Mo, 18. Juni 2018

Psychisch krank 2.0

15.10.2012 12:07

Wenn Mamas Wirrwarr im Kopf Kinder krank macht

Psychisch krank, die nächste Generation: Einige Zehntausend Kinder und Jugendliche sind in Österreich bedroht, psychische Leiden allein deshalb zu entwickeln, weil schon ein Elternteil krank ist. Allein im Bundesland Salzburg dürften es 6.000 Kinder und Jugendliche sein. Die dermaßen belasteten Kinder bekommen oft keine Hilfe, da die Eltern nicht in der Lage sind, die Probleme wahrzunehmen. Hilfsangebote gibt es wenige. Wir erklären die Belastungen und wo Betroffene sich um Hilfe hinwenden können.

"Belastete 'vergessene' Kinder – Kinder von Eltern mit psychischer Erkrankung", lautete der Titel eines kürzlichen Symposiums der Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie der MedUni Wien am AKH.

Viele psychiatrische Patienten haben Kinder
Belastet, "vergessen" – das sind in Österreich offenbar viele Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen ein oder beide Elternteile zum Beispiel an Depressionen, Psychosen (Schizophrenie) oder bipolaren Störungen (manisch-depressiv) leiden. Die Lebenszeit-Wahrscheinlichkeit, eine solche Krankheit zu entwickeln, liegt bei 27 Prozent – das gilt auch für Eltern.

Brigitte Schmid-Siegel von der Abteilung für Sozialpsychiatrie der MedUni nannte Zahlen aus verschiedenen Studien: "Zehn bis 30 Prozent aller psychiatrischen Patienten und Patientinnen haben mindestens ein minderjähriges Kind, ebenso 70 Prozent der stationär behandelten psychiatrischen Patientinnen. Acht bis zehn Prozent der Kinder haben mindestens einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung."

Johannes Wancata, Leiter der Abteilung für Sozialpsychiatrie an der MedUni Wien, zitierte aus einer österreichischen Angehörigenstudie von psychisch Kranken (135 Angehörige von Schizophreniekranken): "24,4 Prozent der Patienten hatten entweder minderjährige Geschwister oder Kinder. 13 Prozent hatten minderjährige Kinder, für die sie sorgen mussten." Die Erwachsenen waren im Durchschnitt fast 40 Jahre alt, litten mehr als zehn Jahre an ihrer Erkrankung und hatten im Durchschnitt fünf stationäre Krankenhausaufenthalte hinter sich, was wiederum die Trennung von den Kindern bedeutete.

Kinder zum Teil auf sich gestellt
Schmid-Siegel: "Psychisch kranke Eltern sind aufgrund ihrer eigenen Belastungen, Defiziten, Scham und Angst oft nicht in der Lage, die Belastungen ihrer Kinder wahrzunehmen. Sie haben einen erschwerten Zugang zu institutioneller Hilfe und Angst vor Kindesabnahme durch die Jugendwohlfahrt."

Das bedeutet für Heranwachsende eine unerhörte Belastung: Berufstätig sind in Österreich nur etwa die Hälfte der psychisch Kranken. Das lässt die Familien oft in die Armut rutschen. Kinder können sich oft nicht erklären, warum Mutter oder Vater – bei chronischer Erkrankung oder wiederkehrenden Episoden – ein verändertes Verhalten aufweisen.

Die Expertin: "Kinder von schwer kranken psychiatrischen Patienten erleben in den prägendsten Jahren unterschiedlich schwere Belastungen, welche die Lebensqualität beeinträchtigen, emotionale Entbehrungen, Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch."

Wenn eine Mutter oder ein Vater beispielsweise an einer Schizophrenie erkrankt, manisch-depressiv oder depressiv ist, ist dieser Elternteil vor allem mit sich beschäftigt, nimmt die Bedürfnisse des Kindes oft nicht ausreichend wahr und kann nicht die natürliche Rolle eines Elternteils ausfüllen. Depressive sind wegen fehlenden Antriebs nicht dazu in der Lage, fühlen sich als schlechte Eltern. Oft sind die Familienverhältnisse instabil – sprichwörtliches "Gift" für jedes gesunde und in Geborgenheit erfolgendes Aufwachsen eines jungen Menschen.

Kinder von psychisch Kranken: Hilfsangebote
Für Kinder, bei denen ein oder gar beide Elternteile psychisch krank sind, sind Hilfsangebote für die gesamte Familie notwendig. Es gibt einige wenige in Österreich existierende Initiativen auf diesem Gebiet:

  • KIPKE - Beratung von Kindern mit psychisch kranken Eltern Niederösterreich (Hollabrunn).
  • HPE - Onlineportal "Verrückte Kindheit". Bietet Paten, die Kontakt zur Mutter halten, sich um das Kind kümmern, "Notruf-Nummer-Funktion", Oma-Funktion.
  • Comprehensive Care Modell Wien: Entwicklungsbegleitung von Kindern substanzabhängiger Mütter.

Falls die "Traurigkrankheit" wiederkommt
Für den Krisenfall in der engsten Familie gibt es beispielsweise auch die Strategie, dem zurückbleibenden Kind einen vorher geschriebenen Brief vorzulesen, in der der betroffene Elternteil das Kind über seine Probleme informiert.

Da hieß es beispielsweise in dem Schreiben einer Mutter an ihren fünfjährigen Sohn: "Lieber Max, jetzt liest dir Papa einen Brief für dich von mir vor. Den habe ich für dich geschrieben, falls meine 'Traurigkrankheit' wiederkommt. Dann fällt es mir nämlich sehr schwer zu zeigen, wie lieb ich dich, Papa, Oma und Opa habe. Wir alle haben gehofft, dass diese Krankheit nicht wiederkommt. Das ist jetzt leider passiert. Aber ich bin sicher: Meine Krankheit wird auch wieder weggehen."

Eine bewegende Video-Darstellung des Problems von Kindern und psychisch kranken Eltern ist der Placebo-Song "Song To Say Goodbye", den man auf YouTube ansehen kann.

Das Buch "Mama, Mia und das Schleuderprogramm" erklärt Kindern in liebevoll gezeichneten Bildern und sehr verständnisvoll, was los ist, wenn die Eltern an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden. Die Autorin Christiane Tilly erklärt die Krankheit mit dem Schleuderprogramm einer Waschmaschine, das alle Gefühle wie Angst, Trauer und Freude durcheinanderwirbelt.

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