Ihre Geschichte ging um die Welt: Drei Nonnen hauen aus dem Altersheim ab, besetzen das Kloster Goldenstein und bringen mit ihrem Ungehorsam die Kirchenoberen auf die Palme. Jetzt haben die rebellischen Augustiner-Chorfrauen (88, 86 und 82 Jahre alt) auch noch ein Buch geschrieben.
Elsbethen südlich von Salzburg. Wenn die Romy-Schneider-Straße auftaucht, ist es zu den rebellischen Nonnen von Goldenstein nicht mehr weit. Am Ende links abbiegen, da liegt vor dem wolkenumhüllten Gaisberg ihr Kloster, das auch eine Katholische Privatschule beherbergt. Hier verbrachte die Schauspielerin Romy Schneider einst ihre Schulzeit.
Schloss Goldenstein wirkt wie ein Ort aus einer längst vergangenen Zeit. Vorbei an Brombeer- und Rosensträuchern, Kerzenlichtern und Muttergottes-Statuen bahnen wir uns den Weg zum hinteren Eingang. Auf die Dächer der Arkaden prasselt der Regen, gleich hinter den Wiesen flitzt die Südbahn vorbei. Mit uns warten Christian (13) und Noemi (12) darauf, dass die Tür geöffnet wird. Sie haben Pause und wollen auch hinauf in die Klausur, zu den Nonnen. Warum? „Reden, dass die Zeit vergeht“, erklären sie.
Oben, am großen runden Tisch im „grünen Zimmer“, haben sich die drei Augustiner-Chorfrauen versammelt. Schwester Rita, der Liebling der Kinder. Sie hat vergessen, ihren schwarzen Schleier aufzusetzen. Schwester Bernadette, die Wortführerin. Sie sitzt im Rollator. Schwester Regina, die Leise. Sie verspricht, noch durchzuhalten bis zum Mittagsschlaf.
„Wir hatten auch eine Connie“, ruft Schwester Bernadette, als sie meinen Namen hört, „die konnte 28 Zwetschkenknödel auf einmal essen!“ Alle lachen, Christian und Noemi bekommen noch schnell eine Umarmung, und es geht schon los.
„Krone“: Der neue Wiener Erzbischof meinte im „Krone“-Interview, er werde Ihr Buch wahrscheinlich nicht lesen. Finden Sie das schade?
Schwester Bernadette: Wir werden ihm das Buch schicken.
Schwester Rita: Ich hab ein gutes Gefühl mit diesem Bischof. Er ist fortschrittlich und will auch mehr Frauen in der Kirche.
Schwester Bernadette: Mir wären lieber mehr gute Männer in der Kirche! Das würde ich dem Herrn Erzbischof gerne sagen.
Schwester Regina verzieht keine Miene.
Sind Sie dem Propst, der Sie ins Altersheim stecken wollte, noch böse?Schwester Regina: Ich war überhaupt nicht böse.
Schwester Rita: Nur sehr enttäuscht.
Schwester Bernadette: Wir sind alle sehr erstaunt, dass so etwas überhaupt möglich ist. Die haben uns das ganze Geld genommen! Sie wollten uns trennen und spalten!
Schwester Rita: Lassen wir das mit dem Geld. Beten wir für ihn. Und hoffen wir, dass er sich einmal meldet.
Die Geschichte ging um die Welt. Als auf Schloss Goldenstein, wo seit 1877 Augustiner-Chorfrauen lebten, der Nachwuchs ausblieb, durfte dort keine Oberin mehr gewählt werden. Früher einmal waren sie 44, jetzt sind sie nur noch drei. Das Kloster mit der Schule, in dem die drei Nonnen Lehrerinnen und Erzieherinnen waren, wurde von der Erzdiözese Salzburg und dem Stift Reichersberg übernommen, und deren Propst Markus Grasl zu ihrem Oberer ernannt. Dieser verbrachte die drei Nonnen ins Pflegeheim, aus dem sie abhauten. „Afoch oposcht“ sind sie, wie man in Salzburg sagt, haben ihr Kloster aufgebrochen und besetzt.
Ihr Widerstand hat bewegt, den Nonnen wurde Respekt und Solidarität zuteil. Ihr Kampf rüttelt an einer tiefen Sehnsucht: Auch im Alter selbstbestimmt und in Würde zu leben und in den eigenen vier Wänden zu sterben.
