So, 19. Mai 2019
01.05.2019 04:00

Schlüssel-Geschichte

Vom Metallstück zum virtuellen Fingerabdruck

Einst sind Automobile ganz ohne ihn ausgekommen, doch vor über hundert Jahren setzte sich die Idee des Zündschlüssels durch, seither durchlebte er eine Reihe von Wandlungen in Form und Funktion. Die Evolution vom einfachen Metallstück mit Schließfunktion zum elektronischen Multitalent ist noch jung. Doch in naher Zukunft dürfte das als Prestige-Objekt oftmals aufwendig inszenierte Kleinod dank der allgegenwärtigen Vernetzung ausgedient haben.

Um 1900, als Automobile im Straßenbild noch eine Sensation waren, wurde das Konzept eines Zündschlüssels gerade erst erdacht. Bei den ersten Autos war der Startvorgang noch viel zu komplex als das er sich mit einer kleinen Handbewegung hätte initiieren lassen. Gut geschulte Chauffeure mussten in mehreren Schritten mit einem komplexen Ablauf den Motor starten. Die Aktivierung einer Zündung per Drehschalter war nur einer davon. Diebstahlsicherung war zu der Zeit noch kein Thema.

Auch die Erfindung des Anlassers 1899 hat dem Autoschlüssel nicht gleich zum Durchbruch verholfen. Bei den ersten Autos mit einem Anlasser waren Diebstahlsicherung und Motorstarts noch längst nicht kombiniert. Um 1910 gab es die ersten Anfänge, auch einen Diebstahlschutz per Schlüssel einzuführen, indem etwa der Stromkreis für die Zündung per Schlüssel geschlossen wurde. Den Motor selbst musste man zumeist noch per Drehkurbel zum Leben erwecken.

Erst in den 1920er-Jahren hat man als Nobellösung erstmalig Zünd-Anlass-Schalter in Autos montiert. Dabei wurde in einer Bewegung der Stromkreis geschlossen und zugleich der Anlasser gestartet. Nach dem Abziehen ließ sich sogar das Lenkrad einrasten. Parallel kam in dieser Zeit das Abschließen des Fahrzeugs in Mode, wofür allerdings ein separater Schlüssel eingesetzt wurde.

Autoschlüssel zum Preis eines ganzen Autos
Künftig fungierten Autoschlüssel auch als Symbol für den Besitz des Automobils, weshalb sie selbst gerne als Schmuckstück inszeniert wurden. Dabei haben die Autohersteller immer wieder kreative Serienlösungen entwickelt, reiche Kunden leisteten sich zudem individuelle Nobellösungen. So wurde für einen Mercedes SL 300 der Königin Soraya eigens ein Zündschlüssel aus Gold gefertigt. Auch heute noch werden Schlüssel gerne individualisiert. Das Angebot reicht von bunten Plastikverschalungen bis zu aufwendigen Schmuckarbeiten. Die Berliner Manufaktur Noblekey hat sich vor einigen Jahren darauf spezialisiert, besonders edle Schlüssel nach ganz individuellen Wünschen herzustellen. Einstiegsmodelle gibt es für untere vierstellige Summen, Sonderanfertigungen können so viel wie ein neuer Mittelklassewagen kosten.

Chrysler als Vorreiter
Für normale Autos hingegen blieb es hingegen meist bei Standardware aus Stahl, und das in oft üppigen Bündeln. So wurden teilweise für Zündschloss, Fahrer- und Beifahrertür, Kofferraum oder Tankdeckel unterschiedliche Schlösser montiert, weshalb sich für manches Mobil die Zahl der Schlüssel auf eine in der Praxis unhandliche Menge summierte. Das erste Auto, bei dem sich Zünd- und Türschlüssel vereinten, kam 1949 von Chrysler, doch erst ab den 60er-Jahren setzte sich die Kombination von Zünd-ist-gleich-Türschlüssel durch. Oft wurde die Schlüsselreide, also der griffige Teil oberhalb des Schlüsselbarts, als Markenemblem inszeniert, später gerne gerahmt von einer Kunststoffummantelung.

In diese Schlüsselreide wurden dann sogar Funktionen integriert. So waren einige Zeit kleine Taschenlampen en vogue. Viel wichtiger: Ab Mitte der 90er-Jahre setzte sich die Zentralverriegelung durch, dank der ein Schlüsseldreh reichte, um allen Gästen Zugang zu gewähren. Mit der Integration von Fernbedienungen in den Schlüssel, die ein elektronisches Signal ans Fahrzeug senden, erhöhte sich der Schließkomfort weiter, denn fortan reichte ein kurzer Druck, um das Fahrzeug zu öffnen. Der eigentliche Zündschlüssel versteckte sich meist im Plastikgehäuse, aus dem er sich per Knopfdruck ausklappen ließ.

Mit und doch ohne Schlüssel
Der nächste wichtige Schritt war die Einführung von Keyless-Systemen, die oft auch ein schlüsselloses Öffnen und Schließen ermöglichten. Zunächst auf Knopfdruck, später auch einfach automatisch per Funksignal. Zündschloss und Zündschüssel wurden dabei obsolet und der Motorstart per Knopfdruck initiiert. Der Schlüssel als Signalgeber nahm unterschiedlichste Formen wie etwa eine große Scheckkarte an. Besonders moderne Schlüssel, wie der LCD-Schlüssel von BMW, sind bereits kleinen Smartphones ähnlich.

Und das Smartphone ist es, das den Zündschlüssel wohl schon bald endgültig beerben wird, unter anderem auch aus Sicherheitsgründen, denn das Funksignal des Schlüssels lässt sich abfangen, was es Diebe teilweise leicht macht, Autos zu kapern. Die Zukunft, da ist sich etwa der Autozulieferer Bosch sicher, liegt im Smartphone. Dabei erkennen fest ins Fahrzeug verbaute Sensoren das Handy des Besitzers so sicher wie einen Fingerabdruck und öffnen die Türen nur für ihn. Im Falle eines Verlusts lässt sich das System sperren. Alternativ ist es per App möglich, anderen Nutzern, auch zeitlich begrenzt, Zugang zu gewähren. Das Smartphone als virtueller Schlüssel kann dank Bluetooth als Übertragungstechnologie nicht abgefangen werden. Außerdem ist die Lösung praktisch, denn das Mobiltelefon tragen wohl mittlerweile die meisten stets mit sich. Und noch was ändert sich: Die nervige Suche nach dem Autoschlüssel dürfte damit der Vergangenheit angehören.

(SPX)

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