Innerhalb von wenigen Jahren hat der einstige Casting-Show-Gewinner James Arthur sein Wien-Publikum verdreifacht. Das liegt mitunter auch am neuen Album „Pisces“, das er auf dieser Tour vorstellt und mit dem der nächste Sprung gelang. 10.000 Fans schunkelten und weinten Freitagabend mit – für Freude blieb im knapp zweistündigen nur wenig Platz.
Einen ungefähren Ablauf seiner Live-Show hat der britische Superstar James Arthur schon früher in diesem Jahr im Interview mit der „Krone“ angekündigt: „Große Emotionen machen mich aus“, sprach er ins Diktiergerät und erklärte damit die durchaus opulenten Tracks seines aktuellen Studioalbums „Pisces“, seinem wohl persönlichsten und intimsten Werk bislang. Der 37-Jährige taufte seine sechste Platte nach seinem Sternzeichen und wollte schon lange in diese Richtung gehen. „Sensibel, kreativ, träumerisch, verletzlich – all das wird auch mir gerecht. All das hat sich wie ein Sturm im Wasserglas entwickelt.“ Für das Offenlegen der innersten Gefühlswelt lieben ihn vor allem die weiblichen Fans. Sie kommen an einem nasskalten Dezemberfreitag in Scharen zur Wiener Stadthalle und bringen Stofftiere, selbstgebastelte Schilder oder Tätowierungen mit, die sich auf Songpassagen des Künstlers berufen. Das fällt Arthur im Lauf der Show auch auf – nicht das einzige Mal, wo er sich demütig für etwas bedanken sollte.
Publikum verdreifacht
Nachdem ein DJ die Crowd semipassend in die richtige Stimmung gebracht hat, wird die Bühne von einer halbrunden Videowall ummantelt, die im Laufe des Abends mit dem Abspielen verschiedener Naturelemente noch zu einem visuellen Hauptdarsteller werden wird – anfangs leitet aber nur die Symbolik für den Fisch in das Aquarium-artige Gebilde, hinter dem Arthur pünktlich und recht früh für einen Freitagabend mit dem emotionalen, seiner Tochter gewidmeten Song „Water“ in einen langen Abend leitet. Noch vor knapp zwei Jahren spielte er im (überfüllten) Gasometer - mittlerweile hat er das Publikum bei uns verdreifacht. „Beim letzten Mal hier bei euch war alles noch etwas kleiner, aber ich bin natürlich sehr dankbar für diesen Support“, zeigt er sich mit tief ins Gesicht gezogener Kappe, Eishockey-Jersey und Jeans-Weste wie immer etwas zurückgezogen und distanziert.
Diese besondere Art von Distanz steht stellenweise in völliger Divergenz zu seinen warmherzigen Songs. Die Menschen kennen seine poetischen Zeilen auswendig und richten zuweilen sogar ihr eigenes Leben danach aus, aber auch wenn jedes einzelne Lied von Arthur eine unmissverständliche Einladung in die Kammer seines Herzens ist, persönlich und leibhaftig mag dieser emotionale Gleichklang zwischen Künstler und Rezipient nicht unbedingt zutreffen. Während er sich etwa nach einem Akustik-Medley auf der kleinen B-Stage (wohnzimmerlich mit Couch und Festnetztelefon ausstaffiert) zurück gen Hauptbühne bewegt, singt er im Faserschmeichler „Naked“ die Zeile „I wanna give you everything“, bleibt für kurze Selfies aber eher ungern stehen. Es ist auch nicht der Fall, dass sich Künstler und Kunst dermaßen voneinander unterscheiden würden – man spürt nur zu jeder Sekunde, dass ein Leben im Rampenlicht nicht vor Depressionen, Schüchternheit und dem Wunsch nach Distanz schützt oder darüber hinwegschauen lassen kann.
Rückzug und Offensive
So ergibt sich in einer gut gefüllten Halle das interessante und seltene Paradoxon, dass sich Rückzug und Offensive in einer seltsamen Koalition die Hand geben. Mit Liedern wie „Empty Space“, „Can I Be Him“ oder „Embers“ kann man Arthur prinzipiell in die Riege der Schmusesänger einreihen, die Handy-Taschenlampen im Publikum leuchten über den Abend hinweg gesehen jedenfalls öfter und länger als es die sparsamen Pyrosalven auf der Bühne tun, die man sich angesichts des sanften Liedguts auch hätte sparen können. Das melancholische „Car’s Outside“ widmet Arthur seinem verstorbenen, ehemaligen Fahrer, „Impossible“, der ihm 2012 als Sieger von „The X-Factor“ zuerst den britischen, dann den globalen Durchbruch brachte, gleich allen Anwesenden. Textsicher sind die Leute zu jeder Zeit. Auch bei einem der wenig wirklich magischen Momente des Abends – als er mit vier vom Publikum auf die Bühne geholten Mädels und zwei Buben das flotte „Karaoke“ intoniert und dabei die ganze Halle zum Beben bringt.
Apropos Beben – dieses würde man sich öfter wünschen, denn strenggenommen braucht der Brite 70 Minuten, um mit „Bitter Sweet Love“ erstmals aus der lethargischen Mid-Tempo-Stimmung zu kommen und mithilfe des optisch wirkungsvollen Konfettiregens etwas Feuer in die Stadthalle zu bringen. Der König der Balladen und Schmerzsongs hat seine Unzulänglichkeiten am anderen Ende des Tempo-Spektrums. Dabei stehen ihm auch flotte Kracher gut zu Gesicht. Den Zugabenteil leitet er mit dem neuen und überraschend kompromisslosen Punkrock-Stampfer „Yeah, No.“ ein, das mit einem „Time To Pretend“-Sample von MGMT verstärkte „Lasting Lover“ erweist sich im Livekontext als tanzflächeneröffnender Electropop-Partykracher, der den Abend endgültig vom bleiernen Mantel der Schwermut befreit. Dazwischen begeistert er mit seinen drei Backgroundsängerinnen – darunter sein Gesangslehrer - mit einem Soul-Medley, das perfekt zu seiner kratzigen Bariton-Stimme kombiniert werden kann.
Mehr Ecken und Kanten
In der sechsköpfigen Band huldigt man derweil den ganz Großen der Musikhistorie. Der fühlbar ständig das Rampenlicht suchende Gitarrist trägt stilsicher Iron Maiden als T-Shirt, der Drummer darf auf den großen Videowalls die Rock-Urgesteine Led Zeppelin ins rechte Licht rücken. In puncto Variabilität könnte sich James Arthur für die Zukunft einiges von ihnen abschauen, denn wir mit einer so großartigen Stimme und einer gut harmonierenden Backing-Band gesegnet ist, sollte auf Tour nicht daran scheitern, dass er in triefender Melancholie versinkt und zu wenig Raum für echte Abwechslung anbietet. Dass er mit dem abschließenden „Say You Won’t Let Go“ noch einmal die letzten Tränen aus den eh schon ausgetrockneten Fans quetscht, ist mehr als legitim und beendet den Abend würdevoll. Es bleibt trotz all der hohen Qualitäten ein bitterer Beigeschmack davon, dass in puncto Song-Anordnung, Spannungsbogen und Abwechslung Luft nach oben ist. Mehr Ecken und Kanten schaden nicht.
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