Fr, 15. Dezember 2017

Erstaunliche Fakten

16.10.2017 09:46

Warum wir uns (nicht) an Verkehrsregeln halten

Wenn es auf der Straße kracht, ist die Ursache fast immer menschliches Fehlverhalten: Meist hat einer der Beteiligten die Verkehrsschilder nicht beachtet, war zu schnell unterwegs oder zu dicht auf den Vordermann aufgefahren, um noch rechtzeitig bremsen zu können. An stark befahrenen Kreuzungen in Wien etwa beobachteten Sicherheitsforscher, dass 60 Prozent der Pkw-Fahrer vor dem Abbiegen nicht blinkten, und jeder zehnte Fußgänger überquerte trotz Rotphase die Straße.

"Fahrer ebenso wie Fußgänger glauben oft fälschlich, die Situation einschätzen zu können, übersehen aber andere Verkehrsteilnehmer", erklärt Dr. Ralf Buchstaller von TÜV Nord. Andere hingegen bremsen an Kreuzungen vorschriftsgemäß auch dann ab, wenn weit und breit niemand zu sehen ist und weder Gefahren noch Sanktionen wie der Verlust des Führerscheins drohen. Zu verdanken sei das der Macht sozialer Normen, erläutert der Psychologe: "Wenn sich die Mehrheit an die Regeln hält, tun wir es auch, um nicht unangenehm aufzufallen oder gar ins gesellschaftliche Abseits zu geraten." Viele soziale Gepflogenheiten verinnerlichten wir mit der Zeit so sehr, dass sie sogar zu unseren eigenen Einstellungen und Überzeugungen werden.

Je lässiger die Regelbefolgung, desto mehr Verkehrstote
Wie sehr sich die Menschen zum Einhalten von Regeln verpflichtet fühlen, hängt unter anderem von der Kultur eines Landes ab. Die höchste Verkehrsmoral beanspruchen Niederländer, Österreicher und Kanadier für sich: Sie gaben 2016 in einer Onlinestudie mit mehr als 6000 Befragten beispielsweise am seltensten an, dicht aufzufahren oder mit dem Handy in der Hand zu telefonieren. Deutsche schafften es immerhin in die Top Ten der 41 Länder; das Schlusslicht bilden Ägypten, Algerien und Tunesien. Je mehr Regelverstöße und Unfälle die Teilnehmer einräumten, desto mehr Menschen starben auch in ihrem Land im Straßenverkehr.

Der Zusammenhang zwischen individuellen Regelwidrigkeiten und offiziellen Verkehrstoten war sogar überaus stark. Die Wissenschaftler erklären sich das mit dem Entwicklungsstand der Länder: Je minder fortgeschritten eine Gesellschaft, desto weniger kümmere sie sich darum, die Straßenverkehrsregeln durchzusetzen. Noch dazu spiele hier ein kurioser Faktor mit hinein: In den betreffenden Regionen herrschten häufiger wärmere Temperaturen. Darunter leide auch die Verkehrsmoral, denn bei Hitze reagieren Menschen aggressiver und unbeherrschter.

Regelbruch durch Lust am Risiko
Natürlich ist das Verhalten auf der Straße auch eine Frage der Persönlichkeit. Wissenschaftler um den israelischen Verkehrsexperten David Shinar suchten nach solchen Charaktermerkmalen, indem sie 500 Menschen online um Selbsteinschätzungen baten. Jene mit typisch männlichen Eigenschaften, beispielsweise dominant und wenig nachgiebig, verstießen nach eigenem Bekunden auch häufiger gegen die Verkehrsregeln - aus Lust am Risiko und der Abwechslung.

Männer scheren sich entsprechend als Fußgänger seltener um rote Ampeln als Frauen. Allerdings hat die Kultur eines Landes darauf einen weit größeren Einfluss als das Geschlecht, wie eine Feldstudie zeigte. Per Kamera beobachteten Wissenschaftler mehr als 5000 Fußgänger an Ampelübergängen im französischen Straßburg sowie in der japanischen Stadt Nagoya. Mit erstaunlichem Ergebnis: 42 Prozent der Franzosen gingen bei Rot über die Straße, aber nur zwei Prozent der Japaner.

Außerdem ließen sich Franzosen doppelt so oft wie Japaner dazu verleiten, die Straße bei Rot zu überqueren, wenn andere Mitwartende den Anfang machten. Waren sie allein, missachteten die Fußgänger das Rotlicht allerdings am häufigsten - in Japan ebenso wie in Frankreich. Demnach hält man sich in beiden Kulturen vor allem deshalb an die Regeln, weil man selbst bei wildfremden Menschen keinen schlechten Eindruck hinterlassen möchte. Besonders stark ist diese Sorge im kollektivistisch geprägten Japan. Menschen in westlichen Kulturen orientieren sich aus Forschersicht weniger an Regeln und hierarchischen Strukturen.

Die Herkunft bestimmt die Fahrweise sogar stärker als das individuelle Risikoempfinden. Das fanden norwegische und türkische Psychologen heraus, als sie 2400 Probanden aus acht Nationen nach ihren Einstellungen zu Straßenverkehrsregeln fragten. In einigen Kulturen waren die wahrgenommenen Risiken sogar bedeutungslos für das Verhalten im Straßenverkehr. Die Forscher schlussfolgern: "Maßnahmen, die für mögliche Gefahren sensibilisieren wollen, eignen sich mehr für individualistische, westlich orientierte Länder."

Radarfallen als Lebensretter?
Der drohende Führerscheinverlust genügt schon, um die Risikofreude zu bremsen. Das stellten US-Forscher 2017 fest, als sie 2400 unfreiwillige Versuchspersonen an Kreuzungen in Alabama beobachteten: Angesichts von Radarfallen verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fahrer während der gelben Ampelphase stoppte. Ein Versicherungsinstitut in den USA zeigte die Folgen anhand von Daten aus 117 Städten auf. Nachdem einige Städte Blitzer montiert hatten, lag an den betreffenden Kreuzungen die Zahl der Verkehrstoten um 14 Prozent niedriger als an vergleichbaren Orten ohne Radarfallen.

dpp-AutoReporter/wpr

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