So, 19. August 2018

Game aus Österreich

30.04.2015 09:47

Rohdiamant mit coolen Ideen: "Son of Nor" im Test

Das 15-köpfige internationale Entwicklerteam der Innsbrucker stillalive Studios hat sein über die Crowdfunding-Seite Kickstarter finanziertes Erstlingswerk veröffentlicht: "Son of Nor". Das unkonventionelle Action-Adventure führt Spieler in eine Wüstenlandschaft, die sie durch Telekinese- und Terraforming-Zauberkräfte als Waffe gegen eine Rasse bösartiger Echsen verwenden können. Wie sich das spielt, hat krone.at getestet.

Dass die stillalive Studios mit ihren begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen keinen echten Konkurrenten zu Millionen-Blockbustern großer Publisher aus dem Boden stampfen konnten, versteht sich von selbst. "Son of Nor" hat im Test aber dennoch einen interessanten Eindruck hinterlassen, was vor allem den ebenso coolen wie unkonventionellen Ideen der Spieleentwickler rund um den Innsbrucker Julian Mautner geschuldet ist.

Menschheit gegen Echsenwesen
Aber der Reihe nach: "Son of Nor" ist ein mit Rätseln gespicktes Action-Adventure, das in einer Wüstenregion namens Noshrac spielt. Sie dient der die Gottheit Nor anbetenden Menschheit als letzter Rückzugsort, nachdem sie in einem verheerenden magischen Krieg mit der Echsenrasse der Sarahul fast ausgerottet wurde.

Jahrhunderte verbrachten die wenigen verbliebenen Menschen in ihrer Zuflucht, bis die uralte Echsenbedrohung zu Spielbeginn plötzlich wieder auftaucht. Den mächtigen Magiern der Menschen, den sogenannten "Sons of Nor", fällt die Aufgabe zu, die letzten Vertreter ihrer Spezies zu retten und der Sarahul-Bedrohung Einhalt zu gebieten.

Erzählt wird die Handlung in Ingame-Zwischensequenzen, denen man das knappe Budget der Entwickler ansieht. Gesichtsanimationen gibt es quasi nicht, die Erzählung könnte besser strukturiert sein und Charaktere mit Wiedererkennungswert sind Mangelware. Immerhin: Bei der Wahl der Sprecher haben die Entwickler ein gutes Händchen bewiesen und die Dialoge haben den einen oder anderen unterhaltsamen Schmäh in petto. Wegen der Story dürften trotzdem nur wenige Menschen "Son of Nor" spielen.

Coole Elementarmagie und Telekinese
Spielerisch hat "Son of Nor" dafür umso mehr Wiedererkennungswert. Es handelt sich um einen Mix aus Action-Adventure und Rätsel-Game. Zu den wichtigsten Fähigkeiten des Spielers zählt die Manipulation seiner Umgebung, im späteren Spielverlauf kommen auch Zaubersprüche – etwa Feuer- und Windmagie – hinzu.

Das wichtigste Werkzeug eines "Son of Nor" ist allerdings seine Telekinese: Objekte wie Steine oder Baumstümpfe können vom Spieler zum Schweben gebracht und als Projektil verwendet werden. Sand kann durch die magischen Kräfte aufgetürmt werden, um als Aufstiegshilfe oder Schutzschild zu dienen. Er kann aber auch abgetragen werden, wodurch Gruben entstehen, versteckte Pfade und verborgene Dinge freigelegt werden.

Der Mix aus Telekinese und Terraforming ist die wahre Neuheit am Game der Innsbrucker Entwickler: ein Spielelement, das man so noch nirgendwo gesehen hat. Im Kampf gegen die Sarahul verleihen die magischen Kräfte dem "Son of Nor" die Möglichkeit, so gegen die Gegner vorzugehen, wie es ihm gerade in den Kram passt.

Abwechslungsreiche Kämpfe, spaßige Rätsel
Wer mag, schleudert Felsen oder Baumstämme, die mitunter auch zuvor per Feuerzauber entzündet werden. Alternativ greift man den Gegner mit Telekinese – und lässt ihn einfach die nächste Klippe hinunterfallen. Sandhaufen schützen vor Beschuss und können mittels Windstoß-Zauber auch gleich auf die Gegner losgelassen werden. Die Möglichkeiten, welche die Elementarmagie in "Son of Nor" bietet, sind äußerst vielfältig.

