Fr, 16. November 2018

Inside the „future“

05.09.2018 16:00

Acht Dinge, die Sie zum Mercedes EQC wissen müssen

Die Erwartungshaltung, die von den großen deutschen Autoherstellern geschürt wird, ist groß. Alles elektrisch, Mega-Reichweiten, vollautonom, und dann erst die Optik! Zukunft ist cool und perfekt und überhaupt revolutionär? Nein, ist sie nicht, wie die Vorstellung des rein elektrisch angetriebenen Mercedes EQC in Stockholm zeigt. Daimlers erstes Serienfahrzeug der neuen Marke EQ ist Evolution statt Revolution - und bleibt auf die Studie „Concept EQ“ etwas schuldig.

Allerdings müssen wir die Kirche im Dorf lassen: Weniger als ein zulassungsfähiges Raumschiff, das auf den Markt kommt, muss bei den Kunden Enttäuschung auslösen.

1. Reichweite und Antrieb
Doch zumindest die eigenen konkreten Versprechungen hätte man einhalten können. Der Mercedes EQC, satte 2,4 Tonnen schwer (nach DIN) schafft nach NEFZ eine Reichweite von 450 Kilometern, nach WLTP sind es „über 400 Kilometer“ - statt „bis zu 500 Kilometern“, wie mit dem Concept EQ angekündigt. Zum Vergleich: Der Jaguar I-Pace, der bereits jetzt und nicht erst ab Sommer 2018 verkauft wird, schafft nach WLTP 470 Kilometer, bei annähernd gleicher Leistung (Jaguar 294 kW, Mercedes 300 kW).

Die Kraft des EQC kommt aus zwei je 150 kW leistenden Elektromotoren an den Achsen, die einen Sprint auf 100 in 5,1 Sekunden ermöglichen sollen, bei 180 km/h wird abgeregelt.

2. Das Laden
Wenig revolutionär geht es auch zu, wenn der Mercedes EQC an die Steckdose muss. Mehr als 110 kW Ladeleistung ist nicht drin, um den 80 kWh fassenden Lithium-Ionen-Akku zu füllen. Mercedes ist Mitbegründer des Joint Ventures Ionity, das bis 2020 an Autobahnen in ganz Europa insgesamt 400 Schnellladestationen aufbauen will. Diese Ladesäulen lassen aber bis zu 350 kW zu, firmeneigene Säulen leisten laut dem Hersteller Tritium sogar bis zu 475 kW.

3. Pionier und Feindbild Tesla
„Elektromobilität hat endlich Mercedes“ hieß es in Stockholm. Als wenn die Welt darauf gewartet hätte. Ja, natürlich, es ist gut, dass es endlich ein großes Elektroauto mit einigermaßen adäquater Reichweite gibt, das Tesla auf seinem eigenen Terrain Paroli bieten kann und mit Tradition, Verlässlichkeit, Qualität, Durchdachtheit und Sicherheit in den Schatten stellt. Als Gesamtkonzept, nicht mit plakativen Fahrleistungen und Autopilotfunktionen, die immer wieder zu Horrorschlagzeilen führen.

Am Rande bemerkt: Wir wären nicht, da, wo wir in Sachen Elektromobilisierung sind (ob das nun gut oder schlecht ist), wenn Tesla nicht derart vorgeprescht wäre. Daimler-Entwicklungsvorstand Ola Källenius bei seinem „Heimspiel“: „Einer hat einen Schneeball geworfen, jetzt finden wir uns in einer Lawine wieder. Wer das ist und ob etwas früher oder später, ist unwesentlich.“ Klingt ein wenig nach Realitätsverweigerung.

4. Was ist der Mercedes EQC eigentlich?
Nein, der Mercedes EQC kann nicht fliegen, er fährt. Allradgetrieben von je einem 150 kW starken Elektromotor an der Vorder- und Hinterachse. Er ist also kein Raumschiff. Aber was dann? Daimler spricht von einem Midsize-SUV und zieht den Vergleich zum GLC. Doch sowohl der Vergleich als auch die Bezeichnung hinkt. Obwohl nur zwei Zentimeter niedriger als ein Mercedes GLC, weist der EQC - wegen der dicken, in 100 kg Aluminium gepackten Batterie - lediglich eine Bodenfreiheit von zwölf Zentimetern auf, sollte also Offroad-Gelände nur von Weitem zu sehen bekommen. Zum Vergleich: Ein AMG GT hat mit zehn Zentimetern kaum weniger Luft unterm Boden, der Jaguar I-Pace respektable 14 Zentimeter - und das, obwohl er sechs Zentimeter flacher ist (1,56 Meter), ohne wesentlich weniger Raumgefühl auf der Rückbank zu bieten. Immerhin ist der Unerboden gut geschützt und weist sogar einen kleinen Räumschild aus Alu auf, der zum Beispiel einen Pflasterstein wegräumen kann, der eventuell auf der Straße liegt.

5. Warum die Plastikfront? Und wo sind die Lichtspiele?
Der Mercedes Concept EQ wirkte von vorne wie aus einem Videospiel, blau-weiß beleuchtete Front, kein Kühlergrill, lediglich Lichtstreifen, die daran erinnerten, dass es einmal so etwas gab. Beim Serienmodell EQC haben sie die Form dieser Maske grob übernommen - mehr aber auch nicht. Herausgekommen ist eine große Plastikfläche, die einen konventionellen Kühlergrill umrahmt und die serienmäßigen Multibeam-Scheinwerfer verbindet.

