11.01.2020 06:00 |

Das große Interview

Was verstehen Sie vom Heer, Frau Tanner?

Sie ist die erste Frau an der Spitze des Bundesheeres: Mit Conny Bischofberger spricht Klaudia Tanner (49) über die Schreckensszenarien ihres Vorgängers Thomas Starlinger, weibliche Durchsetzungskraft und ihr Markenzeichen, die grüne Tinte.

Vor einer Stunde hat sie noch eine Pressekonferenz in St. Pölten gegeben, jetzt sitzt sie mir ganz entspannt im 200 Quadratmeter großen Büro in der Rossauer Kaserne gegenüber. Tags zuvor wurde Klaudia Tanner bei einem Festakt willkommen geheißen, eine Ehrenformation der Garde und ein Fahnenblock des Bundesheers umrahmte die Zeremonie. „Es war wirklich ein besonderer Moment“, sagt Klaudia Tanner und lässt ihren Blick durch die Dachfenster hinunter zum Wiener Donaukanal schweifen. Die persönliche Note fehlt dem Büro noch, „aber ich habe auch nicht vor, oft hier zu sein. Ich will rausfahren, sehen, wo der Schuh drückt, was die Probleme und Herausforderungen sind“, meint die Politikerin. Letztere liebt sie, sonst könnte sie das finanziell ausgehungerte Ministerium wohl nicht als ihr Wunschressort bezeichnen.

„Krone“: Frau Minister oder Frau Ministerin, was ist Ihnen lieber?
Klaudia Tanner: Die einen sagen Frau Minister, die anderen Frau Ministerin, mir ist es wurscht. So oder so muss ich mich an die Anrede erst gewöhnen. Für mich waren Anreden nie wichtig, aber mir ist bewusst, dass in diesem Ressort die Nennung nach den Dienstgraden eine Wertschätzung bedeutet.

Sie waren schon einmal als Innenministerin und ein anders Mal als Verteidigungsministerin im Gespräch. Froh, dass es endlich geklappt hat?
Ich hab‘ mich sehr gefreut, als Sebastian Kurz mich gefragt hat, wir kennen einander ja schon sehr lange. Ganz ehrlich: Im Gespräch war ich, aber das war alles nicht spruchreif. Ich dachte mir beide Male: Fällt den Zeitungen niemand anderer ein, über den sie schreiben könnten? (lacht) Aber jetzt bin ich in meinem Wunschressort angekommen, das sage ich ganz offen.

Wunschressort? Dieses Ministerium gilt als Stiefkind unter allen Agenden.
Das sehe ich überhaupt nicht so! Ich freue mich ungemein drauf. Weil mich Herausforderungen reizen und weil ich sehr gerne die erste Frau in einer neuen Position bin, so wie ich das damals in den Neunzigerjahren als Rechtsreferentin beim Bauernbund war und später auch als Direktorin bei Kapsch. Vielleicht ist es ja wirklich so: Wenn etwas ganz schwierig ist, braucht es manchmal eine Frau.

Ihr Vorgänger Thomas Starlinger hat sehr drastisch vor Augen geführt, dass das Bundesheer in einem katastrophalen Zustand ist, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Hat er übertrieben?
Wir werden uns alle Daten und Fakten genau anschauen und dann beurteilen. Im Regierungsprogramm ist ganz klar festgehalten, dass das Bundesheer seine verfassungsmäßige Pflicht - ich bin ja auch Juristin - zu erfüllen hat. Mit welchen Mitteln und Wegen das dann umzusetzen sein wird, werden wir sehen. Ich glaube, es geht in meiner Position jetzt noch viel mehr als früher auch um Managementfähigkeiten, und die habe ich.

Hat er übertrieben?
Was wir in der jetzigen Situation brauchen, ist Mut und Zuversicht. Ich glaube, dass es eine große Herausforderung werden wird. Ein steiler, ein schwieriger Weg. Ich würde aber ungern die Arbeit und die Aussagen meines Vorgängers bewerten.