Nur eines hätten wir uns in den Kämpfen gewünscht: Irgendeine Form von Nahkampfangriff, mit dem man allzu nah herangekommene Sarahul effektiv abwehren kann. Die ganze Elementarmagie kann nämlich nur effektiv eingesetzt werden, wenn man Abstand zum Gegner und genug Zeit zum Zaubern hat, was nicht immer der Fall ist. Nervig: Auch wenn er ein mächtiger Elementarmagier ist, kann der "Son of Nor" nur wenig einstecken und stirbt oft schon durch kleinere Sprünge von Felsvorsprüngen am Fallschaden.

Angenehme Abwechslung zu den magischen Kämpfen gegen die Sarahul sind die Rätsel in "Son of Nor". Mittels Elementarmagie gilt es immer wieder, verschiedenste Aufgaben zu lösen. Mal sind sie simpel – etwa, wenn lediglich ein Haufen Sand aufgetürmt werden muss, um einen hoch gelegenen Felsvorsprung zu erreichen. Mal sind sie aber auch etwas kniffeliger – wenn zum Beispiel Sandbarrieren zum Ablenken tödlicher Lichtstrahlen aufgetürmt werden müssen. Übertrieben schwer sind sie dankenswerterweise nie.

Man bemerkt das knappe Budget
Auch wenn "Son of Nor" coole neue Spielelemente einführt: Bei der Umsetzung merkt man dem Spiel das knappe Budget und das kleine Entwicklerteam immer wieder an. In der getesteten Version fielen uns mehrfach Bugs und Darstellungsfehler auf, zudem ist die Steuerung eher bockig geraten.

Die relativ unspektakulär inszenierte Rahmenhandlung dürfte verwöhnte Spieler ebenfalls nicht vom Hocker reißen. Alles Kleinigkeiten, die man mit einer längeren Entwicklungszeit und mehr Feinschliff sicher in den Griff bekommen hätte, für die letztlich aber wohl einfach Geld und Personal gefehlt haben.

Stimmige Optik mit Technikschwächen
Feinschliff hätte auch die Grafik von "Son of Nor" noch gebrauchen können. Nicht, weil sie hässlich wäre: In entsprechend hoher Auflösung und mit hohen Grafikeinstellungen ist "Son of Nor" durchaus hübsch anzusehen. Der glitzernde Sand von Noshrac, das Spiel von Licht und Schatten in den Canyons und die alten Tempel und üppigen Oasen, die in der Spielwelt verstreut sind, sorgen für ein atmosphärisches Ganzes.

Da ist es umso ärgerlicher, dass die Technik "Son of Nor" einen Strich durch die Rechnung macht. Angesichts des Gebotenen ist der Hardware-Hunger des Titels ziemlich hoch, die generelle Grafikqualität entspricht den begrenzten Mitteln der Entwickler und die Animationen der Charaktere wirken stellenweise recht unnatürlich.

Da hilft es auch wenig, dass "Son of Nor" mit seinem kooperativen Mehrspielermodus eventuell auch ein heißer Tipp für Freundespartien sein könnte, die gerne gemeinsam Abenteuer erleben. Der generell fehlende Feinschliff und die häufigen Bugs verschonen nämlich auch den Mehrspielermodus nicht.

Fazit: Rohdiamant mit Feinschliffmangel
Im Kern ist das Erstlingswerk der stillalive Studios ein kleiner Rohdiamant geworden, vor allem wegen der bislang noch in kaum einem anderen Spiel genutzten Terraforming- und Telekinese-Spielmechanik, bei der die Spielwelt selbst zur Waffe wird. Allerdings hätte der Rohdiamant "Son of Nor" trotz dieser coolen Features noch mehr Feinschliff gebraucht – sei es bei der Inszenierung, beim Bugfixing oder einfach auf technischer Ebene bei der Grafik und den Systemvoraussetzungen.

Trotzdem: Bedenkt man den Budgetpreis von 20 Euro und die knappen Ressourcen, mit denen das Game realisiert wurde, ist "Son of Nor" eine beachtenswerte Leistung, von der wir gern einen Nachfolger sehen würden.

Plattform: PC (Linux, MacOS, Windows)
Publisher: Viva Media

krone.at-Wertung: 7/10

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