13.10.2019 06:30 |

„KRONE“-KOMMENTAR

„Wahrheit, die nur wehtut, ist nicht wahr genug“

Nach der Beerdigung von Hanni sitze ich mit ihren Söhnen im Gastgarten gegenüber dem Wiener Zentralfriedhof. Hannis Mann Herbert ist nicht dabei. Die Anreise aus Tirol, wo er und Hanni die letzten Jahre gelebt haben, war für den 83-Jährigen nicht machbar. Herbert hat Demenz. „Wir haben Papa gar nicht gesagt, dass Mama tot ist“, erzählt sein Sohn. „Der Arzt hat gemeint, wir sollen es lassen. Er würde es ja wieder vergessen, und die schreckliche Nachricht wäre für ihn jeden Tag ein neuer Schock. Wenn er nach Mama fragt, sagen wir, sie ist einkaufen.“

Ich denke an den Film „Good bye, Lenin“, in dem es um eine überzeugte Sozialistin in Ostberlin geht, die im Koma liegt und die Wende 1989 nicht mitbekommt. Als sie aufwacht, gaukelt ihr die Familie vor, sie würden nach wie vor in der „alten“ DDR leben, um sie zu schonen. Vorspiegeln falscher Tatsachen als Liebesdienst – im Zusammenhang mit Demenz begegnet das öfter: Dem Großvater wird erklärt, sein Auto sei in der Werkstatt, um ihm nicht sagen zu müssen, er könne nicht mehr Auto fahren. In Demenzgärten werden Bushaltestellen aufgestellt, in denen Bewohner sitzen und warten, aber der Bus kommt nie. Im Pflegeheim steht ein Zugabteil, die Alten sitzen drin und sehen idyllische Landschaften vor dem Fenster vorüberziehen, es ist ein Film, der abläuft. Kunstwelten werden geschaffen, die Menschen mit Demenz ruhig und zufrieden stimmen sollen. Das funktioniert. Ist es auch richtig?

Du sollst nicht lügen, so das 8. Gebot. Ist ein Täuschungsmanöver, das schonen oder glücklich machen soll, überhaupt eine Lüge? In einem Lied, das ich als Jugendliche in Gottesdiensten öfter gesungen habe, heißt es: „Wahrheit, die nur wehtut, ist nicht wahr genug.“ Ist eine Notlüge nicht besser für Menschen mit Demenz, als ihnen die ungeschminkte schmerzhafte Wahrheit zuzumuten?

Andererseits: Haben nicht auch Menschen mit Demenz ein Recht auf Wahrhaftigkeit? Ich denke an die zweite Liedstrophe: „Liebe, die nicht wahr ist, ist nicht tief genug.“ Was kann helfen? „Liebe, die nicht schont“, und „Wahrheit, die auch liebt“, schlägt unser Lied vor. In diesem Sinne mache ich Hannis Söhnen einen Vorschlag: „Es macht wirklich wenig Sinn, wenn Sie Ihrem Vater dreimal am Tag sagen: Deine Frau ist gestorben. Aber Sie könnten, wenn er das nächste Mal nach Hanni fragt, zurückfragen: Vermisst du Mama? Ich denke, der Vater spürt, dass etwas nicht stimmt, dass Hanni nicht mehr da ist. Er vermisst sie. Es ist wichtig, diese Gefühle ernst zu nehmen.“

Wir reden noch weiter über Wahrhaftigkeit und auch über das Recht zu trauern. Vier Monate später bekomme ich ein E-Mail aus Tirol. Die Söhne sind mit Herbert in die Kirche gegangen und haben eine Gedenkkerze für Hanni angezündet.

Pfarrerin Maria Katharina Moser, Kronen Zeitung
maria.moser@evang.at

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