Harsche Kritik

Unmut unter Uni-Dekanen: “Politik völlig jämmerlich”

Österreich
14.11.2009 08:43
Im Zuge der Studentenproteste haben am Freitag die Dekane der Uni Wien ihrem Ärger mit drastischen Worten Luft gemacht. Sie orten "seit vielen Jahren das blanke wissenschaftspolitische Chaos". Heinz Mayer, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät (rechts im Bild), erklärte bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz, dass "unter meinen Kollegen derartiger Unmut herrscht, dass wir nicht länger schweigen können".

Zur aktuellen Situation auf den Unis meinte Mayer, dass die Besetzung von Hörsälen einerseits den Vorlesungsbetrieb empfindlich stören würde, andererseits hätten die Studenten mit vielen Forderungen aber recht. So herrsche in zahlreichen Fakultäten in unterschiedlicher Intensität die Ansicht, dass der Bologna-Prozess zu einer Verschulung, der Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit sowie in Folge zu verminderten Berufsaussichten führen würde. Die Dekane könnten es nun einfach "nicht weiter hinnehmen, dass die Lage durch Politikeräußerungen heruntergespielt wird".

Mayer: Politik bedient nur eigene Klientel
Gar keine Freude hat Mayer mit der Bedingung von Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP), die angekündigten 34 Millionen Euro aus seiner Ministerreserve ausschließlich für die Lehre zu verwenden: "Dieses Auseinanderdividieren von Forschung und Lehre kann nicht sein." Außerdem: Anstatt sich endlich der Grundsatzfrage der Uni-Finanzierung zu widmen, habe die Politik bei der letzten Novelle des Universitätsgesetzes bloß diskutiert, wer wie in welchen Gremien vertreten sein solle. "Das sind doch nur Peanuts", so Mayer - man habe geschaut, wie die eigene Klientel bedient werden könne und welche Maßnahmen nichts kosten.

Uni Wien: Bei 80.000 Studenten nur 6.000 Absolventen im Jahr 
Geklärt werden müsse endlich, was ein Studienplatz koste und wie viele davon die Gesellschaft bzw. der Steuerzahler zu finanzieren bereit seien, betonte Chemie-Dekan Bernhard Keppler (links im Bild). Derzeit habe die Uni Wien mehr als 80.000 Studenten, produziere aber nur 6.000 Absolventen pro Jahr. Finanziere man nicht vernünftige Betreuungsverhältnisse, müsse man sich fragen, ob man nicht mit weniger Studenten unter besseren Voraussetzungen mehr Absolventen hervorbringen könne. Auch er warnte davor, Forschung und Lehre auseinanderzudividieren.

"Etikettenschwindel mit angeblich zusätzlichen 34 Mio. Euro" 
Heinz Fassmann, Dekan der Fakultät für Geowissenschaften, Geografie und Astronomie, ortet ebenfalls ein Ausweichen der Politik bei den entscheidenden Fragen: "Wir sprechen am Sonntag über Forschung und Lehre als Treibstoff einer rohstoffarmen Gesellschaft, und am Montag haben wir es schon vergessen." Das Uni-Budget dürfe nicht erst bis 2020 erhöht werden, sondern es brauche einen verbindlichen fünfjährigen Finanzplan. "Man muss den Studenten ein Signal geben, dass ihre Anliegen ernstgenommen werden." Dazu zähle auch, den "Etikettenschwindel mit angeblich zusätzlichen 34 Millionen Euro für die Unis zu unterlassen, die ohnehin wieder nur aus dem Uni-Budget kommen". Wenig hält Fassmann auch von Hahns Hochschuldialog - "ein Gipfeltreffen mit 51 Personen, wo jeder 35 Sekunden oder eine Minute sprechen darf".

Dekan zu Studenten: "Wissenschaftsministerium besetzen"
Mayer forderte die Politik auf, mit den Studenten in einen echten Dialog zu treten. "Was sollen die sich denken, wenn der Kanzler an einem Abend sagt, er ist für Zugangsbeschränkungen, und am nächsten Tag erinnert er sich nicht?" Man müsse den Leuten nicht ständig rechtgeben, sondern mit ihnen diskutieren und sie ernstnehmen. "Unsere Wissenschaftspolitik ist völlig jämmerlich", meinte Mayer. Die Besetzungen kosteten die Uni Wien 20.000 bis 25.000 Euro pro Tag - "wenn ich das Geld für Investitionen ausgeben könnte". Und an die Adresse der protestierenden Studenten: "Wissenschaftsministerium besetzen - wenn schon". Er habe der Hochschülerschafts-Chefin sogar angeboten, dabei mitzumachen, wenn dafür die Besetzer aus dem Audimax abzögen.

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