Wie laufen die kommenden Tage als neuer ÖFB-Teamchef ab?
Marcel Koller: Ich werde am Donnerstag bei Sturm Graz gegen Anderlecht sein und am Wochenende bei Spielen der österreichischen Bundesliga im Stadion sitzen. Zusätzlich werde ich mit den Teamspielern in Kontakt treten, um meine Ideen zu vermitteln, damit sie dann bei der ersten Zusammenkunft schon wissen, wie das ablaufen wird. Auch mit den Bundesliga-Trainern werde ich sprechen.
Ihre Bestellung hat einigen Wirbel ausgelöst und gilt auch als Versuch, mit der "Verhaberung" im österreichischen Fußball aufzuräumen. Befürchten Sie, schon bei den ersten Misserfolgen von den alten Seilschaften bedrängt zu werden?
Koller: Ich kann das nicht beeinflussen, deswegen befasse ich mich auch nicht damit. Mein Fokus liegt darauf, das Team dorthin zu bringen, wo ich es haben möchte. Ich kann die Meinung dieser Leute nur durch gute Arbeit ändern. Wenn sie das Gefühl haben, dass ich einen guten Job mache, werden sie sich vielleicht anders äußern.
Werden Sie das Gespräch mit Kritikern wie Herbert Prohaska, Hans Krankl oder Kurt Jara suchen?
Koller: Mit Jara habe ich telefoniert, das ist schon aus der Welt geschafft. Und um die anderen werde ich keinen Bogen machen, sondern auf sie zugehen, wenn ich sie sehe. Denn sie sind ja Fachleute, die als Spieler und teils als Trainer Karriere gemacht und immense Erfahrung haben. Da kann es von Vorteil sein, wenn man sich untereinander austauscht. Ich bin nicht nachtragend, werde mich aber auch nicht aufdrängen.
Was entgegnen Sie jenen Skeptikern, die Ihre zweijährige "Arbeitslosigkeit" als Trainer bemängeln?
Koller: Ich habe in dieser Zeit nicht Däumchen gedreht, sondern viele Spiele in Deutschland, Italien, der Schweiz und das eine oder andere Match auch in Österreich beobachtet, habe Workshops über Fußball und Psychologie besucht und mit Schweizer Nationalspielern zusammengearbeitet.
Die Kritik zielte vor allem in die Richtung, dass kein Österreicher Teamchef geworden ist. Welche Qualitäten haben Sie, die kein österreichischer Trainer vorweisen kann?
Koller: Das muss man diejenigen fragen, die mich engagiert haben.
Aber wie würden Sie persönlich Ihre Qualitäten einschätzen?
Koller: Ich arbeite konzentriert und konsequent auf mein Ziel hin, spreche viel mit den Spielern, gehe meinen Weg, will meine taktischen Ideen umgesetzt haben und greife auf dem Platz korrigierend ein. Ich will die Spieler von meinen Vorstellungen überzeugen, lasse aber auch andere Meinungen zu.
Inwieweit wird gegenüber des mit zusätzlicher Machtfülle ausgestatteten ÖFB-Sportdirektors Willi Ruttensteiner auch Durchsetzungsvermögen gefragt sein?
Koller: Für Kader und Aufstellung bin ich verantwortlich. Dass ich regelmäßig Bericht erstatte, ist normal in einem großen Unternehmen.
Welches System passt am besten zur aktuellen Nationalmannschaft?
Koller: Das 4-2-3-1, das zuletzt gespielt wurde, ist sicher keine schlechte Variante. Es kann aber natürlich auch Verschiebungen geben.
Was kann ein gut funktionierendes System und eine intensive taktische Vorbereitung bringen?
Koller: Ich habe mit sogenannten kleinen Teams die Erfahrung gemacht, dass - wenn man optimal eingestellt ist, die eigenen Stärken und den Gegner genau kennt - die Kleinigkeiten wie taktische Maßnahmen oder eingeübte Standards entscheidend sein können.
Könnten diese Kleinigkeiten reichen, um in der WM-Qualifikation zu bestehen?
Koller: Da muss alles passen. Alle müssen in Topform sein, man braucht einen guten Start, um selbstbewusst auftreten zu können. Wenn wir in Brasilien dabei sein wollen, müssen wir mutig und clever sein.
Lautet das Ziel, bei der WM dabei zu sein, oder geht es vor allem um eine kontinuierliche Weiterentwicklung?
Koller: Es geht auf der einen Seite um die Entwicklung, aber wir wollen natürlich erfolgreich sein. Ich gehe nicht in eine Qualifikation, um ein bisschen mitzuspielen. Wir wollen das im Moment für das österreichische Fußball-Volk Unmögliche versuchen zu erreichen - auch mit dem Bewusstsein, dass wir nicht davon ausgehen können, dass wir jedes Match gewinnen.
Wer zählt für Sie im derzeitigen Team zu den Führungsspielern?
Koller: Ich möchte das nicht vorab öffentlich beurteilen. Im TV kann man gewisse Dinge sehen, aber für mich ist der persönliche Kontakt wichtig, und zu sehen, wie jeder Spieler auf dem Platz bereit ist zu arbeiten. Ich kann auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, wer Kapitän sein wird.
Hatten Sie schon intensiveren Kontakt mit Marko Arnautovic?
Koller: Ich habe ihn nur kurz vor meiner Vorstellung begrüßt. Er ist ein interessanter Mensch, der sehr gute fußballerische Qualitäten hat. Ich freue mich schon auf unser erstes Gespräch.
Rund um Arnautovic gab es in der Vergangenheit immer wieder Spannungen im Team. Halten Sie es für sinnvoll, unter Rücksichtnahme auf das Mannschaftsklima auf individuell starke Spieler zu verzichten?
Koller: Für mich ist wichtig, dass jeder das Beste bringen kann, aber dass auch gewisse Richtlinien eingehalten werden und nicht jeder alles machen kann, sonst gibt es keine Ordnung auf dem Platz. Dann gibt es auch noch Richtlinien außerhalb des Platzes. Ich werde aber keine Vorverurteilung vornehmen, sondern mit ihm sprechen, um zu spüren, was er für ein Mensch ist und welche Ideen er hat.
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