Achtsamkeit

Kopf ausschalten und ins Baum-Meer abtauchen

Vorarlberg
21.11.2023 11:25

Im fordernden Alltag der zunehmend von Hektik bestimmt wird, ist es oft schwer das eigene Gedankenkarussell anzuhalten. Ein Spaziergang im Wald birgt dabei ungeahnte Vorteile für Körper und Geist.

„Das Ziel ist es, kein Ziel zu haben“, sagt Nadine Nesler. Ihre Stimme ist ruhig, der Blick aufmerksam. Rund um sie Bäume - in die Farben des Herbstes getaucht, der Geruch von Laub steigt von der feuchten Erde auf. Der Wald als Raum der Entschleunigung, des „Zur-Ruhe-Kommens“ wenn es nach Nesler geht.

Seit 13 Jahren arbeitet die 37-Jährige als Entspannungstrainerin, ist darüber hinaus Yogalehrerin und Kräuterpädagogin. Wer möchte, den nimmt sie mit zum geführten Waldbaden. Darunter versteht man das bewusste Spazieren oder Wandern durch den Wald. „Es ist eine geruhsame Entdeckungsreise, die einem neue Blickwinkel auf die Natur eröffnet“, erklärt die Mutter zweier Kinder. Das Gedankenkarussell soll sich dadurch langsamer drehen, Körper und Geist wieder eingependelt werden.

Mithilfe der Natur lasse sich das Nervensystem regulieren, sagt Nesler. Dass sich ein Aufenthalt im Wald positiv auf die Gesundheit auswirkt, belegen mittlerweile zahlreiche Studien. Der regelmäßige Aufenthalt in der Natur kann sich positiv auf psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen oder Burnout auswirken, den Blutdruck sowie das Stresslevel reduzieren und die Abwehrkräfte stärken.

Botenstoffe der Bäume
„Bäume kommunizieren untereinander mit Hilfe von Botenstoffen, den sogenannten Terpenen. Diese werden durch Blätter und Nadeln abgesondert und befinden sich somit in der Luft. Beim Spaziergang werden sie über die Haut und die Atemwege aufgenommen“, weiß Neßler. Die Botenstoffe der Bäume kurbeln wiederum das Immunsystem des Menschen an, indem sie etwa die Aktivität und Anzahl von sogenannten Killerzellen, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die zur Bekämpfung von Virus befallenen Zellen benötigt werden, erhöhen. Zudem steigern Terpene im Gehirn die Produktion von Botenstoffen, die den Kortisol- und Blutzuckerspiegel sowie den Blutdruck regulieren. Wälder weisen zudem ein eigenes Lokalklima auf, durch das dichte Blattwerk werden Umwelteinflüsse (Hitze, Kälte, Sonneneinstrahlung etc.) gemindert und es herrscht eine höhere Luftfeuchtigkeit - gut für die Atemwege, die dann weniger anfällig für Bakterien und Viren sind.

Daten & Fakten

Shinrin Yoku, übersetzt „das bewusste Eintauchen in die Waldatmosphäre“, hat seinen Ursprung in Japan und ist dort eine anerkannte Therapieform.
Wissenschaftliche Studien belegen, dass der Aufenthalt in der Natur positive Effekte auf das menschliche Gehirn hat.
Der Wald fungiert als Ruheort und Gegenpol zur Alltagshektik.
Verschiedene Untersuchungen zu Shinrin Yoku bestätigen, dass Waldbaden die Gesundheit auf mehreren Ebenen stärkt und sich beispielsweise positiv bei Angststörungen, Depressionen sowie chronischen Schmerzen auswirkt.
Das Immunsystem wird zudem durch die Botenstoffe der Bäume angekurbelt.
Ein wichtiger Bestandteil von Shinrin Yoku ist das bewusste Erleben der Natur mit allen Sinnen, häufig in Kombination mit Entspannungsübungen.
Verschiedene Angebote: www.vorarlberg.travel/aktivitaet/waldbaden oder www.vorarlberg-alpenregion.at/brand sowie www.gesundamberg.com

Zudem lässt man den Alltag hinter sich, wenn man in die Baumreihen „abtaucht“. Im Wald hat der Kopf Sendepause. Was zählt, ist das Hier und Jetzt und das, was die Sinne wahrnehmen: ein Meer aus Grün und Braun und Gold, der erdige Geruch, die Geräusche der Natur. „Es geht darum, in der eigenen Mitte anzukommen und Ruhe zu finden in einer Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht“, bringt es Nesler auf den Punkt.

Achtsamkeitsübungen
Wie hört sich der Wald an? Wie riecht er, wie schmeckt er? Durch verschiedene Achtsamkeitsübungen hilft die Entspannungstrainerin den „Waldbadenden„ die Kraft ihrer Sinne zu mobilisieren. „So gelingt es, dem Denken eine Pause zu geben und Schritt für Schritt ins Fühlen zu kommen. Wer den Wald bewusst in sich aufnimmt, spürt sich selbst“, meint sie. Nicht wenige Menschen hätten anfangs oftmals Berührungsängste im direkten Umgang mit der Natur. „Manchen fehlt einfach der Zugang zur Materie oder sie haben ihn verlernt“, erzählt Nesler. Neben der bewussten Entdeckungsreise zu sich selbst steht auch die Wertschätzung gegenüber der Natur im Fokus des Waldbadens, denn nur was der Mensch schätzt, das schützt er auch.

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