen Schlaf wird zu Herausforderung
Eine Sturmwarnung zwang ihn schließlich doch noch, geschützte Buchten der Insel Volcano aufzusuchen, ehe er die Straße von Messina, die Sizilien vom italienischen Festland trennt, passieren konnte. Glücklicherweise wurde er dort von den Behörden nicht entdeckt und konnte seine herausfordernde Reise unter besseren Wetterbedingungen fortführen. Nachdem er drei Tage und drei Nächte durchgesegelt war, erreichte er schließlich griechische Gewässer. Auf viel Verkehr stieß er unterwegs nicht. Aber auch dort bekam er immer wieder Probleme mit der Küstenwache und wurde aus Ankerbuchten vertrieben. „Mir wurde mitgeteilt, ich müsste zwei Seemeilen Abstand zur Küste einhalten. Dort ist das Meer bis zu mehrere Hundert Meter tief - dazu reicht die Ankerkette einer Segeljacht nicht“, erklärt Kummer.

Küstenwache stattete Kummer mit Maschinengewehr bewaffnet Besuch ab
Seit Tagen muss der Segler nun ein Versteckspiel mit der Küstenwache spielen - denn in die Türkei darf er mittlerweile auch nicht einreisen. „Erst sah ich das noch locker - ich dachte mir, ich nütze die Zeit, um für ein paar Wochen die griechische Inselwelt zu entdecken.“ Doch seine Stimmung schlug nach seiner letzten Begegnung mit der Küstenwache ein wenig um. „Die Beamten kamen mit Gesichtsmasken und einer war mit einem Maschinengewehr bewaffnet“, schildert der Skipper die bedrohliche Situation. „Sie drohten damit, mich ins Gefängnis zu stecken.“

Eine Drohung, die der Logistiker als unverhältnismäßig empfindet. „Ich befinde mich bereits mehrere Wochen in Isolation, halte mich von Menschen fern und habe auch kein Land betreten. Dass Beamte der Küstenwache bei ihren Kontrollen teilweise auch sein Boot betreten hatten, sieht er dagegen als bedenklich und ein unnötiges Risiko an.

Segler zeigt Galgenhumor: „Besser kann Quarantäne eigentlich nicht sein“
Seien genauen Aufenthaltsort will Kummer in der derzeitigen Situation nicht verraten. Er habe sich auch noch nicht für Hilfe ans Außenministerium gewandt, das solle sich lieber um Leute kümmern, die vor größeren Problemen als er selbst stünden. „Mir geht es ja gut und ich bin auf meinem Katamaran auch bestens isoliert. Ich habe das Meer, und die Wassertemperaturen erlauben auch, dass ich hin und wieder ins Wasser springe. Besser kann Quarantäne eigentlich nicht sein“, schmunzelt der Seemann.

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Ich habe noch ganz viel Klopapier an Bord.

Segler Sebastian Kummer beweist Galgenhumor.

Seine Essensvorräte reichen noch vier Wochen, schätzt Kummer. „Wir haben in Frankreich schon sehr viel Lebensmittel gebunkert." Da sich die Mannschaft von vier auf eine Person verkleinert hat, habe er noch sehr viel Essen wie Reis, Nudeln und Trockenbrot zur Verfügung - darunter kiloweise selbst gefangenen Fisch, den er eingefroren hatte. „Außerdem habe ich auch noch ganz viel Klopapier an Bord", lacht der optimistische Segler. Sein Wasservorrat sei allerdings schon auf ein Viertel gesunken - daher wäscht er das Geschirr mit Meerwasser ab. „Erst wenn alle Vorräte zur Neige gehen und noch immer keine Lösung in Sicht ist, werde ich mich mit den österreichischen Behörden in Verbindung setzen", meint Kummer.

Miriam Krammer
Miriam Krammer
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