Chaker Bouchehioua:

„Ich muss wissen, wie die überhaupt ticken“

Vorarlberg
26.11.2023 14:25

Die Liebe brachte den gebürtigen Tunesier Chaker Bouchehioua Ende der 70er Jahre ins Ländle. In seinem Heimatort Rankweil fühlt er sich längst wie im Paradies. Gleichzeitig ist der Tiefbauleiter im Ruhestand auch „Hiltianer“ - fast vier Jahrzehnte arbeitete er für die Firma Hilti & Jehle.

Er empfängt mich in seinem Haus in Rankweil, das er selbst entworfen und gebaut hat. „Natürlich wollte ich ein Satteldach haben, weil Flachdächer immer Probleme mit sich bringen“, sagt der inzwischen pensionierte Tiefbauleiter Chaker Bouchehioua aus Tunesien.

Der hoch gewachsene, ergraute Mann mit den auffallend intensiven blau-grauen Augen empfängt mich wie selbstverständlich und bietet mir sofort das Du an. Er spricht fast perfekt Dialekt. Nur manchmal dringt die Färbung der Muttersprache durch. Dort, wo er herkommt, wuchs man mit Arabisch und dem Französischen als Amtssprache auf. Chaker stammt aus dem malerischen Küstenstädtchen Zarzis, das im Südosten Tunesiens liegt, direkt am Mittelmeer in unmittelbarer Nachbarschaft zu der berühmten Ferieninsel Djerba. Die Geschichte der „Fastinsel“ Zarzis reicht mindestens bis in phönizische Zeit zurück. Die Stadt war Teil des einst so mächtigen Karthago und spielte nach dessen Untergang eine bedeutende Rolle für die Versorgung des antiken Rom mit Speiseöl und Leuchtmitteln.

Chaker, erzähle mir etwas über deine Kindheit, deine Eltern, das Leben in Zarzis.
Also früher, ganz früher war mein Vater so etwas wie Landwirt. Olivenbäume. Dann hat er mit seinen Brüdern ein Transportunternehmen aufgebaut. Lkw, Reisebusse, einfach alles. Das Geschäft lief richtig gut. Bis es Anfang der Sechziger Jahre unter dem Präsidenten Habib Bourguiba zur Enteignung kam. Der ganze Besitz musste an den tunesischen Staat abgetreten werden. Aber irgendwie haben sich mein Vater und seine Brüder doch wieder aufgerappelt und ein Bauunternehmen gegründet. So bin ich selbst in dieses Gewerbe gerutscht, habe maturiert und in Sfax Hoch- und Tiefbau zu studieren angefangen. Das war um 1974 herum. Die politische Lage war sehr instabil. Man darf nicht vergessen, Tunesien war unter dem Präsidenten Bourguiba eine Diktatur. Mein Bruder bekam aufgrund seiner politischen Ansichten Schwierigkeiten auf der Uni. Mir wurde die ganze Sache zu heiß. Da beschloss ich von einem Tag auf den anderen, nach Paris zu gehen, um dort weiter zu studieren.

Durftest du einfach so ausreisen?
Damals gab es noch gar kein Visum. Ich habe mich ins Flugzeug gesetzt und bin ab nach Paris.

Du stammst also aus einem gut situierten Haus?
Ja. Alle meine Geschwister konnten studieren.

Was hast Du in Paris gemacht?
Mich zuerst einmal durchgewurschtelt. Geschaut, dass ich bei diesem oder jenem Bekannten ein paar Wochen unterkomme. Zeitungen ausgetragen, in einem Gravur-Geschäft gearbeitet. Halt ein wenig Geld verdient. Fertig studiert habe ich dann allerdings in Lüttich. Aber in Paris habe ich meine Frau aus Rankweil kennen gelernt. Mein großes Glück!

Die lief dir einfach so über den Weg?
Nein. Sie wartete auf jemanden, der sie versetzt hatte. Und so kamen wir ins Gespräch, das heißt, sie sprach damals noch gar kein Französisch, weil sie gerade ihre Au-pair-Stelle antreten wollte. Wir haben uns mit Blicken und Gesten irgendwie durchgezaubert.

Auf den Fotos von damals siehst du aber auch hinreißend aus. Schwarze Jimmy-Hendrix-Frisur, groß, schlank, dazu die blauen Augen. Gab bestimmt viel Gerede im Rankweil von damals.
Natürlich galt ich als Exot. Natürlich wurde hinter unserem Rücken getuschelt. Rankweil war damals noch nicht so groß. Meine Frau musste eine Erklärung unterschreiben, sozusagen die Haftung für mich übernehmen, falls ich etwas anstellen würde. Und ihre Mutter fragte sie: „Was ist, wenn er dir davon läuft?“ Da sagte meine Frau: „Davonlaufen kann ein Österreicher auch.“ Im Gegenteil. Sie hat sogar mit mir angegeben.

Das Geschwätz hat dich also nicht gekränkt?
Nie, weil nämlich Misstrauen doch eigentlich etwas Menschliches ist. Ich habe versucht, diesem Misstrauen mit Offenheit zu begegnen. Nach unserer Hochzeit, das war im Jahr 1978, habe ich sofort Deutsch gelernt, denn ich konnte ja kein einziges Wort. Das war mir wichtig. Und ich habe den Kontakt zu den Leuten gesucht, mich in den Vereinen umgesehen. Sei es die Turnerschaft, der Skiverein, bei Rot-Weiß Rankweil im Fußballclub oder im Tennisverein, wo ich viele Jahre lang gekocht habe. Kochen ist nämlich meine Leidenschaft. Für mich war eines ganz klar: Ich muss doch wissen, wie die hier leben und ticken, damit ich sie verstehen kann. Aufgeschlossenheit und Toleranz bedeuten mir sehr viel. So wurde der Bekanntenkreis schließlich immer größer und größer. Ich fühle mich heute wirklich als Rankler.

Du hast es schließlich bis zur Bauleitung im Tiefbau bei der Firma Hilti & Jehle gebracht.
Da muss ich mich zuerst einmal bei meiner Chefität bedanken. Alle Achtung, dass sie mir das Vertrauen geschenkt haben, denn ich musste damals zu dem Deutsch auch noch die ganzen technischen Begriffe und das Beamtendeutsch lernen. Aber sie sagten: „Du schaffst das schon, Chaker!“ Ich weiß nicht, ob das heute noch möglich wäre. 37 Jahre war ich bei dieser Firma. Ich bezeichne mich darum auch als richtigen „Hiltianer“. Die Stadtstraße und die Fußgängerzone in Dornbirn waren meine größten Projekte als Bauleiter. Darauf bin ich wirklich stolz.

Ihr habt drei erwachsene Kinder und drei Enkelkinder. Jetzt, wo du in der Pension bist, kommt da nicht manchmal die Sehnsucht, das Heimweh nach deiner alten Heimat?
Ich war vor gerade drei Wochen wieder unten. Jedes Jahr fahre ich mindestens einmal nach Tunesien. Meine Geschwister, Tanten, Onkel und Schulkollegen leben ja noch unten. Ich bin gerne dort. Fünf Minuten zum Meer, fünf Minuten ins Stadtzentrum. Einfach relaxen. Wenn ich dort bin, rede ich natürlich Arabisch. Aber es ist mir schon oft passiert, dass Dialektausdrücke aus Vorarlberg dazwischen gerutscht sind. Wenn ich ehrlich sein soll, gehöre ich nach Rankweil. Ich lebe hier im Paradies, und ich wünsche mir, dass das auch jeder Vorarlberger so empfinden kann.

Robert Schneider
Robert Schneider
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