Neue Forschung aus Wien zeigt: Die Arktis verliert ihre unsichtbare Schutzkuppel - und das verändert das Klima der ganzen Erde.
Die Arktis galt lange als eine Art Klimafestung. Ein gigantischer Kühlschrank der Erde, abgeschirmt durch eine unsichtbare Barriere aus eiskalter Luft. Doch genau diese Schutzmauer beginnt zu bröckeln. Forscher rund um den Wiener Meteorologen Andreas Stohl von der Universität Wien zeigen nun erstmals mit einem einzigartigen Datensatz: Die Luft über der Arktis zirkuliert heute deutlich schneller als noch vor 40 Jahren. Mit anderen Worten: Der Kühlschrank der Welt verliert seine Isolierung.
Was jahrzehntelang ein abgeschlossener Raum aus Schnee, Eis und frostiger Luft war, öffnet sich zunehmend. Luft aus den gemäßigten Breiten strömt hinein – und arktische Kälte entweicht schneller als je zuvor.
Die unsichtbare Kuppel über dem Norden
Normalerweise liegt über der Arktis eine stabile, kalte Luftmasse – eine Art atmosphärische Kuppel, die Meteorologen Polardom nennen. Diese Kälteglocke trennt die eisigen Luftschichten im hohen Norden von den wärmeren Luftmassen der mittleren Breiten. „Man kann sich das wie einen Deckel vorstellen“, erklärt Stohl. Wärmere Luft wird an den Rändern nach oben gedrückt und gelangt nur selten in die unteren arktischen Luftschichten. Doch genau dieser Deckel wird durch die Klimakrise immer durchlässiger. Die Folge: Luftmassen mischen sich stärker, der Austausch zwischen Nordpolregion und dem Rest der Erde nimmt zu. „Die Arktis wird atmosphärisch weniger isoliert“, sagt Stohl. Oder drastischer formuliert: Sie wird weniger arktisch.
Luft bleibt immer kürzer im Norden
Um diese Entwicklung nachzuweisen, analysierte das Wiener Team die Verweildauer von Luftmassen nördlich des 70. Breitengrades – etwa auf Höhe der norwegischen Stadt Tromsø.
Das Ergebnis ist alarmierend: Im Sommer bleiben Luftmassen im Schnitt etwa 12 Tage über der Arktis – Im Winter nur noch rund 7 Tage. Doch besonders im Frühling und Herbst zeigt sich die Veränderung drastisch. Zwischen März und Mai verlassen Luftmassen die Arktis heute 1,4 Tage früher als in den 1980er-Jahren.
Warum der Kühlschrank undicht wird
Der Haupttreiber ist die sogenannte arktische Verstärkung – ein Effekt, bei dem sich die Polarregion deutlich schneller erwärmt als der Rest des Planeten. Eis und Schnee wirken normalerweise wie riesige Spiegel. Sie reflektieren Sonnenstrahlung zurück ins All. Doch wenn das Eis schmilzt, kommt dunkles Meerwasser zum Vorschein. Dieses schluckt die Energie der Sonne – und heizt sich auf. Eine gefährliche Rückkopplung entsteht: Weniger Eis, mehr Wärme – noch weniger Eis.
Dadurch steigt die Temperatur in Bodennähe. Der Unterschied zwischen arktischer Kälte und der Luft aus südlicheren Breiten schrumpft – und die Schutzkuppel wird instabil.
Werkzeug „Lara“ hilft
Der Datensatz LARA stehe mittlerweile Forschern weltweit offen, heißt es. Er könnte helfen, Extremereignisse wie diese besser zu verstehen – von Luftverschmutzung bis zu Starkregen. Schon jetzt untersucht Stohls Team damit die Herkunft der Feuchtigkeit, die beim verheerenden Hochwasser 2024 Teile Niederösterreichs überflutete. Der Name LARA komme wohl von der sogenannten „Lagrange’schen Reanalyse“.
Unter Leitung der Astrophysikerin Lucie Bakels entwickelte das Team ein Modell, das die Bewegung von sechs Millionen virtuellen Luftpartikeln gleichzeitig verfolgt. Stündlich. Über mehr als 80 Jahre. Die Datenmenge: rund 320 Terabyte. Damit lässt sich erstmals exakt nachvollziehen, wie Luft durch die Atmosphäre strömt - etwas, das klassische Wetterdaten nur sehr begrenzt zeigen können.
Fest steht: Die Arktis verändert sich schneller, als viele erwartet hatten. Der Kühlschrank der Erde ist nicht mehr dicht. Und was dort entweicht, bleibt nicht im Norden – sondern beeinflusst das Klima unseres gesamten Planeten.
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