818 Tage nach dem Tod des einst mächtigsten Beamten der Republik beginnt mit dem Lokalaugenschein des U-Ausschusses an der Donau der finale Akt im „Fall Pilnacek“. Allerdings noch ohne Geheimbericht der Justiz über die letzten Stunden im Leben des Top-Juristen – die „Krone“ hatte freilich schon Einblicke in die Auswertung der viel zitierten Smartwatch. Und weiß wie viel Promille (mehr als bisher angenommen) im Spiel waren ...
Er galt nicht nur in der Justiz mit einer blitzsauberen Vita über 30 Jahre lang als einst mächtigster Beamter in der Republik – doch verfolgt von den Korruptionsjägern der Staatsanwaltschaft folgte 2020 seine Entmachtung und der tiefe Absturz mit der Suspendierung bzw. den Rauswurf aus dem Ministerium, dem feinen Palais Trautson im Herzen der Stadt, im Jahr darauf.
Verschwörungstheorien und Mythen ranken sich um Todesnacht
Im Herbst 2023 dann die Schockmeldung. Wenige Stunden nach einer von der Polizei gestoppten Geisterfahrt auf der Stockerauer Schnellstraße in Niederösterreich war Christian Pilnacek tot. Ertrunken in einem Seitenarm der Donau in der Wachau. Seitdem ranken sich viele Mythen und Verschwörungstheorien um das Ableben des akribischen Kopfes und Architekten der letzten großen Strafprozessordnung.
Die Nebel um die Todesnacht vom 20. auf den 21. Oktober vor mehr als zwei Jahren lichten sich aber jetzt, kurz vor dem Start des U-Ausschusses.
Nach Alko-Geisterfahrt noch halbe Flasche Prosecco
Nochmals eine zeitliche Chronologie:
Einblick in Smartwatch-Auswertung und brisante Details
Die „Krone“ kann jetzt die letzten Geheimnisse der Todesnacht enthüllen. Zum einen ist da das Rätsel um die Alkoholwerte. Bei der Obduktion wurde tatsächlich mit zwei Promille (!) im Harn ein noch bedeutend höherer Wert als bei der Kontrolle nach der Geisterfahrt festgestellt. Selbst für trinkfeste Personen ein wirklich hoher Wert.
Doch was passierte in den Stunden dazwischen beim „Spaziergang“ nach dem Verlassen der Wohnung in der Wachau? Da gibt das Protokoll der Samsung-Smartwatch Galaxy 3, ausgelesen durch IT-Experten für die Staatsanwaltschaft Eisenstadt, Auskunft.
Markante Armbewegungen kein Beweis für Kampf
Und das sagen die Gesundheitsdaten. Gemessene markante Handbewegungen beginnen 30 Sekunden bis eineinhalb Minuten (das Barometer schreibt jede Minute einmal in die Datenbank) bevor die Hand im Wasser landet. Das sei aber kein Beweis für einen Kampf – wahrscheinlichste Erklärung: Sturz oder Ausrutschen an der Böschung zur Donau. Dazu würden auch die beim gerichtsmedizinischen Gutachten festgestellten Verletzungen passen.
Smartwatch ab 4 Uhr in „Ruhemodus“, Pilnacek beim Sterben alleine
In der Folge ist die Uhr knapp 70 Zentimeter unter Wasser. Auch schlüssig: Pilnaceks Leichnam wurde mehrere Meter vom Ufer entfernt geborgen. Zwischen 1:45 Uhr und 3:30 Uhr schaltet sich das Gerät in den sogenannten Schwimmmodus. Danach misst die Smartwatch den Umgebungsdruck, was dafür spricht, dass die Hand bzw. der Körper auf dem Wasser trieb. Um kurz nach vier Uhr ist „Ruhemodus“.
Zudem sind keine weiteren Computer oder Handys via Bluetooth in der Nähe zugeschaltet, weil de facto von der Smartwatch wenig gesendet wurde. Das spricht dafür, dass der Top-Jurist beim Sterben alleine war. Und damit gegen den Vorwurf von schlampiger Polizeiarbeit bis hin zu einem vertuschten Mord.
Datei „Gelöschte Daten“ nicht manipuliert
Auch ein weiteres Mysterium um eine Datei mit dem Namen „Gelöschte Daten“ ist gelöst. Diese sei kein Beweismittel, daher unwichtig. Und: Würde eine Manipulation vorliegen, wäre ein anderer Zeitstempel vorhanden. Nach einer internen Besprechung mit den Sachverständigen notiert die Anklägerin jedenfalls abschließend: „Viele Erklärungen, aber alle unspektakulär.“
An der Einstiegsstelle in den Seitenarm der Donau sind nur Fußspuren von Christian Pilnacek zu finden.

ÖVP-Fraktionsführer Andreas Hanger
Bild: APA/EVA MANHART
In diese Kerbe schlägt auch der U-Ausschuss-erprobte ÖVP-Fraktionsführer Andreas Hanger: „Aus den vorliegenden Ermittlungsakten geht eindeutig hervor, dass an der Einstiegsstelle in den Seitenarm der Donau nur Fußspuren von Christian Pilnacek zu finden sind.“ Weiters habe die Obduktion keine Hinweise auf Fremdverschulden ergeben. Auch das Justizministerium hätte keinen Anfangsverdacht für eine Straftat.
„Für U-Ausschuss ohne Bedeutung“
Fazit des schwarzen Granden: „Ob es sich beim Tod des Sektionschefs letztlich um einen Unfall, einen Suizid oder eine Kombination aus beidem gehandelt hat, ist für die strafrechtliche Beurteilung, aber auch für die Prüfung der Ermittlungen durch den Untersuchungsausschuss, ohne Bedeutung.“
Jetzt beginnt das Zittern vor den Chats
Unangenehm kann es für die Volkspartei freilich trotzdem noch werden. Denn via Smartwatch wurden nicht nur Gesundheitsdaten, sondern die Chats in den Tagen, Wochen und Monaten vor dem Tod des einst mächtigsten Beamten der Republik ausgewertet. Ein gefundenes Fressen, besonders für FPÖ und Grüne. Geht es doch bei den Nachrichten offenbar auch um mögliche Interventionen, über die Pilnacek ja auf einem in einem Wiener Innenstadtlokal heimlich mitgeschnittenen Tonband im Gespräch mit zwei Bekannten gesprochen hatte.
Letzte SMS: „Ich kann nicht mehr“
Auf der Aufnahme redet ein freilich durch den Sturz tief gekränkter Ex-Top-Jurist von Einflussnahmen: „Das wirkliche Problem ist, dass man Dinge verlangt, die nicht möglich wären. Man verlangt, dass ich Ermittlungen einstelle. Das kann ich nicht, mach’ ich nicht.“ Bekannt ist auch seine letzte SMS in dieser tragischen Nacht unmittelbar nach dem Entzug des Führerscheins an einen Freund: „Ich kann nicht mehr.“
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