Familienforschung in NSDAP-Akten von zu Hause aus: Das ist jetzt möglich, weil das US-Nationalarchiv die Mitgliederkartei der Nazis online gestellt hat. Hier alle Infos zu Hitlers Partei, welche Österreicher den Sonderstatus „alte Kämpfer“ hatten und was Sie aus Mitgliedsnummern herauslesen können.
Waren Opa und Oma Nazis? Gehörte der Urgroßvater zur Elite der Partei? Diese Fragen lassen sich ab sofort leicht beantworten. Das US-Nationalarchiv hat 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einen besonderen Bestand freigegeben: Die von den Nationalsozialisten angelegten Karteien ihrer Parteimitglieder sind jetzt komplett frei zugänglich und können online eingesehen werden (siehe auch Anleitung in der Box unten).
Um die historische Einordung zu erleichtern, finden Sie hier die wichtigsten Fakten zur Geschichte der NSDAP in Österreich:
Wie viele Österreicher waren Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP)?
Die Schätzungen reichen von 550.000 bis 700.000 Mitgliedern in Österreich, was etwa jedem zehnten Österreicher jener Zeit entspricht.
Wollte Adolf Hitler eine breite Mitgliederbasis?
Nein. Die nationalsozialistische Führung strebte keinen Massenzuwachs an. Die Mitgliedschaft war exklusiv, nur überzeugte Nationalsozialisten wurden aufgenommen. Hitler legte Wert auf ein Verhältnis von etwa eins zu zehn zwischen Parteimitgliedern und Bevölkerungsanzahl. Eine Aufnahme in die Partei galt als besondere Ehre, da nicht jeder angenommen wurde.
Was waren die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft?
Bewerber mussten „arischer Abstammung“ sein, sie durften keine Erbkrankheiten haben und mussten mindestens 21 Jahre alt sein. Wer Mitglied eines Geheimbundes war oder unehrenhaft aus der Wehrmacht ausgeschieden war, hatte keine Chance auf einen Parteibeitritt.
Wie lange dauerte das Aufnahmeverfahren?
Häufig bis zu zwei Jahre. Erst mit Erhalt der Beitrittskarte und des Parteibuches sowie der Ablegung des Eides auf die Partei wurde die Mitgliedschaft offiziell.
Wollten viele Österreicher nach dem „Anschluss“ zur Partei?
Der Zulauf war nach dem Anschluss in der Ostmark so groß, dass zunächst eine Mitgliedersperre verhängt wurde, denn aus NS-Sicht drohte der einsetzende Zustrom von Mitläufern, Opportunisten und „Anschlussfreunden“, die NSDAP zu verwässern.
Was kann man aus der Mitgliedsnummer herauslesen?
Sehr niedrige Mitgliedsnummer bedeutet: Diese Person war schon in der Zeit vor dem Parteiverbot im Jahr 1933 Mitglied der NSDAP und gehörte damit zu der besonders angesehenen Gruppe der „alten Kämpfer in der Ostmark“.
Diejenigen, die erst nach dem Parteiverbot in Österreich im Juni 1933 heimlich zur NSDAP gestoßen waren und somit keine Gelegenheit zum Erwerb einer formellen Mitgliedschaft gehabt hatten, erhielten nach dem „Anschluss“ spezielle Mitgliedsnummern und als Aufnahmedatum einheitlich den 1. Mai 1938 zugeteilt. Wer eine Mitgliedsnummer zwischen 6,100.000 und 6,600.000 und als Aufnahmedatum den 1. Mai 1938 hatte, war mit ziemlicher Sicherheit ein sogenannter „Illegaler“.
Welche Rolle spielte die Mitgliedsnummer während der NS-Zeit?
Die „Zahlenspiele“ waren wichtig für das Selbstverständnis der NSDAP-Mitglieder. Jene mit niedriger Nummer galten als die „Elite“ der Partei.
Welche Mitgliedsnummer hatte Adolf Hitler?