Wie ist Ihre Flucht zurück ins Kloster mit dem Gelübde vereinbar, das Sie abgelegt haben?
Schwester Rita: Wir wollen doch nur unseren Lebensabend da verbringen, wo wir über 60 Jahre daheim waren!
Schwester Bernadette: Wie kann man uns trennen? Behaupten, ich hätte die anderen Schwestern beeinflusst. Schwester Regina ist im Heim fast gestorben. Ich habe ihr jeden Tag mein Essen hinaufgebracht, sie mit Palatschinken gefüttert.
Schwester Regina hat Tränen in den Augen.
Schwester Rita: So ein Heimweh haben wir nach Goldenstein gehabt, nach den Blumen im Garten und unserer Kapelle!
Schwester Bernadette: Wir haben gelobt, keusch, arm und gehorsam zu sein und uns der Mädchenerziehung zu widmen. Wir haben unser Leben lang gebetet, gearbeitet und gehorcht. Wir haben nichts falsch gemacht. Außer, dass wir immer ein Gottvertrauen hatten.
Schwester Rita: Dieses Vertrauen ist missbraucht worden.
Sie sind ein Dreigestirn, und doch so verschieden. Wortführerin Schwester Bernadette (88) ist die Kämpferin unter ihnen. Von 1960 bis 2003 war sie eine durchaus gefürchtete Lehrerin. Sie sei in eine Falle getappt, resümiert sie heute, und habe das getan, was Eltern von ihr gefordert hätten. Viel strenger mit den Kindern zu sein. Schwester Regina (86) war ehemalige Schulleiterin, seit einer Schilddrüsen-Operation strengt sie das Reden an und sie war ohnehin nie eine Frau der großen Worte. „Die schwebende Königin“ wurde sie genannt. Schwester Rita war Kindergärtnerin und Hortnerin und ist mit 82 die Jüngste und Gutmütigste der drei Nonnen. Zusammen sind sie 256 Jahre alt.
Was hat Sie so frisch gehalten?
Schwester Bernadette: Die Gelübde! Mit Kindern leben. Beten. Füreinander da sein.
Schwester Rita: Wir brauchen alle noch keine Hörgeräte. Also, ich fühl mich mindestens 20 Jahre jünger.
Schwester Regina: Ich auch. Wie 60. Ich übe jetzt wieder, ohne Rollator zu gehen.
Hilft auch das Keuschheitsgelübde?
Schwester Rita: Ich hab‘ einmal eine weltliche Freundin wiedergesehen und werde nie vergessen, was sie zu mir gesagt hat. „Du bist so unverbraucht!“ Aber sie hat Recht. Das ist, weil wir unsere Reinheit bewahren wollten.
Schwester Regina verdreht die Augen.
Schwester Bernadette sagt ausnahmsweise nichts.
Waren Sie denn nie unsterblich verliebt?
Schwester Rita: Unsterblich nicht. Aber ich hab‘ in der Katholischen Landjugend-Gruppe schon einen gern gesehen. Weiter ist da aber nichts gewesen.
Schwester Regina: Ehrlich gesagt, auf einen Burschen hätt‘ ich Absicht gehabt. Aber ich habe erfahren, dass er Priester werden will und damit war der Fall abgeschlossen.
Schwester Bernadette: In späten Jahren bin ich jemandem begegnet. Das war so eine Persönlichkeit! So eine Reinheit hat dieser Herr ausgestrahlt, die mich angezogen hätte. Ich sage den Beruf nicht. Ich habe mich beim Herrn bedankt, dass ich diesem Menschen begegnet bin.
Es tritt ein Moment der Stille ein. So als seien sie selber überrascht von dem, was sie gerade erzählt haben. Hinter ihnen hängt ein Gemälde von Jesus Christus am Kreuz, auf der Kommode stehen gerahmte Urkunden ihrer Ehrenbürgerschaften, auf dem Tisch liegt das Gästebuch neben einem Stapel Weihnachtskarten. Draußen ertönt jetzt eine Glocke, in der Privaten Mittelschule Goldenstein ist Mittagspause. Lärm und Toben erfüllen das Haus. Immer wieder winken Kinder durch das Fenster zum Gang und schicken den Nonnen Kusshände.
