Mi, 22. Mai 2019
13.05.2019 07:00

Neues Album

Employed To Serve: Ein Herz für die Jugend

Mit ihrem dritten Album „Eternal Motion Forward“ zeigt sich die britische Hardcore/Metal-Band Employed To Serve so brachial und inhaltsstark wie nie zuvor. Frontfrau Justine Jones garniert das spannend komponierte Werk mit Texten über Suizidraten, Depressionen, jugendliche Unsicherheiten und Perfektionsdruck auf Social-Media-Plattformen. Damit kreiert die Band eine vertonte Lebenshilfe für eine ganze Generation der Unsicheren und Ungesicherten.

Kritisches Nachfragen ist unerwünscht, Hörigkeit willkommen. Schön buckeln, immer machen, was der Chef sagt und die eigenen guten Ideen möglichst weit hintanstellen, bevor man sich mit einem cholerischen Anfall des Vorgesetzten auseinandersetzen muss. Wir sind angestellt um zu dienen - Employed To Serve. Auch im Jahr 2019 sind solch prekäre Arbeitsverhältnisse immer noch Realität. Nicht nur in der Politik ist zunehmend zu bemerken, dass junge Menschen mit progressiven Ideen sich ihre Zähne am Granit der Altvorderen ausbeißen, auch in der Wirtschaft schiebt man längst fällige Veränderungen auf die lange Bank. Unterhaltungen auf Augenhöhe sind nichts weiter als eine Chimäre, Eifer und Leistungswillen alleine reichen nicht mehr aus, um sich wirklich einen Karrierevorteil zu verschaffen. Dazu kommen noch Quarterlife-Crisis, existenzielle Unsicherheit und der stete Druck, sich im oberflächlichen Fangbecken der Social-Media-Welt auch in den dunkelsten Momenten dauerschmunzelnd verkaufen zu müssen.

Lösung statt Verzweiflung
All diese Probleme junger Menschen haben Employed To Serve mitunter am eigenen Leib erfahren. 2012 formierte sich die Band in der Arbeiterstadt Woking, einem eher desillusionierenden Gebiet außerhalb Londons, um mit einer brachialen Mischung aus US-Hardcore und groovendem Metal über die wirklich wichtigen Themen des Lebens zu singen. Ungeschönt, ungefiltert, unzensiert. Ihr zweites Werk „The Warmth Of A Dying Sun“ wurde vor zwei Jahren nicht nur zum Album des Jahres der Szenebibel „Kerrang!“ gewählt, sondern hat sich aufgrund der Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Realität auch einen Platz außerhalb der eng gesteckten Nischengrenzen erkämpft. Employed To Serve suhlen sich aber keinesfalls in der Negativität, sondern suchen nach Lösungsmöglichkeiten. Sie bilden die Kompromisslosigkeiten des Lebens authentisch ab, stellen aber sicher, dass am Ende alles gut wird. „There’s Hope For Tomorrow“, schallt es im Schlusstrack „Bare Bones On A Blue Sky“ aus dem Äther und nach einer knappen Dreiviertelstunde humaner Dystopie lechzt man förmlich nach diesem letzten Funken Lebensfreude, der einem aus den dunkelsten Zeiten zu ziehen vermag.

Die Hoffnung schwingt auch im Albumtitel und dem Opener-Track „Eternal Motion Forward“ mit. „Die Grundidee dahinter ist, dass die Zeit immer voranschreitet, das im Großen und Ganzen aber eine gute Sache ist“, erklärt Frontfrau Justine Jones, „egal, in welcher Scheiße du derzeit auch gerade steckst. Die Welt dreht sich weiter und die Zeit wird alle Wunden heilen. Für unsere Verhältnisse ist der Song ungewöhnlich hymnisch ausgefallen.“ Hymnisch für geübte Ohren, denn gerade die Vocals von Jones sind gewöhnungsbedürftig. Wie vom Teufel besessen schreit und kreischt sie sich durch die Nummern und gibt den einzelnen Songs damit eine bedrohliche Atmosphäre, die wirkungsvoll mit der Intensität der Texte einhergeht. Musikalisch wildern die Briten nicht nur im Fahrwasser von jungen und aussagekräftigen Bands wie Code Orange oder Vein, sondern zitieren auch gerne von den eigenen Heroen. Ein Schuss Korn, eine Prise Deftones, ein paar Esslöffel Converge und als Zuckerguss zieht sich auch die viehische Vehemenz der frühen Slipknot durch das ganze Album. Am Eindringlichsten klingen Employed To Serve immer dann, wenn Gitarrist Sammy Urwin seine schneidenden Riffs direkt unter der Kratzstimme Jones‘ parkt.

Pikante Themen
Dass die beiden das Projekt ursprünglich als Zwei-Personen-Grindcore-Band gestartet haben, hört man auch Jahre später immer noch heraus. Wilde, unbeherrschte Ausritte lassen sich die Briten nämlich auch trotz steigendem Bekanntheitsgrad nicht nehmen, was dem Ganzen eine herzerwärmende „Scheißegal“-Attitüde verleiht. In den verschrobenen Momenten verschreibt sich dem Band pfeilschnellen Mathcore-Anleihen á la Dillinger Escape Plan, nur um stets im richtigen Moment die Handbremse zu ziehen und mit einem unwiderstehlich durchdringenden Breakdown wieder für Ordnung zu sorgen. Die allergrößten Highlights hat man dabei im ersten Albumdrittel versammelt. Im rasanten „Dull Ache Behind My Eyes“ schreit uns Jones die Ängste des Übrigbleibens im Alter entgegen, das gleich darauffolgende „Harsh Truth“ ist das Kernstück des Werks. Mit beeindruckender Intensität leitet die Sängerin in eine Nummer, die sich im Sekundentakt zu einer brachialen Klangbestie steigert. Es geht um die Oberflächlichkeit im Social-Media-Zeitalter und die jährlich steigenden Selbstmordraten in Großbritannien bei 15- bis 29-Jährigen. Nur selten hat eine Band solch pikante Themen mit einer derartigen Vehemenz überliefert.

Jones spricht Themen wie Depressionen, sexuelle Belästigung, Respektlosigkeit, Selbstmordgefahr und Alterssorgen genau in dem Sinne an, wie man es auch machen sollte - als wäre es das Normalste und Alltäglichste auf dieser Welt. Das macht diese nur scheinbar unscheinbaren Briten mit dem Hang zur vertonten Apokalypse zu einem wichtigen Sprachrohr einer ganzen Generation. Die Sorgen und Nöte der auf der Strecke bleibenden Jungen werden ernstgenommen und schonungslos an die Oberfläche bugsiert, ohne mit dem moralischen Zeigefinger zu deuten oder die unterschiedlichen Generationen gegeneinander ausspielen zu wollen. Gemeinsam mit den stumpferen Code Orange stehen Employed To Serve jedenfalls an der Spitze einer frischen Riege an Bands, die nicht mehr bereit sind, gegebene Strukturen einfach so hinzunehmen - und für den Kampf dagegen keinen Zentimeter zurückstecken.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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