Anders als oft angenommen, hatte Hitler nicht von Anfang an die Nr. 1. Diese hatte ursprünglich Anton Drexler, der 1919 die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) gegründet hatte. Erst als Hitler die Partei 1925 neu gegründet hatte, bekam er dann die symbolische Nr. 1.
Welche Vorteile brachte eine NSDAP-Mitgliedschaft?
Die Parteimitgliedschaft eröffnete sofortige Vorteile in der öffentlichen Verwaltung und beim Zugang zu Posten – schließlich wurden mit dem „Anschluss“ alle jüdischen Beamten entlassen und es startete ein Wettlauf um die attraktivsten Positionen. Wer nun ein Parteibuch hatte, stieg in der Bürokratie schnell auf.
Wo wurde während der NS-Zeit die Mitgliederkartei verwahrt?
In München, da die bayrische Hauptstadt der Sitz der frühen „Bewegung“ war. Im Jahr 1945 fiel den Amerikanern das riesige Konvolut in München in die Hände, sie transferierten es nach Berlin, wo das „Berlin-Document-Center“ lange für die Öffentlichkeit gesperrt war. Dann wurde alles verfilmt, die Digitalisate befinden heute in den „National Archives“ in Washington. Die NSDAP-Mitgliederkartei wird im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde verwahrt.
Öffnen Sie die Startseite des US-Nationalarchivs: https://www.archives.gov.
Suchen Sie nach: „National Archives Collection of Foreign Records Seized“.
Klicken Sie weiter auf: „Search this Record Group in the National Archies Catalog“.
Um die Suchergebnisse zu begrenzen, gehen Sie nach folgendem Schema vor: Nachname, Vorname, idealerweise Wohnort.
Die besten Ergebnisse erhalten Sie, wenn Sie das genaue Geburtsdatum eingeben – allerdings ohne Angabe des Jahrhunderts, zb: 13.5.17. (13. Mai 1917).
Was ist das Besondere an diesem NSDAP-Archiv?
Dieses riesige Partei-Archiv ist weltweit einzigartig, denn es dokumentiert das gesamte Schriftgut einer Partei: Anträge auf Mitgliedschaft, Karteikarten, Mitgliederlisten, Prüflisten, Korrespondenzen. Es ist fast alles vollständig erhalten.
Wie erfolgte die Suche nach NSDAP-Mitgliedern nach Kriegsende?
Nach 1945 sollten Nationalsozialisten aus wichtigen Posten bei Politik, Justiz und Verwaltung entfernt werden. Das Verbotsgesetz sah eine Registrierungsbestimmung vor. Demnach mussten sich alle Personen mit dem ordentlichen Wohnsitz oder dem dauernden Aufenthalt in der Republik Österreich registrieren lassen, die zwischen dem 1. Juli 1933 und dem 27. April 1945 der NSDAP oder einem ihrer Wehrverbände angehört hatten. Wer die Anmeldung unterlassen oder unrichtige Angaben gemacht hatte, wurde mit Kerker von einem bis zu fünf Jahren bestraft.
Auf wen konzentrierte sich die Suche bei der Entnazifizierung?
Auf die „Illegalen“, denn diese wurden als besonders „belastet“ eingestuft. Nach dem Nationalsozialistengesetz von 1947 drohten ihnen – im Unterschied zu den anderen ehemaligen Parteimitgliedern – auch schwere Sanktionen: Diese „Belasteten“ durften nicht Beamte werden bzw. verloren sie ihren Beamtenstatus und es wurde ihnen ohne Abfertigung gekündigt; sie durften zehn Jahre lang keine freien Berufe ergreifen, sie mussten Zwangsarbeit leisten, etwa als Bauarbeiter beim Wiederaufbau, und sie wurden zu Strafzahlungen verpflichtet. Doch mit der Amnestie von 1948 waren auch diese Sühnemaßnahmen recht schnell wieder vorbei.
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