20.11.2019 13:00 |

Mehrere Millionen wert

Grenzwertig im Grenzbereich im Mini-Formel-Auto

So klein und schon ein Formel-Auto? Richtig! Dieses Geschoss ist ein elektrisch angetriebener Formula-Student-Bolide und tut nur so, als wäre er ein Spielzeug. Tatsächlich ist das wohl einer der emotionalsten Elektro-Renner, die es gibt. Mich hat er jedenfalls an meine Grenzen gebracht...

Die blanken Zahlen wirken zwar vordergründig nicht aufregend, versprechen aber schon eine Menge Spaß: Zwei Motoren stellen insgesamt 80 kW/108 PS bereit. Diese Power trifft auf ein Gewicht von 185 kg (ohne Fahrer) und treibt die Hinterräder an.

Logischerweise fährt das Ding aber nicht ohne Fahrer, mit mir steigt die Masse um deutlich mehr als die Hälfte an. Es würde natürlich wahnsinnig helfen, 1,65 Meter groß zu sein und dementsprechend leicht, aber in blauäugiger Unterschätzung meiner relativen körperlichen Überdimensioniertheit habe ich mir die seltene Gelegenheit nicht entgehen lassen, mich in das aktuelle Wettbewerbsfahrzeug des Teams KaRaT (= Kaiserslautern Racing Team) zu zwängen.

Vielleicht doch Formula SM?
Was tut man nicht alles für sein Hobby, ungewöhnliche Autos zu fahren! Der Sitz ist so eng wie ein Schraubstock, ach was, der Sitz - die ganze Kanzel gewährt mir genau null Bewegungsspielraum. Ich lasse mich in den Sechspunktgurt schnallen, was mir erst einmal die Luft nimmt. Zusätzlich werden meine Handgelenke gefesselt. Was aussieht wie lustvolle Fesselspiele, hat einen ganz harmlosen Grund: Sollte ich mich überschlagen, verhindern die Riemen, dass meine Arme herumschlackern und vom aufschlagenden Fahrzeug abgequetscht werden.

Lustvoll wird es dennoch, nämlich sobald ich in Fahrt bin. Die Beschleunigung ist brachial, in 2,9 Sekunden geht es aus dem Stand auf Tempo 100. Auch Zwischenspurts sind ein brutales Erlebnis, weil das einstufige Getriebe so kurz übersetzt ist (4,9:1), dass die Höchstgeschwindigkeit nur 130 km/h beträgt. Das reicht aber für den Einsatz auf kleinen Handlingkursen, wo es mehr um Beschleunigung als um Endgeschwindigkeit geht, völlig aus.

Brutale Gewalt in Kurven
Noch genialer fühlt sich die mögliche Querbeschleunigung an, die geradezu süchtig macht. Der „Electronyte 19“ liegt wie ein Brett und ist unfassbar wendig. Dazu trägt auch die Aerodynamik bei, die Flügelei sorgt für beträchtlichen Abtrieb, bei 54 km/h sind es 260 N, bei 130 km/h rund 1800 N. Theoretisch könnte der Electronyte 19 da schon fast verkehrt herum an der Decke fahren - praktisch nicht, weil da zum einen noch kein Fahrer mitgerechnet ist und zum anderen vorher die Strömung abreißt.

Die beiden Motoren, die je ein Rad antreiben, werden separat angesteuert, wodurch Torque Vectoring ermöglicht wird, das Antriebsdrehmoment wird also nach Bedarf verteilt.

Das Chassis wiegt samt Aluminium-Überrollbügel 24 kg, es ist jede Mange Alu und Carbon verbaut. Die Stahl-Doppelquerlenker sind selbstentwickelt, das Pullrod-Fahrwerk sorgt für einen tiefen Schwerpunkt, auch die 7,35 kWh starken Lithium-Ionen-Akkus sind in den beiden Seitenkästen tief eingebaut, sodass ihre insgesamt 48,2 Kilogramm wenig ins Gewicht fallen. Angesichts des kurzen Radstandes hätte ich ein extrem giftiges Fahrverhalten erwartet, aber weit gefehlt: Der E-Bolide ist fast schon gutmütig.

Auch wenn er es mir nicht leicht macht, denn das Lenkrad ist derart zwischen meinen Oberschenkeln eingequetscht, dass lenken zu einer echten Herausforderung wird. Gebremst wird über eine Motorrad-Bremsanlage, deren Scheiben eigens entwickelt wurden.

Wer jetzt Lust bekommen hat, mit so einem Hammer-Gefährt die Reifen rauchen zu lassen, sollte das richtige Studium wählen und sich einem Formula-Student-Team anschließen. Die Formula Student ist ein internationaler Konstruktionswettbewerb für Studierende der unterschiedlichsten Hochschulen. Das Team KaRaT besteht zum Beispiel aus rund 50 Mitgliedern, die den hier gefahrenen Rennwagen entwickelt haben.

Die Erfahrung, die man hier sammelt, ist wohl unbezahlbar. Das Fahrzeug übrigens auch. Genaue Angaben werden nicht veröffentlicht, aber der Wert liegt auf alle Fälle bei mehreren Millionen Euro. Nicht nur deshalb bin ich froh, dass ich den Sinn der Handfesseln nicht erfahren musste...

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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