„13 reasons why“

MedUni Wien warnt vor umstrittener US-Serie

Seit der Erstausstrahlung 2017 steht die US-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ (Orginaltitel: „13 reasons why“) in der Kritik. In der Produktion geht es um den Selbstmord einer 17-jährigen Schülerin, die dritte Staffel startet am 23. August. Das Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien beschäftigte sich mit der Suizidrate in den USA in Zusammenhang mit ebendieser Serie. Studienleiter Thomas Niederkrotenthaler spricht sich zwar für die Darstellung der Suizid-Problematik im Fernsehen aus, kritisiert jedoch, wie in der umstrittenen US-Serie damit umgegangen wird.

Die erfolgreiche Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ sah sich von Anfang an massiver Kritik gegenüber. Immerhin greift sie ein heikles Thema auf: Die 17-jährige Hannah Baker kommt an eine neue Schule und wird durch Intrigen immer mehr zur Außenseiterin. Als sie von einem Mitschüler auch noch vergewaltigt wird, sieht sie keinen anderen Ausweg mehr und nimmt sich das Leben. Davor nimmt sie jedoch 13 Kassetten auf, bestimmt für jede Person, der sie eine Mitschuld an ihrem Suizid gibt. Eltern in den USA liefen Sturm gegen die Serie und befürchteten, dass sie zu Selbstmord verleiten, ihn sogar verherrlichen würde. Aus Sicht der Mediziner lieferte die Serie alle Zutaten für den sogenannten Werther-Effekt. Der Name ist an Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ angelehnt. Nach seiner Veröffentlichung 1774 kam es zu einer Reihe von Selbstmorden unter jungen Männer. Der Effekt gilt heute als belegt.

„Die Darstellung der Suizid-Problematik im Fernsehen ist wichtig für die Entstigmatisierung. Aber es kommt auf das ‚Wie‘ an. Wichtig ist es, zu zeigen, dass es immer eine andere Lösung, dass es immer einen anderen Ausweg aus einer schwierigen Lebenssituation gibt“, betonen die MedUni Wien-Forscher. Das ist bei dieser Netflix-Serie nicht gegeben, zu sehr würden soziale Alltagsprobleme von Jugendlichen als aussichtslos dargestellt und immer wieder mit der Möglichkeit eines Suizids verknüpft. Auch Hilfsmöglichkeiten würden als nicht vorhanden oder als völlig nutzlos dargestellt werden. „Es ist aber äußerst wichtig, zu zeigen, dass es möglich ist, sein Leben in den Griff zu kriegen und dass es immer einen Ausweg und Hilfe gibt.“

Es ist also nicht verwunderlich, dass seit 2017 in den USA einige Studien durchgeführt wurden, die einen Zusammenhang zwischen der Suizidrate und der Ausstrahlung der Serie untersuchten. City4U hat bereits darüber berichtet. Nun haben sich auch Forscher der Unit Suizidforschung und Mental Health Promotion am Zentrum für Public Health der MedUni Wien damit beschäftigt. Studienleiter Thomas Niederkronthaler und Benedikt Till konnten dabei die Ergebnisse der vorherigen bestätigen: „Binnen drei Monaten nach Release der Serie ist bei der Gruppe der Zehn- bis 19-Jährigen ein Anstieg von 13 Prozent nachzuweisen, das sind 94 Suizide mehr in diesem Zeitraum.“ Statt üblicherweise rund 720 Suiziden in drei Monaten US-weit in dieser Altersgruppe gibt es assoziiert mit der TV-Serie daher insgesamt mehr als 800. Der Anstieg fand aber nur in der Gruppe der Zehn- bis 19-Jährigen statt.

Die internationalen Suizidforscher wollen daher gemeinsam Druck auf die Unterhaltunsindustrie aufbauen, "um dort eine verbesserte Darstellung von Suizidalität zu erreichen. Es ist wichtig, Suizidalität auch medial zu thematisieren, und das ohne Risiko für Menschen mit Suizidgedanken zu tun.“ Denn es geht auch umgekehrt. Immerhin können Filme und Serien auch einen positiven Effekt haben, wenn gezeigt wird, wie der Protagonist aus seiner vermeintlich ausweglosen Lage wieder herauskommt. Dies nennt man dann übrigens „Papageno-Effekt“, angelehnt an Mozarts Oper „Die Zauberflöte“.

Wenn ihr oder eine euch nahestehende Person von Suizid-Gedanken betroffen ist, wendet euch bitte an die Telefon-Seelsorge unter der Telefonnummer 142. Weitere Krisentelefone und Notrufnummern findet ihr HIER.

August 2019

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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