Wozu eigentlich ein Kühlergrill? „Jedes Auto braucht ein Gesicht“, argumentiert Exterieur-Designer Robert Lesnik, womit er Recht hat. So gesehen hat Mercedes im Vergleich zu neu gegründeten Mitbewerbern einen Vorteil, weil die in Sachen Kühlergrill noch keine Tradition haben. Zudem befindet sich hinter dem Grill hier tatsächlich ein Kühler. Auch E-Autos produzieren Hitze.

Doch optisch funktioniert die neue Front nur, wenn das Auto schwarz lackiert ist, sonst fährt man einfach eine Plastikwüste vor sich her. Die hat allerdings einen Sinn (bzw. wird in Zukunft einen bekommen): Hinter all dem Kunststoff kann man problemlos jede Menge Sensoren unterbringen, die man künftig für hochautonomes Fahren bis Level 5 braucht.

Dass der EQC vorne nicht so fröhlich leuchtet wie das Concept EQ, liegt an den Zulassungsvorschriften, die das verhindern. In Europa geht nicht mehr als eine LED-Leiste, welche die beiden Tagfahr-LEDs verbindet (und auch das nur mit einer Unterbrechung, und nur nachts). In den USA zum Beispiel ist auch der große Mercedes-Stern illuminiert.

Übrigens: Dass man die Fronthaube öffnen kann, hat nur einen einzigen Grund. Es ermöglicht den Zugang zum Einfüllstutzen für das Scheibenwaschwasser. Ernsthaft.

6. Die Plattform
„Der Mercedes EQC baut auf einer neuen, reinen Elektroplattform auf“, heißt es. Das kann man so sagen, auch wenn es nicht ganz stimmt. Ja, die Plattform heißt EVA (Electric Vehicle Architecture = Plattform für elektrische Autos), ist aber nicht völlig neu, sondern basiert auf der Heckantriebsarchitektur (MRA), auf der C- und E-Klasse aufbauen. Die gesamte Bodengruppe mit den integrierten Akkus ist logischerweise neu, die Anlenkpunkte fürs Fahrwerk etwa nicht. Die enge Verwandtschaft ermöglicht es Daimler, den EQC flexibel gemeinsam mit C-Klasse und GLC im Werk Bremen auf derselben Fertigungsstraße zu bauen. Eine echte Elektroauto-Plattform gibt es bereits als Gedanken und könnte in der Zukunft realisiert werden.

Fest steht: Bis 2020 will Mercedes in jedem Segment ein rein elektrisch angetriebenes Fahrzeug anbieten.

7. Autonomes Fahren
Den Ankündigungen und Studien der Hersteller nach zu urteilen, sind autonome Fahrfunktionen das Um und Auf. Erstaunlich: Bei der Präsentation des Mercedes EQC war das kein Thema, obwohl Daimler einen ganzen Tag lang in unterschiedlichen Workshops Journalisten aus aller Welt über das Fahrzeug und die Wohlfühlblase drum herum informierte. Warum? Der EQC kann in Sachen Autonomie bzw. assistiertes Fahren nicht wesentlich mehr als eine E- oder S-Klasse. Revolution? Leuchtende Zukunft? Fehlanzeige.

8. Die Wohlfühlblase
Alles, was fehlt, versucht Mercedes über Wohlfühlemotionen wettzumachen. Angefangen beim unbedingten Sicherheitsgefühl über einen von allen möglichen Geräuschquellen entkoppelten Innenraum bis zum MBUX-Bediensystem, das dem Fahrer (und den Mitinsassen) alle Wünsche von der Stimme oder der Handy-App ablesen soll. (Vor-)Klimatisierung, Reiseplanung samt Lademöglichkeiten etc. Zur Präsentation (die meisten Speaker trugen übrigens ganz dynamisch Turnschuhe) bemühten sie das schwedische Konzept „Lagom“, ein „mindset of balance“: nicht zu wenig, nicht zu viel, sondern genau richtig. Alles andere löse Stress aus.

Wer im Mercedes EQC sitzt, kann sich wohlfühlen. Das Gewissen freut sich über rund einhundert Teile, die aus Recyclingmaterial bestehen, das Platzangebot ist okay, auch wenn auf der Rückbank gerne noch ein Hauch mehr Kniefreiheit herrschen dürfte. Auch mit 530 Liter Kofferraumvolumen hinter einer sehr hohen Ladekante kann man etwas anfangen.

Ganz so gut, gediegen und luxuriös aufgehoben wie in den normalen Mercedes-Baureihen fühlt man sich aber nicht. Der riesige Bildschirm, der Tacho- und Zentraldisplay vereint, steht etwas steril auf einer Plastikfläche. Aber das gehört zu dem, was man bei Daimler unter „Progressive Luxury“ versteht.

Unterm Strich
Manchmal will man einfach nur Auto fahren, am Ziel ankommen, ohne sich um etwas zu kümmern oder unterstützen zu lassen. Eine revolutionäre Vorstellung irgendwie.

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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