Codename: Anschlag

“Österreicher” als Spione für Moskau: Prozess in D

Österreich
15.01.2013 20:17
Es klingt nach einem Thriller: Unter dem Deckmantel familiärer Idylle soll ein russisches Agentenpärchen - mit falschen österreichischen Pässen - jahrelang in Deutschland geschnüffelt haben. Das Ehepaar, von dem nur ihre Alias-Namen Andreas und Heidrun Anschlag bekannt sind, muss sich seit Dienstag wegen Spionage für den russischen Auslandsgeheimdienst KGB und dessen Nachfolger SWR vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verantworten.

Ihre richtigen Namen kennt nicht einmal der Strafsenat. Die beiden Russen verweigerten zum Prozessauftakt alle Angaben zu ihrer Person und zum Umfang ihres Geheimnisverrats. 53 und 47 Jahre alt sind die Angeklagten angeblich. Ende der 1980er-Jahre kamen sie laut Anklage mit den falschen Identitäten über die Grenze - als Österreicher südamerikanischer Herkunft.

Steirischer Standesbeamter stellte Pässe aus
Ihre österreichischen Pässe - mit falscher Identität - soll Jahre zuvor ein steirischer Standesbeamter ausgestellt haben. Die zuständige Staatsanwaltschaft Leoben bestätigte, dass zu den beiden Pässen ein Verfahren geführt, aber 2011 eingestellt worden war. Nach Angaben ihres Verteidigers haben beide Angeklagten die russische Staatsbürgerschaft.

Mehr als 20 Jahre sollen Heidrun und Andreas Anschlag in Deutschland ein Doppelleben geführt haben, um Russland mit Informationen über EU, NATO und UNO zu versorgen. Hunderte Dokumente spielten sie laut deutscher Bundesanwaltschaft dem SWR zu, einem Nachfolger des sowjetischen KGB.

Tochter will nichts von Agentenleben gewusst haben
Sie heirateten, kurz darauf wurde die Tochter geboren. Die Frau wusste Medienberichten zufolge nichts von den mutmaßlichen Spitzeldiensten ihrer Eltern. Selbst im Prozess wirken die Eheleute unauffällig. Sie blond, er grau meliert, Statur durchschnittlich, besondere Merkmale: keine. Als Spione kassierten sie beim SWR laut Anklage rund 100.000 Euro im Jahr.

Kontakt zur Führungsstelle hielten sie über Agentenfunk, "tote Briefkästen" oder Satellit. Hin und wieder sollen sie auch geheime Botschaften in Kommentaren zu YouTube-Videos im Internet versteckt haben. Bei der Festnahme hörte die Frau gerade verschlüsselte Nachrichten mit dem Kurzwellenempfänger ab. Seit rund einem Jahr sitzen die mutmaßlichen Spione in Untersuchungshaft. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft.

In Russland erwähnen staatstreue Medien die Affäre mit keiner Zeile. Auch die in internationalen Spionagefällen durchaus übliche Gegenmaßnahme - das Aufdecken vermeintlicher fremder Agenten - blieb vonseiten Russlands bislang aus. Von Kremlchef Wladimir Putin, der zu DDR-Zeiten für den KGB in Dresden gearbeitet hatte, gab es keinen Kommentar.

Agententätigkeit für junge Russen äußerst lukrativ
Der Prozess weckt Erinnerungen an den Kalten Krieg, als sich die Staaten des Warschauer Pakts und der NATO unversöhnlich gegenüberstanden. Trotz "Blamagen", wie Moskauer Medien das Aufdecken von Spionen nennen, gilt die Agententätigkeit bei jungen Russen als äußerst lukrativ. Viele werten einen solchen Job als gut bezahlten Einsatz fürs Vaterland. Offensiv wirbt der SWR im Internet: "Spionage ist ein wichtiger Faktor für das Überleben eines Staates." Es gehe um einen uralten Job: "Geheimoperationen kommen schon in der Bibel und im Koran vor."

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