Rund 30.000 Beziehungstaten wurden allein 2011 in Österreich zur Anzeige gebracht. Heißt: Im Schnitt gibt es 82 gewalttätige Auseinandersetzungen im familiären Umfeld pro Tag. Doch die Dunkelziffer ist weit höher, die Opfer sind dabei fast ausschließlich weiblich.
Laut Zahlen aus dem Innenministerium sollen Österreichs Frauen jährlich 300.000 Mal Opfer von innerfamiliären Gewalttaten sein, jede fünfte Frau werde von ihrem Partner misshandelt. Und nicht selten endet es in einem Blutbad. Die Statistik kann zu diesem Thema endlos mit schockierenden Zahlen aufwarten: Zwei bis drei Millionen Frauen weltweit werden jährlich getötet – in fast 70 Prozent der Morde war der Partner der Killer.
"Tat kommt fast nie aus heiterem Himmel"
Beziehungsbluttaten sind allerdings vorhersehbar – wie Jens Hoffmann vom deutschen Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt zu wissen glaubt. "So eine Tat kommt so gut wie nie aus heiterem Himmel", so der Experte in einem Interview. Laut dem Kriminalpsychologen wäre das Risiko für tödliche Gewalt gegen Frauen schon im Vorfeld einschätzbar. Und dafür entwickelte er gemeinsam mit seiner Kollegin Justine Glaz-Ocik eigens das Software-Programm DyRiAs – kurz für Dynamische Risiko Analyse System.
Risikoeinschätzung in sechs Stufen möglich
Insgesamt 39 Fragen (erstellt auf Basis umfassender Analysen unzähliger Mordfälle und Interviews mit Opfer-Beraterinnen) sollen das vom Partner ausgehende Gefahrenpotenzial erkennbar machen. "Ist er depressiv?", "Hat er Probleme im Beruf?", "Verschenkt er plötzlich seine Sachen?" – ein kleiner Auszug aus dem Fragenkatalog, den geschulte Fachkräften mit den Frauen durcharbeiten können.
Die Antworten sollen in Kombination schließlich eine aussagekräftige Risikoeinschätzung in sechs Stufen möglich machen, von Grün (keine Gefahr) bis Dunkelrot (hohes Risiko). Voraussetzung natürlich für diese Methode: Die bedrohte Frau muss sich auch tatsächlich Hilfe von außen suchen. Was viele aus Angst und Scham aber nicht tun.
Experte: "Programm ist nur ein Einschätzungsinstrument"
"Das Programm ist als Hilfsmittel für Mitarbeiter in Beratungsstellen, Polizisten und für Staatsanwälte gedacht. In Österreich und in der Schweiz wird es in Gewaltschutzzentren ohnehin bereits eingesetzt. Aber eines ist klar: Das Programm ist nur ein Einschätzungsinstrument – es kann keine Tat verhindern", ist sich Hoffmann bewusst. Zumal sich das ausgehende Risiko im Laufe der Zeit auch verändern könne.
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