Das freie Wort

Vertrauensverlust

Sehr geehrter Herr Chefredakteur Herrmann! Ich lese täglich und mit Interesse Ihren morgendlichen Newsletter-Kommentar zur aktuellen Corona-Situation. Nachdem ich im Frühjahr unter den ersten Covid-19-Erkrankten war, verfolge ich das Thema sehr aufmerksam. Ich würde meinen, dass aktuell kein Politiker die Corona-Lage „unter Kontrolle“ haben kann, denn ohne flächendeckende Einhaltung der Vorsichts- und Schutzmaßnahmen ist das Coronavirus derzeit nicht unter Kontrolle zu bringen. Außer auf einer Insel wie Neuseeland vielleicht, die sich abschottet. Wir sollten uns das eingestehen, weil es ein Faktum ist, dass die Maßnahmen nicht flächendeckend eingehalten wurden und werden. Zu wenig Abstand, keine Maske oder wirkungslos verwendet, fehlende Desinfektion. All das können wir täglich und tausendfach (!) beobachten, oder nicht? Auf Feiern, im Alltag, sogar in den Schulbussen . Ich kritisiere das nicht, es ist eine Feststellung. Der Versuch, nach dem ersten Lockdown eine „vernünftige und sanfte“ Eindämmung der Ausbreitung aufrechtzuerhalten, ist europaweit (!) gescheitert. Da braucht jetzt bitte niemand böse oder wütend zu sein! Schon gar nicht auf die österreichische Bundesregierung. In keinem Land Europas funktioniert zum aktuellen Zeitpunkt noch das Contact-Tracing. Es haben nur noch nicht alle Länder – so wie Slowenien – offiziell zugegeben. Vorarlberg deutet es schon an. Auch das kann also nicht die alleinige „Schuld“ von Bundeskanzler Kurz und Bundesminister Anschober oder deren Ankündigungspolitik sein, oder? Dramatisch ist es jedenfalls für die Wirtschaft. Wenn bald 100.000 Mitarbeiter und Kunden in Quarantäne „stecken“. Und das, obwohl gerade Geschäfte und viele Betriebe vorbildlich waren bei den Schutz- und Hygiene-Maßnahmen. Die Wintersaison wird im Westen – so wie es aussieht – „aper“ ausfallen. Das wäre ein wirtschaftlicher Tiefschlag! Ja, über die Kommunikation und Verordnung von Maßnahmen kann man wirklich diskutieren. Gerade die Wirtschaft braucht eigentlich Planungssicherheit, um gut zu funktionieren. Aber viel schlimmer ist da das Gezerre einzelner Bundesländer und Parteien, die selbst wenig tun und quasi jede Aktion der Bundesregierung bloß negativ kommentieren. Ob Frau Rendi-Wagner die Situation besser „unter Kontrolle“ hätte? Oder Frau Meinl-Reisinger? Oder der Herr Hacker? Bei aller Wertschätzung; Zusammenarbeit wäre jetzt angebracht und nicht das Schüren negativer Stimmung und Ressentiments. Das allein hilft niemandem und uns allen nicht.

Mag. Rainer Ribing, Jois

Erschienen am So, 25.10.2020

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