„I will ham nach Fürstenfeld“, singt das steirische Trio STS in seiner Kult-Hymne. Neben dem „bissl Göid“ braucht es dafür aber auch einen Zug, der tatsächlich dorthin fährt – Protokoll eines ÖBB-Versagens.
Sonntagmorgen, Bahnhof Wien-Meidling: Fahrgäste besteigen den Regionalexpress Richtung Fürstenfeld. Der Zug fährt pünktlich los, kommt pünktlich in Wiener Neustadt an. Die Fahrgäste warten, dass der REX wieder anfährt, da erschallt plötzlich die Durchsage: „Bitte alle aussteigen, dieser Zug ist schadhaft. Wechseln Sie in die bereitstehende Ersatzgarnitur“. Die Menschen im Zug sind überrumpelt, etwas verwirrt steigen sie aus, nicht alle haben die Durchsage mitbekommen. Am Bahnsteig setzen sie sich in Bewegung Richtung Ersatzzug, der weiter vorn wartet.
Fassungslosigkeit am Bahnsteig
Aber noch bevor der erste Fahrgast einsteigen kann, fährt die Garnitur einfach los! Fassungslosigkeit am Bahnsteig, die dann Ärger über die ÖBB weicht. Die Leute spähen in den Führerstand des alten Zugs, in dem noch der Lokführer sitzt. „Der traut si net aussa, weil dann kann er si was anhörn!“, mutmaßt jemand.
Die schadhafte Garnitur setzt sich in Bewegung. Bis auf die gestrandeten und ratlosen Fahrgäste ist der Bahnsteig jetzt leer. Kein Schaffner oder sonst wer weit und breit, den man um Rat fragen kann. Der vor wenigen Tagen erschienene Bericht des Rechnungshofs, der die ÖBB für ihre schlechte Planung kritisiert, lässt sich nicht besser illustrieren.
Noch eine halbe Stunde später ist in der Scotty-App der ÖBB nachzulesen, dass Fahrgäste in die Ersatzgarnitur umsteigen sollten und der Zug planmäßig nach Fürstenfeld fahre. Das tut er auch, nur ohne Passagiere zwischen Wiener Neustadt und der nächsten Station.
Wer sich im Reisezentrum erkundigt, wie man denn jetzt weiter nach Fürstenfeld komme, wird auf Routen verwiesen, die zurück über Wien führen. Der nächste direkte Zug von Wiener Neustadt geht erst am Nachmittag. Ein freundlicher Bahnmitarbeiter, den man zwei Bahnsteige weiter antrifft und auf das skurrile Ereignis anspricht, ist davon nicht überrascht. „Manche Kollegen glauben, sie müssen schnell davonfahren“, meint er lapidar.
„Sekundengenaue Abfahrtszeiten“
Im Wortlaut anders, aber im Inhalt ähnlich klingt dann auch die Antwort des ÖBB-Kundenservice auf die Beschwerdemail. Von der Verkehrsleitzentrale würden „sekundengenaue Abfahrtszeiten“ vorgegeben, „an die sich das Zugpersonal halten muss“, heißt es darin. „Nach Abfertigung des Zuges können die Türen nicht mehr geöffnet werden. Es handelt sich dabei keinesfalls um Unhöflichkeit, sondern vorrangig um eine Sicherheitsmaßnahme“, so die Antwort. So lief der Zug jedenfalls nicht Gefahr, von Weiterreisenden bestiegen zu werden …
ÖBB bedauern Vorfall
Auf Anfrage der „Krone“ erklärte ein ÖBB-Sprecher, dass der notwendige Garniturtausch schon vor Fahrtantritt in der Scotty-App bekannt gegeben worden sei. Allerdings gab es keine Benachrichtigung per E-Mail. Für den Umstieg sei drei Minuten Zeit gewesen. „In einem solchen Fall hätte die Ersatzgarnitur auf alle umsteigenden Fahrgäste warten müssen“, räumte der Sprecher ein. Man bedauere sehr, dass Fahrgäste im Unklaren gelassen wurden oder Umstieg für sie nicht möglich war.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.