17.09.2019 06:00 |

Viele zahlen drauf

Grüß Gott, ich bin eine Waldviertler Pendlerin

Die Pendler sind bei dieser Wahl in aller Munde. Kein Wunder: 3,8 Millionen Österreicher pendeln täglich zur Arbeit. Und viele zahlen dabei drauf. Die „Krone“ zeigt auf, warum das so ist.

Der Pendler aus dem Waldviertel - in den TV-Duellen im laufenden Wahlkampf wird dieses Fallbeispiel von den Spitzenkandidaten regelmäßig überstrapaziert. Zeit wird es, dem Ganzen ein Gesicht zu geben.

Wir sprechen mit Julia Fessl, einer Kindergärtnerin aus Gmünd im Waldviertel. Sie ist eine von 3,8 Millionen Österreichern, die zur Arbeit pendeln müssen. In Julia Fessls Fall sind es 60 Kilometer zum Kindergarten nach Lasberg in Oberösterreich. Hin und zurück, versteht sich. Macht also: 120 Kilometer am Tag. Fünfmal die Woche.

„Das schaffe ich mit keinem Zug oder Bus“
Ein Leben ohne Auto - wie es manche Politiker anpreisen wollen - ist für sie undenkbar. „Ich muss täglich um 7 Uhr im Kindergarten sein - das schaffe ich mit keinem Zug oder Bus“, sagt sie. Warum sie nicht gleich in ihrer Heimat als Pädagogin arbeitet? „Ganz einfach - es war keine Stelle frei.“

Die knapp einstündige Anfahrt zu „ihren“ Kids in Lasberg ist für die Pädagogin zwar kein Problem („Das halte ich aus“), für ihre Geldbörse allerdings schon. „Ich muss mein Auto einmal pro Woche volltanken. Das sind 45 Euro pro Tank“, verrät sie. Macht umgerechnet 180 Euro im Monat. Hinzu kommt die Vignette, die Fessl zum Pendeln braucht.

Was die Pädagogin über die Pendlerpauschale dafür „zurückbekommt“, reicht nicht ansatzweise aus, um die Kosten abzudecken: „Meine Pauschale beträgt 214 Euro im Monat“, verrät sie. Das Problem dabei: Die 214 Euro sind nur ein steuerlicher Absetzbetrag und werden nicht netto ausbezahlt.

Zusätzliche Unterstützung bietet Julia Fessl der Pendlereuro: Dieser wird einmal pro Jahr vom Staat gewährt. Der Schlüssel: zwei Euro pro Kilometer zwischen Wohnung und Arbeitsplatz. Sind in Fessls Fall: 120 Euro pro Jahr. Sie haben den Überblick verloren? Keine Sorge, damit sind Sie nicht alleine.

Auch die Experten vom Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) kritisieren, dass die Pendlerförderung in Österreich zu kompliziert und nicht treffsicher sei. „Sie muss entwirrt werden“, fordert Daniela Kletzan-Slamanig vom Wifo. Schließlich würden Personen mit geringem Einkommen von der Pendlerpauschale weniger profitieren als Personen in höheren Steuerklassen. Kletzan-Slamanig: „Zwei Drittel der Pendlerförderung fließen bereits an jene Arbeitnehmer, die über dem Durchschnitt verdienen.“

Wie es bisher läuft
Seit 2014 wird durch den Pendlerrechner des Finanzministeriums erhoben, wer die kleine oder große Pauschale erhält (siehe Grafik unten). Die Höhe hängt auch davon ab, ob „Öffis“ im Umfeld des Wohnortes verfügbar sind.

Für die Zukunft fordert Wifo-Expertin Kletzan-Slamanig ein Modell, „das sich an den tatsächlichen Ausgaben der Pendler orientiert“. Bis es so weit ist, wird Julia Fessl wohl noch viele Kilometer vom Waldviertel nach Oberösterreich pendeln müssen.

Christian Rosenzopf, Kronen Zeitung

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