Feigheit im Fußball hat noch nie einen Pokal gewonnen
Es ist faszinierend, wie schnell aus einer Weltmeisterschaft ein Rechenunterricht wird. Kaum reicht ein Unentschieden beider Teams, diskutieren plötzlich halb Europa und unzählige Experten weltweit darüber, ob man überhaupt noch gewinnen sollte. Offenbar gilt Mut heute nur noch, solange er keine Risiken birgt. Die „Schande von Gijón“ von 1982 ist kein Vorwurf an die heutige österreichische Mannschaft. Aber sie ist eine Mahnung. Damals wurde nicht bloß Algerien betrogen – der Fußball selbst verlor ein Stück seiner Glaubwürdigkeit. Vertrauen verspielt man eben schneller, als man Tore schießt. Wer heute den leichteren Turnierbaum sucht, verwechselt eine Weltmeisterschaft mit einem Computerspiel, bei dem man den Schwierigkeitsgrad heruntersetzt. Natürlich ist das erlaubt. Aber seit wann ist alles, was erlaubt ist, auch ehrenhaft? Zwischen Cleverness und Charakter liegt manchmal nur ein einziger Pass quer durch die eigene Hälfte. Gerade Österreich hätte nun die Chance, ein anderes Kapitel zu schreiben. Nicht aus Schuld gegenüber der Vergangenheit, sondern aus Respekt vor dem Sport. Denn wer Weltmeister werden will, sollte niemandem ausweichen müssen. Am Ende erinnern wir uns selten an Tabellenkonstellationen. Wir erinnern uns an Mannschaften, die Haltung bewiesen haben. Genau deshalb wäre ein mutiger Sieg weit mehr wert als ein taktisch perfektes Unentschieden.
John Patrick Platzer, Rauth
Erschienen am Sa, 27.6.2026
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