Sa, 20. Oktober 2018

Im Brennpunkt

30.05.2018 08:00

Bund trägt Streit auf dem Rücken der Kinder aus

Jason freut sich wie jeden Morgen auf seinen Kindergarten. Obwohl der Knirps erst zwei Jahre alt ist, hat er sich schnell eingelebt. Mama Nicole B. weiß, dass ihr Sprössling in der städtischen Betreuungseinrichtung in der Laaer-Berg-Straße in Wien-Favoriten bestens aufgehoben ist. Mit gutem Gewissen geht die 34-Jährige zur Arbeit. Jede berufstätige Mutter weiß, es fällt schwer, seinen Nachwuchs fremden Händen anzuvertrauen. Auch Jasons große Schwester war an diesem Standort.

„Wichtig war mir, dass meine Kinder viel Bewegung bekommen. Der Garten hier bietet ihnen viele Möglichkeiten“, so die Mutter. Und für das, was Jason alles geboten bekommt, ist der Preis wirklich sehr gut. Familie B. zahlt nur den Essensbeitrag, 65,35 Euro pro Monat. Außerdem ist Jasons Kindergarten fast immer geöffnet. Bei der Kinderbetreuung hat Wien österreichweit die Nase vorn. Die Bundeshauptstadt bietet die höchste Betreuungsquote bei den unter Dreijährigen, die längsten Öffnungszeiten und die wenigsten Schließtage.

So öffnen mehr als die Hälfte der Betreuungseinrichtungen schon vor 7 Uhr. Zwei Drittel haben zehn und mehr Stunden am Tag geöffnet - österreichweit ist es nur ein Drittel. Dabei stehen die Kindergärten auch in Ferienzeiten zur Verfügung. In Wien besuchen 44,97 Prozent der 0- bis 3-Jährigen einen Kindergarten.

Wien übertrifft „Barcelona-Ziel“
Wien ist damit in Österreich nach wie vor das einzige Bundesland, welches das sogenannte „Barcelona-Ziel“ der EU nicht nur erfüllt, sondern weit übertrifft: Diese EU-Vorgabe sieht vor, dass für mindestens 33 Prozent der unter 3-Jährigen Plätze vorhanden sein müssen. In Oberösterreich liegt die Betreuungsquote bei dieser Gruppe bei nur 15,4 Prozent. Bei den Größeren ist die Versorgung so gut wie flächendeckend.

Die 15a-Vereinbarungen zum Pflichtkindergarten und der sprachlichen Frühförderung laufen mit August 2018 aus, bis heute gibt es noch keine konkreten Vorschläge seitens des Bundes, wie es weitergehen soll, bedauern die zuständigen Landesräte aus Wien, dem Burgenland und der Steiermark.

Daten und Fakten:

  • Seit vergangenem Donnerstag verhandeln Bund und Länder über den Ausbau der Kinderbetreuung, speziell für unter Dreijährige: Die Bundesländer fordern eine rasche Lösung und Zusammenfassung der vorhandenen 15a-Vereinbarungen. Offen ist auch noch, wie viel Geld künftig vom Bund fließt - weniger darf es laut Ländervertretern nicht werden.
  • Die Bundesländer werden vom Bund über 15a-Vereinbarungen unterstützt. Die derzeit drei Vereinbarungen für das Gratiskindergartenjahr (70 Mio. Euro), die sprachliche Frühförderung (20 Mio. Euro) und den Kindergartenausbau (52,5 Mio. Euro) sollen zu einer einzigen zusammengefasst werden.
  • Fest steht, dass die neue 15a-Vereinbarung mit 1. September in Kraft treten soll - nötigenfalls auch rückwirkend. Die nächste Verhandlungsrunde soll in den nächsten Wochen stattfinden, ein Datum hierfür gibt es noch nicht.
  • Der ÖGB fordert den raschen Ausbau in allen Regionen. Dies sei Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Vor allem in ländlichen Regionen gebe es Handlungsbedarf bei den Öffnungszeiten. Der ÖGB drängt außerdem auf einen Rechtsanspruch auf einen „Kinderbildungsplatz“ ab dem 1. Lebensjahr.

Die Lage in den einzelnen Bundesländern

  • Burgenland: Das Burgenland ist österreichweit Spitzenreiter bei der Betreuung der drei- bis fünfjährigen Kinder - die Betreuungsquote liegt bei 97,7 Prozent. Das darf sich nicht ändern, so Landesrätin Dunst (SPÖ).
  • Niederösterreich: Mehr als 1050 Landeskindergärten und mehr als 2950 Gruppen bieten ein flächendeckendes ausreichendes Angebot für alle Kinder ab 2,5 Jahren.
  • Oberösterreich: Die Kinderbetreuung wird kontinuierlich ausgebaut, aktuell werden erstmals mehr als 62.000 Kinder betreut. Das Land hat die Ausgaben dafür seit 2007 von 89,9 auf 227,4 Mio. Euro gesteigert.
  • Kärnten soll die kinderfreundlichste Region Europas werden - so der Plan von Landeshauptmann Kaiser. Der Gratiszugang zu den Betreuungseinrichtungen würde das Land 14 Mio. Euro kosten. Problem: flexible Öffnungszeiten.
  • Salzburg: Martina Berthold (Grüne) ist besorgt: Der dringend notwendige Ausbau droht zu stocken. In den letzten vier Jahren konnten 1800 neue Plätze geschaffen werden, auch Öffnungszeiten wurden erweitert.
  • Tirol: Landesrätin Beate Palfrader (ÖVP): Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein wichtiges Anliegen. Der Bund darf die Kosten nicht auf die Länder abwälzen.
  • Vorarlberg: Insgesamt 22,7 Millionen Euro sind 2018 für Kinderbetreuung budgetiert. Über 6000 Kinder werden aktuell in 138 Betreuungseinrichtungen und 56 Spielgruppen sowie von Tageseltern betreut.
  • Steiermark: Laut Statistik Austria ist die Steiermark Schlusslicht bei der Kinderbetreuung. Nur jedes siebte Kind unter drei Jahren kann in einer Einrichtung untergebracht werden.

Martina Münzer, Mario Zeko, Sabine Salzmann, Patrick Huber, Christoph Weisgram, Harald Kueng, Gerald Schwaiger, Thomas Gassler, Thomas Leitner, Kronen Zeitung

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