Jung, gewaltbereit und online aktiv: Am Donnerstag präsentierte das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) seinen alarmierenden Bericht über die neue Neonazi-Generation. Demnach stiegen die rechtsextremen Taten 2024 um 23 Prozent. Als Brennpunkte gelten Wien und Oberösterreich.
Noch keine ausgeprägte Idealisierung, aber „ausgesprochen gewaltbereit“: So beschreibt das DÖW die neue Generation von „Neuen Rechten“ und beschreibt einen beängstigenden Anstieg rechtsextremer Taten. Vor allem die Bundeshauptstadt verzeichnet eine starke Zunahme gewalttätiger Angriffe aus dem rechten Spektrum.
Der Modus Operandi ist dabei nicht neu: Über einschlägige Propaganda werden potenziell neue Mitglieder über das Internet angeworben. Laut dem Bericht finden die strafbaren Handlungen mit 27,2 Prozent eher weniger im Internet statt. Vielmehr spielt sich die Gewalt im realen Leben ab: Jüngere wollen sich vor allem vor den älteren Kameraden beweisen und zeigen dafür eine hohe Gewaltbereitschaft.
Identitäre geben Ton an
Besonders auffällig ist die „Identitäre Bewegung Österreichs“ (IBÖ) unter der Führung von Martin Sellner. Das DÖW bezeichnet sie als „zentrale neurechte Gruppierung Österreichs“. Das übergeordnete Ziel: Eine ethnisch möglichst homogene Gesellschaft. Seit 2024 nimmt die IBÖ verstärkt Akademiker ins Visier und baut ihre Präsenz an Hochschulen verstärkt aus.
Die IBÖ zeichnet sich dabei weniger durch Größe oder Mobilisierungskraft aus. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, Themen, Strategien und Sprache für weite Teile der extremen Rechten vorzugeben. Ein Begriff, der im Umfeld der „Neuen Rechten“ längst Einzug gefunden hat, ist „Remigration“. Martin Sellner widmete diesem zutiefst rassistischen Ressentiment im JAhr 2024 sogar ein eigenes Buch.
Neonazis zeigen sich laut dem Bericht auch zunehmend nostalgisch: Als Vorbild gelten die 1990er-Jahre, in Deutschland als sogenannte „Baseballschläger-Jahre“ bekannt. Parolen aus dieser Phase erleben heute eine „Teilrenaissance“. Forderungen wie „Ausländer raus“ werden über das Internet und einschlägige rechte Kanäle rasch und massenhaft verbreitet.
Symbiose der Extreme: FPÖ und IBÖ
Als erschreckend bewertet das DÖW erneut das enge Verhältnis zwischen der FPÖ und der IBÖ, bezeichnet es gar als „symbiotisch“. Bereits im Bericht für die Jahre 2020 bis 2023 wurde diese Nähe thematisiert. Für das Jahr 2024 hält der Bericht fest, dass sich das Verhältnis zwischen Identitären und der FPÖ, insbesondere zur Parteijugend, weiter intensiviert habe.
Wichtigster Bezugspunkt der Identitären bleibt aber weiterhin Deutschland. Kontakte bestehen auch zu Italien, der Schweiz sowie zu Ost- und Südosteuropa. Das Verhältnis zu USA und Russland ist hingegen ambivalent: Trotz Anti-USA-Ressentiments unterstützen viele Trump und hoffen auf „internationalen Rückenwind“. Neonazis betrachten Russland als Feind, einzelne Mitglieder idealisieren es aufgrund „rassistischer Erwägungen“.
23 Prozent mehr rechte Gewalt
Eine parlamentarische Anfrage der SPÖ-Nationalratsabgeordneten Sabine Schatz liefert den Anstieg der rechtsextremen Handlungen in Zahlen. Im Jahr 2024 wurden insgesamt 1486 Delikte registriert – 23 Prozent mehr als 2023 mit 1208 Taten. Das DÖW führt den Anstieg unter anderem auf eine geänderte Rechtslage zurück: Mit 1. Jänner 2024 trat eine Verschärfung des Verbotsgesetzes in Kraft.
Zahlen seit 2021 verdoppelt
Die meisten rechtsradikalen Taten wurden demnach in Wien und Oberösterreich registriert. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl lagen jedoch Vorarlberg und Salzburg an der Spitze. Vorarlberg kam auf 27,6, Salzburg auf 21,3 Tathandlungen pro 100.000 Einwohner. In beiden Bundesländern hat sich die Zahl seit 2021 verdoppelt. Österreichweit lag der Schnitt bei 16,2 Tathandlungen. Am niedrigsten war die Zahl in der Steiermark mit 8,5.
Das DÖW erstellt den Rechtsextremismusbericht im Auftrag von Innen- und Justizministerium seit 2025 nach einer 20-jährigen Pause wieder jährlich. Er dokumentiert Entwicklungen des Rechtsextremismus in Österreich und nennt zentrale Akteurinnen und Akteure. Als Quellen dienen behördliche Erhebungen und Meldungen zivilgesellschaftlicher Stellen. Der im Vorjahr vorgestellte Bericht analysierte die Szene zwischen 2020 und 2023.
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