Er hat sogar behauptet, das Heer wäre gar nicht mehr in der Lage, die Bevölkerung zu schützen. Stimmt das?
Ich bin überzeugt davon, dass es immer dazu in der Lage sein muss. Das Bundesheer muss unsere Heimat Österreich schützen und bei Katastrophen in der Lage sein zu helfen. Wir müssen, da bitte ich um Verständnis, aber erst mit Experten ganz konkrete Maßnahmen formulieren. Dass mein Vorgänger sehr gute Daten und Fakten geliefert hat, ist unbestritten. Aber wir müssen noch die konkreten Schlüsse daraus ziehen.

Auf das Außenministerium wurde ein Cyberangriff verübt. Ist das Bundesheer in diesem Bereich noch handlungsfähig?
Aber natürlich. Federführend bei der Aufklärung ist zwar das Innenministerium, aber auch unsere IT-Spezialisten sind vor Ort. Ich habe großes Vertrauen in unsere Spezialisten.

Die Untauglichkeit soll ja abgeschafft werden. ist der nächste Schritt die Wehrpflicht für alle?
Es ist eine Frage auch der Gerechtigkeit, an den Tauglichkeitsstufen etwas zu verändern, also die Teiluntauglichkeit einzuführen. Wir erhoffen uns dadurch mehr Grundwehrdiener, die wir in den verschiedensten Bereichen einsetzen können. Wehrpflicht für Frauen ist weder eine Idee der Volkspartei noch im Regierungsprogramm festgehalten und daher auch kein Thema.

Sebastian Kurz hat über Sie gesagt, dass Sie nicht nur die erste Frau an der Spitze des Bundesheers sind, sondern von Ihrem Habitus und Ihrer Durchsetzungskraft auch die genau Richtige in dieser Position. Was ist denn dieser Habitus?
Egal in welcher Position ich war, mir ging es immer darum, Anliegen und Interessen durchzusetzen, auch durchzukämpfen. Außerdem bin ich bekannt für meine Ecken und Kanten. Kämpferin mit Ecken und Kanten passt deshalb sehr gut. Obwohl ich ein sehr freundlicher Mensch bin. Hart, aber herzlich trifft es wahrscheinlich am besten.

Reicht darüber hinaus für diesen Job die Durchsetzungskraft?
Sie kann jedenfalls nicht schaden. Und ich habe es ja in der kurzen Zeit bereits gesehen: Es gibt sehr viele Experten und Expertinnen hier im Haus, die über unglaubliche Expertise verfügen, da werde ich gut zuhören. Zum einen werde ich draußen zuhören, wenn wir quer durchs Land unterwegs sind, aber auch im Ausland, bei den Einsätzen des Bundesheers. Da wird bestimmt viel an Ideen und Vorschlägen kommen.

Sie waren zuletzt Direktorin des niederösterreichischen Bauernbundes. Von den Bauern zu den Generälen, wo ist da die Logik?
Wir haben ja jetzt keine ExpertInnen-Regierung mehr, wie es sie unter Kanzlerin (Brigitte) Bierlein gegeben hat. Jetzt wurde eine Politikerinnen- und Politikerregierung gewählt. So werde ich mein Amt auch anlegen.

Aber was verstehen Sie vom Heer?
Ausgezeichnete Expertinnen und Experten gibt es hier im Haus sehr viele. Ich bin eine Politikerin und werde mein Bestes geben, das umzusetzen, was sich die Bevölkerung von einer Ministerin erwartet. Ich arbeite mich Tag und Nacht durch die Unterlagen und Mappen des Ministeriums. (Zum Beweis zieht Tanner eine Tabelle mit Dienstgraden und Barrettfarben aus ihrer Besprechungsmappe.) - Da bin ich sogar schon relativ weit.

Von 14 neuen Regierungsmitgliedern sind acht Frauen. Was macht das für einen Unterschied?
Ich würde mir eigentlich wünschen, dass man darüber gar nicht mehr diskutieren müsste. Mann oder Frau, ist doch egal. Aber vielleicht haben Frauen mitunter eine andere Herangehensweise, insbesondere was unsere kommunikativen Fähigkeiten anbelangt. Aber schauen wir doch einfach, wie die Frauen das machen, und beurteilen wir sie danach, nicht nach dem Geschlecht.

