Alles gänzlich anders. Blenden wir nur vom gestrigen Freitag acht Tage zurück: Da verhandelte Karl Nehammer mit Andreas Babler und Beate Meinl-Reisinger zur Bildung einer türkis-rot-pinken Regierung und war offensichtlich noch guter Hoffnung, dass diese sogenannte Zuckerlkoalition zustande kommt. Und er damit womöglich weitere fünf Jahre Bundeskanzler bleibt. Wie wir wissen, kam alles gänzlich anders. Tatsächlich wurde gestern Nehammers Kanzler-Vorgänger, Alexander Schallenberg, in der Hofburg von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu seinem Nachfolger angelobt. Schallenberg wird sich freilich nur für begrenzte Zeit im Kanzleramt, aus dem Nehammer gestern auszog, breitmachen. Er leitet die Regierungsgeschäfte lediglich, bis im Parlament ein neuer Bundeskanzler gewählt ist. Und das wird wohl Herbert Kickl sein – wenn nicht doch noch alle Stricke reißen. Wer könnte das bei allem, was wir in den letzten Jahren, aber vor allem in den letzten Tagen hierzulande schon erlebt haben, ausschließen?
Offene Worte. „Die Verhandlungen sind ergebnisoffen“ sagt Christian Stocker, Karl Nehammers Nachfolger als Chef der ÖVP, in seinem ersten „Krone“-Interview nach seiner Bestellung zum Parteichef auf die Frage, wie hoch die Chancen für eine blau-schwarze Koalition seien. Ob das Vorgehen der ÖVP, die im Wahlkampf ausgeschlossen hatte, Kickl zum Kanzler zu machen, nicht Wählertäuschung sei? Da weicht Stocker aus – man verhandle mit der FPÖ mit Obmann Kickl, ob dieser (als Kanzler) komme, sehe man am Ende der Verhandlungen. Sehr direkt antwortet der 65-Jährige auf Fragen zu seinem persönlichen Totalschwenk von massiver Kritik an Kickl Richtung Verhandlungen. Dieser Schritt sei ihm „mehr als schwer gefallen“. Ja, darunter habe seine Reputation sehr gelitten, gibt er zu. Und er versteht auch, dass damit eine Beschädigung der Glaubwürdigkeit in der Politik verbunden sei. Offene, persönliche Worte – die hört man nicht so oft in der Spitzenpolitik.
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