Politische Niederlagen beginnen selten an der Wahlurne. Oft beginnen sie lange davor – mit dem Irrtum, man könne verlorenes Vertrauen einfach zurückgewinnen. So war es auch beim SPÖ-Parteitag im Juni 2023. Das Excel-Gate war kein Betriebsunfall. Es war der erste Riss im Fundament. Heute wissen wir: Es war der Beginn einer Entwicklung, deren Folgen heute unübersehbar sind. Nach der Übernahme der SPÖ-Führung durch Andreas Babler lag die Partei in der Market/Lazarsfeld-Sonntagsfrage bei 25 Prozent. Heute sind es nur noch 18 Prozent. Die Sonntagsfrage misst das Vertrauen in eine Partei, die Kanzlerfrage das Vertrauen in den Menschen, der sie führen soll. 13 Prozent zu Beginn seiner Amtszeit, heute nur noch 7 Prozent. Zwei unabhängige Antworten. Ein eindeutiges Urteil. Professionelles Coaching, perfektes Styling oder ausgefeilte Medienstrategien können manches kaschieren – aber nicht ersetzen, was Menschen von einer Führungspersönlichkeit erwarten. Vertrauen lässt sich nicht inszenieren. Es gründet auf Glaubwürdigkeit, Empathie, Eloquenz, Durchsetzungskraft und der Fähigkeit, Orientierung zu geben. Scheitern ist weder unehrenhaft noch außergewöhnlich. Es gehört zum Leben. Verantwortung zeigt sich dort, wo persönliche Ambitionen hinter das Wohl der Gemeinschaft zurücktreten. In der Wirtschaft könnte sich nach einer derart anhaltenden negativen Entwicklung kaum eine Führungspersönlichkeit dauerhaft an der Spitze halten. Nicht weil jede Niederlage den Rückzug verlangt, sondern weil Führungsstärke auch bedeutet, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Das Excel-Gate des SPÖ-Parteitags wurde korrigiert. Die Entwicklung nicht. Fehler lassen sich berichtigen. Vertrauen nicht. Wahre Größe zeigt sich dort, wo Menschen den Mut finden, sich von einem Bild zu lösen, das längst nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Besitzen wir diese innere Freiheit – oder halten wir daran fest, bis es uns selbst und andere unter sich begräbt? Herr Babler, zeigen Sie Größe. Führungsstärke zeigt sich nicht im Festhalten, sondern im Mut, im richtigen Augenblick loszulassen.
Alessandro Ferrari, Wien
Erschienen am Do, 23.7.2026
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