Er soll das österreichische Biathlon-Team wieder an die Spitze führen: Wolfgang Pichler. Der 71-jährige Bayer spricht im großen „Krone“-Interview über mangelnden Teamgeist, das Potenzial der Athleten und Sportler, die lieber auf ein Privatteam als das ÖSV-Training setzen.
„Krone“: Herr Pichler, Sie haben schon zahlreiche Stationen hinter sich und könnten mit 71 Jahren auch sagen, dass Sie genug haben. Warum haben Sie sich dennoch entschieden, für den ÖSV zu arbeiten?
Wolfgang Pichler: Das war eine spontane Entscheidung. Nachdem Christoph Sumann mich angerufen hatte, habe ich überlegt. Die Herausforderung hat mich dann gereizt.
Weil sie Potenzial gesehen haben?
Ich habe bei den Olympischen Spielen in diesem Jahr mit Bulgarien eine Medaille geholt, die niemand für möglich gehalten hat. Da dachte ich mir, warum sollte ich das nicht auch mit Österreich schaffen?
Wie lauten ihre Ziele?
Ich will die Damenmannschaft schon in der kommenden Saison an die Weltspitze heranführen und im Nationencup unter die Top 5 bringen (von Platz acht 2025/26, Anm.), damit wir sechs Startplätze kriegen. Dazu will ich ein Podium bei den Damen, am liebsten in der Staffel, denn Österreich hat das noch nie geschafft. Bei den Männern wollen wir wieder in die Top 10 im Nationencup, dafür gilt es zu kämpfen. Wir müssen sie wieder ins Mittelfeld führen.
Welchen Stellenwert hat die Heim-WM 2028 in Hochfilzen?
Einen ganz großen. Eine Heim-WM ist schwieriger als Olympia, der Druck ist dabei immer riesengroß.
Sie waren in Schweden und Russland tätig, zuletzt in Bulgarien. Im Vergleich: Wie bewerten Sie die Möglichkeiten im ÖSV?
Die sind super! Die Sportler bekommen eine tolle Unterstützung, hier wurde ein gutes System aufgebaut. Deshalb habe ich die Hoffnung, dass wir einen Schritt nach vorne machen.
Hat der Verband Entwicklungen verschlafen, weil die Herren zuletzt weit von der Weltspitze entfernt waren?
Der ÖSV hatte wie andere Nationen, so auch Deutschland, Probleme aufgrund einer etablierten Mannschaft. Es gab alte Athleten und keiner hatten den Mut, ihnen zu sagen, dass sie nur mit Top-5-Plätzen im Team bleiben. So wurden Plätze für Junge blockiert.
Sumann hat 2014 aufgehört, Mesotitsch 2019, Landertinger 2020 und Eberhard 2022. In den vergangenen Jahren hätte es doch genug Möglichkeiten für Junge gegeben.
Ja, aber da ist eine große Lücke entstanden. Man hätte sagen müssen, dass die Alten nur laufen, wenn sie die Besten sind. Das ist nicht passiert, aber diesen Fehler mache ich nicht. Jeder kriegt eine Chance, aber wenn die Älteren keine guten Leistungen zeigen, kommt ein Junger dran.
Zu diesen gehört Fabian Müllauer, der ein Privatteam dem ÖSV vorzieht. Was wurde hier falsch gemacht?
Er ist ein toller Junge und ich hätte ihn gerne in der Mannschaft, aber er will nicht. Er würde uns guttun, weil er läuferisch richtig gutes Potenzial hat. Er muss aber das Schießen lernen.
Auch Anna Gandler trainiert abseits des ÖSV-Teams.
Ich akzeptiere das, wichtig ist nur, dass sie zu den Ausscheidungen kommt. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich hoffe, dass sie es mir richtig zeigen will. Generell haben wir eine starke Damenmannschaft. Andexer ist richtig gut. Sie kann auch super Schlussrunden laufen. Zdouc hat sich gut verkauft bisher, sie kann für eine Staffel Gold wert sein. Rothschopf macht es gut, sie schießt aber noch unbeständig. Auch Juppe ist gut. Wir haben hier nicht eine, sondern fünf, sechs oder sogar sieben Damen.
Und bei den Herren?
Unterweger schießt gut, dem traue ich einiges zu. Schönaigner ist ein richtig Guter, Marchl auch, der ist ein harter Trainierer. Der junge Prosser kommt dazu, der muss aber das Schießen lernen, auch Pinter schaut mich nicht schlecht an. Es braucht Mut, auch mal harte Entscheidungen zu treffen.
Bislang wurde in Österreich immer sehr behutsam mit Talenten umgegangen. Wie legen Sie es an?
Das mache ich nicht! Warum sollte ich warten? Das ist dumm! Eine Magdalena Neuner ist früh Weltmeisterin geworden (mit 19, Anm.) bei der de France war jetzt ein 19-jähriger Franzose ganz vorne dabei (Paul Seixas wurde Vierter, Anm.). Im Ausdauersport ist das nicht mehr so wie früher. Ich habe keine Angst, dass wir hier Fehler machen. Wenn wir immer nur warten, kommen die Athleten in eine Wohlfühlzone, dafür bin ich nicht hier.
Sie haben den Ruf, als Trainer ein Schleifer zu sein.
Ja, das mit dem Schleifer unterschreibe ich, das bin ich. Ich habe eine gewisse Erfahrung, warum sollte ich mich ändern?
Jeder hat die gleichen Möglichkeiten, jeder muss sich qualifizieren. Am Ende gilt: Ich will das Beste für Österreich!
Wolfgang PICHLER
Wenn Sie nun der neue starke Mann bei den Biathleten sind, was macht dann Christoph Sumann?
Ich mache das Training und sage, wie ich es haben möchte. Da gebe ich die Linie vor. Er organisiert einen Haufen, da ist viel zu tun. Ich habe zum Beispiel mit den Reisen nichts zu tun. Generell beraten wir uns immer und besprechen mit Mario Stecher, wenn etwas ist. Ich muss aber auch sagen: Es führen viele Wege nach Rom, meiner ist nicht der einzige.
Der Weg zum Erfolg braucht auch ein starkes Serviceteam.
Wir hatten sicher öfter mal schlechte Ski, aber nicht immer. Da spielen mehrere Faktoren mit. Ich bin aber überzeugt, dass der neue Servicechef Mario Erath ein guter Mann ist.
Der Teamgeist litt in den vergangenen Jahren spürbar. Wie wollen Sie eine Einheit schaffen?
Der Teamgedanke hat sicher gefehlt, ja. Ganz wurscht, woran es lag – wir wollen das ändern. Jeder hat die gleichen Möglichkeiten, jeder muss sich qualifizieren. Am Ende gilt: Ich will das Beste für Österreich!
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