04.02.2019 06:00 |

„Ohne jeden Verstand“

Tempolimit-Diskussion in Deutschland wird hitziger

Während in Österreich immer öfter 140 km/h erlaubt sind, diskutiert Deutschland über eine 130er-Begrenzung statt Vollgas-Autobahnen.

Einige Tage reagierte sie nicht, dann sprach Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert in der Debatte um ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen ein Machtwort. Es darf (vorerst) weiter Vollgas gegeben werden bei unseren Nachbarn. Und während bei uns immer mehr Abschnitte für Tempo 140 freigegeben werden, wird in Deutschland die Diskussion fortgeführt. Und zwar hart am Limit.

Umwelthilfe hat „vorsichtig hochgerechnet“
So musste die Deutsche Umwelthilfe nun einräumen, dass sie für ihre Forderung nach Tempo 80 auf Landstraßen und 120 auf Autobahnen mit Daten aus dem Jahr 1999 gearbeitet hat. Geschäftsführer Jürgen Resch, der fünf Millionen Tonnen CO2-Einsparung jährlich versprochen hatte, gab zu, „vorsichtig hochgerechnet“ zu haben.

Ebenso unseriös wie die Argumentation des deutschen Verkehrsministers Andreas Scheuer (CSU), der von einer Diskussion „ohne jeden Menschenverstand“ sprach. Dabei hat ausgerechnet eine Regierungskommission den Stein erst ins Rollen gebracht: Die Arbeitsgruppe „Nationale Plattform Zukunft der Mobilität“ schlug ein Tempolimit von 130 km/h, höhere Spritkosten und eine Pflichtquote von Elektroautos vor, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Hintergrund sind die Klimaschutz-Ziele der Bundesregierung bis 2030.

Die deutschen Grünen wären dafür: „Ein Gebot der Vernunft“, meint deren Vorsitzender Cem Özdemir. Die SPD hat bereits 2009 die Einführung eines Tempolimits auf ihrem Bundesparteitag beschlossen - mehr aber auch nicht.

Röhrl: „Experten müssen aus Nervenheilanstalt eingefangen worden sein“
„Das ist so ein bisschen, wie wenn Sie mit Amerikanern über das Recht, Waffen zu tragen, diskutieren“, ätzt Özdemir. Tatsächlich fallen die Reaktionen heftig aus, so grollte etwa Rallye-Legende Walter Röhrl: „Die Experten, die diese Vorschläge gemacht haben, müssen aus der Nervenheilanstalt eingefangen worden sein.“

Elektrische „Bremse“?
Der Bayer macht allerdings auch keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Elektroautos. Ausgerechnet die könnten aber die Debatte über ein Tempolimit sinnlos machen: Geschwindigkeiten jenseits von 120 km/h verringern die Reichweite von E-Autos erheblich. In einer Zukunft mit mehr Elektromobilität würde also zwangsläufig ein niedrigeres Autobahn-Tempo gefahren.

„Viele Abschnitte haben bereits ein Limit“
Die „Krone“ sprach mit Sebastian Obrecht, Verkehrsexperte des ARBÖ.

„Krone“: Deutschland diskutiert über die Einführung eines 130-km/h-Limits, Österreich hebt stückweise auf 140 an. Welches Land geht nun in die falsche Richtung?
Sebastian Obrecht: Beide Länder gehen in die richtige Richtung. In Österreich wurden um viele Milliarden Euro Autobahnen und Lärmschutzwände errichtet, damit man zügig vorankommt. Diese Infrastruktur sollte daher auch genützt werden. Um in Deutschland wirklich viele Emissionen einzusparen, ist ein generelles Tempolimit aber nicht geeignet, da dort auf vielen Autobahnabschnitten ohnedies bereits ein Tempolimit gilt. Und auch wo es keines gibt, halten viele die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h ein.

Laut Statistischem Bundesamt war der Autoverkehr in Deutschland 2017 für die Emission von 115 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich, also 6,4 Prozent mehr als 2010. Wie kann das sein, wo doch die Grenzwerte für Neuwagen immer strenger ausfallen?
Der Fahrzeugbestand nimmt jedes Jahr zu, auch die Fahrleistung steigt. In Deutschland gab es 2018 um sieben Millionen Fahrzeuge mehr als zehn Jahre zuvor. Hinzu kommt, dass die jährlichen Lkw-Zuwachsraten teilweise bei bis zu acht Prozent liegen.

Sollte die EU einheitliche Tempolimits haben?
Das sollte nationales Recht bleiben, da die Länder topografisch extrem unterschiedlich sind und auch die Qualität des Straßennetzes nicht vergleichbar ist.

Stefan Burgstaller, Kronen Zeitung

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