In Ihrem neuen Buch habe ich gelesen, dass Sie in den Fünfzigerjahren heimlich „Bravo“ gelesen haben.
Schwester Rita: Ach so?
Schwester Bernadette: Das kann schon sein, wenn es da drinsteht. (Sie lachen.)
Wir haben unser Leben lang gebetet, gearbeitet und gehorcht. Wir haben nichts falsch gemacht. Außer, dass wir immer ein Gottvertrauen hatten.
Schwester Bernadette über den Vorwurf des Ungehorsam
Und dass Sie mit blutverschmierten Schürzen herumgelaufen sind.
Schwester Regina: Das war vom Blunzn-Kochen.
Und dass Sie auf Matratzen die Holzstiegen hinuntergesaust sind.
Schwester Rita: Das stimmt! (Sagt’s, steht auf und geht eine Matratze suchen.)
Wäre Romy Schneider, würde sie noch leben, heute stolz auf Sie?
Schwester Bernadette: Ich denke schon. Sie war immer mit Goldenstein verbunden. Romy uns Briefe geschrieben. Leider ist uns alles gestohlen worden.
Schwester Rita platzt keuchend ins Zimmer, sie hat eine Matratze gefunden. Draußen stehen die Kinder schon Schlange. „Jetzt rutschen wir!“, ruft sie und klettert übermütig die Holztreppen hinauf. Es ist ein Ritual, das die Schwestern noch aus ihrer Schulzeit kennen. „Achtung, fertig, los!“ So ein Lachen und Jauchzen, als die 81-Jährige mit drei Mädchen die Stiegen runtersaust. Auch, weil es eigentlich verboten ist.
„Nicht mit uns! – Die unglaubliche Geschichte der Nonnen von Goldenstein“ – unter diesem Titel erscheint am 29. November das Buch der drei Augustiner-Chorfrauen, die mittlerweile Medienstars geworden sind.
Es ist das erste Buch der neu gegründeten Edition Lauter. Die Journalistin Edith Meinhart hat die Geschichte der drei Schwestern bereits im Podcast „Die Dunkelkammer“ aufgedeckt und sie nun aufgezeichnet.
„Nicht mit uns“ erzählt von einem ungleichen Machtkampf innerhalb der Kirche, von unverbrüchlichem Gottvertrauen und vom Mut dieser Frauen, für ein selbstbestimmtes und würdiges Leben einzutreten, wenn nötig bis zum Äußersten.
Ein Euro des Verkaufspreises (€ 27) gehen direkt an die drei Nonnen. Das Buch hat 208 Seiten.
Sie haben Ihren Kampf um das Kloster vorläufig gewonnen. Was wollen Sie letztlich damit bewirkt haben?
Schwester Rita (noch immer ein bisschen außer Atem): Ja, Gott sei Dank dürfen wir bleiben!
Schwester Bernadette: Wir haben so viele Interviews gegeben, sogar ein Herr aus Hollywood war da, der einen Film machen will. Sie sind jetzt wirklich die Letzte, der wir noch ein Interview geben.
Schwester Regina: Wir hoffen, dass jetzt wieder Ruhe einkehrt.
Schwester Rita: Und dass vielleicht doch noch Nachwuchs kommt. Wir sind in Gottes Hand.
Schwester Bernadette: Der Orden behauptet, wir könnten keine jüngeren Schwestern ausbilden. So ein Blödsinn! Wir waren immerhin Oberinnen!
Schwester Rita: Auch Sie hat heute der Himmel geschickt. Wer weiß, vielleicht schickt er auch Novizinnen.
Schwester Regina: Eine Mitschwester von uns wurde von einem Schweizer Orden auf die Straße gesetzt. Jetzt bügelt sie einem feinen Herrn die Jeans. Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie vielleicht zu uns zieht.
Auf Instagram folgen den Nonnen von Goldenberg mittlerweile 86.500 Menschen. „Nicht mit uns!“ heißt ihr Buch, das kommende Woche erscheint. Pro verkauftem Exemplar geht ein Euro direkt an die drei Augustiner-Chorfrauen, deren Konten gesperrt sind. Als wir uns verabschieden, winken sie noch lange, wie drei Wesen aus einer anderen Zeit. Sie haben ihr Schicksal nicht stillschweigend erduldet, sondern selbst in die Hand genommen.
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