Sehen Sie eine Parallele zu Ursula von der Leyen, die in Deutschland als erste Frau Verteidigungsministerin wurde?
Ich bin Klaudia Tanner und so werde ich es auch anlegen. Aber zweifelsohne ist Ursula von der Leyen, wie auch viele andere Frauen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, ein Vorbild für uns Frauen.

Eine Frau wird derzeit heftig attackiert. Alma Zadic braucht sogar Polizeischutz. Stehen die Regierungsmitglieder hinter ihr?
Ja, klar! Das kann einen schon mit großer Sorge erfüllen, was sich auf Social Media tut. Ich bin froh, dass der Innenminister sofort und unmissverständlich reagiert hat. In welcher Welt leben wir? Diese Frage stellt man sich angesichts dessen, was hier passiert.

Bundeskanzler Kurz hat gemeint, das müsse sie als Politikerin aushalten. War das angebracht?
Er hat sich klar gegen diesen widerwärtigen Hass im Internet ausgesprochen. Aber wahr ist leider auch, dass jeder, der in der Öffentlichkeit steht, vielem ausgesetzt ist. Vor allem, wenn man in die Politik geht.

Sie haben das Regierungsprogramm als einziges Mitglied grün unterschrieben, wie das?
Als ich Direktorin beim Bauernbund wurde, habe ich vom Präsidium eine grüne Füllfeder bekommen. Sie funktioniert ehrlicherweise nicht so verlässlich wie der Kugelschreiber. Aber wann immer es geht, schreibe ich mit ihr. Ich habe auch das Regierungsprogramm mit Grün unterschrieben! Wenn Sie sich den Staatsvertrag anschauen, dann gibt es eine einzige Unterschrift in Grün, das ist die von Leopold Figl, der ja auch Bauernbunddirektor war.

Woher kommt eigentlich das „K“ in Ihrem Vornamen?
Das war der Wunsch meiner Eltern, sie wollten, dass sich mein Vorname von dem sonst üblichen Claudia mit „C“ unterscheidet.

Was wollte diese kleine Klaudia einmal werden?
Schauspielerin und Sängerin. Da war der Wunsch, mit meinen beiden Schwestern auf der Bühne zu stehen. Später habe ich dann doch Jus studiert.

Frau Tanner, hat Ihr Ehemann eigentlich Einspruch erhoben, als Sie das Angebot bekamen, Ministerin zu werden?
Wir haben schon eingehend darüber diskutiert, weil sich durch meine neue Aufgabe doch einiges ändert. Gar nicht so sehr vom Zeitlichen, denn mehr arbeiten als rund um die Uhr kann man eh nicht. Ich habe in all meinen Jobs viel gearbeitet. Aber jetzt stehe ich in der Öffentlichkeit, und das betrifft auch meine Familie. Meinen Mann, meine Tochter. Ich bin unendlich dankbar, dass er hinter mir steht und dass die beiden, gemeinsam mit meinen Eltern, auch bei der Angelobung dabei waren. Ohne mein tolles familiäres Netz - meine Eltern, die Schwiegereltern, meine vier Geschwister mit ihren Familien - wäre das alles nicht möglich. So bin ich überzeugt, dass wir das gemeinsam schaffen werden.

Von den Bauern zu den Generälen
Geboren am 2. Mai 1970 als Tochter einer Imkerfamilie in Scheibbs, Niederösterreich. Tanner studiert Jus und startet ihre Karriere 1996 beim Bauernbund. 2001 bis 2003 arbeitet sie im Kabinett des damaligen Innenministers Ernst Strasser, 2003 bis 2010 bei Kapsch. Direktorin des niederösterreichischen Bauernbundes ab 2011, Landtagsabgeordnete seit 2018. Am vergangenen Dienstag wird sie als Verteidigungsministerin in der Regierung Kurz II angelobt. Ihr Mann Martin arbeitet bei Cafe + Co, die gemeinsame Tochter Maxima Klaudia Josefa ist 14.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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