Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) hat unlängst angekündigt, die Lehrpläne „entrümpeln“ zu wollen. So sollen Lateinstunden an den heimischen Oberstufen zugunsten von Künstlicher Intelligenz gekürzt werden. Doch dagegen formiert sich nun Widerstand. Nach der Lehrergewerkschaft kämpfen auch Prominente mittels Petition für den Erhalt der Lateinstunden.
„Ist Latein an unseren Schulen noch zeitgemäß?“ Diese Frage wird derzeit österreichweit heiß diskutiert. Auslöser ist der Plan des Bildungsministeriums, ab 2027/28 an den Oberstufen (AHS, Gymnasien) den Lateinunterricht von drei auf zwei Wochenstunden pro Schulstufe zu reduzieren. Im Gegenzug soll das Fach „Informatik und Künstliche Intelligenz“ auf drei Wochenstunden erhöht werden.
Von Fischer bis Handke: 85 Promis mit Schreiben an Wiederkehr
Nachdem bereits die Lehrergewerkschaft („Ein Anschlag aufs Gymnasium!“) dagegen vehement protestiert hat, formiert sich nun auch im Internet der Widerstand. Und das mit zahlreicher prominenter Unterstützung. 85 Österreicher aus den unterschiedlichsten Bereichen werben auf der Petitionsplattform #aufstehn für den Latein-Erhalt in der aktuellen Form und haben sich zudem in einem Schreiben direkt an Wiederkehr gewandt. Die Petition kann übrigens von jedem unterschrieben werden.
Die Forderungen der Latein-Befürworter an Wiederkehr:
Klare Standpunkte
Unter den Promis sind klangvolle Namen wie die drei Nobelpreisträger Elfriede Jelinek, Peter Handke und Anton Zeilinger, sowie die Schauspieler Chris Lohner, Erwin Steinhauer, Kristina Sprenger, Gregor Seberg oder die Ex-Politgrößen Heinz Fischer und Franz Vranitzky. Ihr Standpunkt ist klar: „Die im Bildungsministerium diskutierten Pläne, den Lateinunterricht weiter zu reduzieren, sind kein Detail einer Reform, sondern ein grundsätzlicher Angriff auf die geistige Substanz unseres Bildungssystems.“
Ich sehe die Basis fürs spätere Leben im Erlernen der alten Sprachen, auf deren Denken und Logik unsere ganze Zivilisation aufbaut.
Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin für Literatur
Die geplante Reduktion auf acht Wochenstunden sei nach Worten der Latein-Befürworter pädagogisch unhaltbar und fachlich unredlich. „Sie macht aus Latein ein Feigenblatt und aus Bildung eine Simulation. Wer glaubt, man könne das lateinische Denken in dieser Zeit vermitteln, betreibt entweder Ignoranz oder bewusste Täuschung.“
„Latein ist keine ,tote Sprache‘“
Weiters wird in der Petition darauf hingewiesen, dass Latein keine „tote Sprache“ sei. „Tot ist nur die Vorstellung, man könne Bildung auf kurzfristige Verwertbarkeit reduzieren. Latein ist die Grundschule des Denkens Europas. Logik, Recht, Wissenschaft, Politik und Verwaltung sind ohne Latein nicht denkbar – und sie funktionieren ohne dieses Fundament nur noch mechanisch.“ Wer Latein daher streiche, streiche nicht Stoff, sondern Denkfähigkeit.
Latein ist die Grundschule des Denkens Europas. Logik, Recht, Wissenschaft, Politik und Verwaltung sind ohne Latein nicht denkbar.
Auszug aus der Petition
„Latein und KI sind keine Gegensätze“
„Gerade im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz ist das fatal. Latein und KI sind keine Gegensätze. Ohne ein historisch und logisch geschultes Denken wird KI nicht zum Werkzeug mündiger Bürger, sondern zur Black Box für Unmündige. Wer Latein schwächt, produziert nicht Zukunft, sondern Abhängigkeit“, heißt es in der Petition weiter.
Wiederkehr beruhigt: Nur Schulen ohne autonome Stundentafel betroffen
Im Bildungsministerium ist man mittlerweile um Beruhigung bemüht: Die Änderungen betreffen nur jene Standorte, die nicht im Rahmen der Schulautonomie eigene Schwerpunkte gesetzt haben. Jedes Gymnasium habe pro Jahrgang drei bis vier Unterrichtsstunden zur Verfügung, und an den autonomen Stundentafeln, wie sie von den meisten Schulen genutzt würden, ändere sich nichts. „Das heißt, die Schulen, die weiterhin sagen, uns ist Spanisch wichtig, aber auch uns ist Latein wichtig, haben die Möglichkeit natürlich, aus diesem autonomen Topf Stunden draufzulegen“, betonte Martin Netzer, Generalsekretär im Bildungsministerium.
„Latinum“: Übergang an Unis noch in Arbeit
Noch in Arbeit ist eine Lösung für einen problemlosen Übergang an die Universitäten. Derzeit ist bei einigen Studien wie Medizin, Jus oder gewissen geisteswissenschaftlichen Fächern das sogenannte „Latinum“ eine Aufnahme- bzw. Abschlussvoraussetzung. Hatte man in der Oberstufe mindestens zehn Wochenstunden Latein, erspart man sich die Zusatzprüfung.

Die ÖVP-nahen Studierendenvertreter der AktionsGemeinschaft (AG) befürchten durch die Kürzungen beim Lateinunterricht in den Schulen „neue Hürden“ für Studierende. Wiederkehr sprach sich in dem Zusammenhang dafür aus, die Anforderung beim „Latinum“ auf acht Stunden zu reduzieren und verwies auf „gute Gespräche“ mit dem Wissenschaftsministerium.
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