Das große Interview

Wie abgebrüht sind Sie schon, Herr Wehrschütz?

Persönlich
06.03.2022 06:00

„Bis das Internet abgedreht wird“, will ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz (60) in der schwer umkämpften Ukraine bleiben. Mit Conny Bischofberger spricht der langjährige Kriegsberichterstatter über die Präsidenten Putin und Selenskyj, sein Leben zwischen den Fronten und ein Schreckensszenario. 

Samstagvormittag in der Stadt Bila Zerkwa, 70 Kilometer südlich von Kiew. Christian Wehrschütz sitzt als Beifahrer in einem Toyota Camry, als er an seinem ukrainischen Handy abhebt, neben ihm am Steuer sein Producer Igor, auf dem Rücksitz Kameramann Nenad und die Splitterschutzwesten.

Das ORF-Team ist gerade auf dem Weg zu einem Treffpunkt. „Dort bekommen wir von einem Verbindungsmann aus der Westukraine Satellitentelefone und andere Ausrüstungsgegenstände“, erzählt Wehrschütz. Immer wieder bricht er mitten im Satz ab, weil er Straßensperren passieren muss, im Hintergrund hört man ihn laut auf ukrainisch diskutieren. „So. Bin wieder da“, sagt er dann und es geht weiter.

„Krone“: Wie hat Ihr Tag heute begonnen?
Christian Wehrschütz: Mit Fliegeralarm. Dann wurde im Zentrum der Stadt ein Gebäudekomplex von einer großen Rakete getroffen. Wir haben unsere neue Basis in einem Hotel mit Luftschutzkeller. Bila Zerkwa liegt an der Südausfahrt von Kiew und ist strategisch insofern interessant, als die Russen hier eine Militäroperation durchführen sollten, wenn sie diese letzte Route heraus aus der ukrainischen Hauptstadt sperren wollen. Außerdem können wir von hier jederzeit relativ gut nach Westen bzw. nach Moldawien ausreisen.

Ist Kiew zu gefährlich geworden?
Die Gefahr der Einkesselung ist momentan sehr groß, und wenn dort dann die Infrastruktur zusammenbricht, könnten wir gar nicht mehr berichten. Wir wollen aber in den nächsten Tagen trotzdem noch einmal nach Kiew reinfahren.

Stimmt es, dass die Nahrungsmittel in Kiew schon knapp werden?
Ja, aber das gilt aber für einen großen Teil des Landes. Auch vor den Tankstellen stehen überall lange Schlangen. Es gibt massive Fluchtbewegungen, sehr viele Staus. Für uns als Team ist es eine große logistische Herausforderung, mobil zu bleiben.

Christian Wehrschütz in Kiew (Bild: ORF)
Christian Wehrschütz in Kiew

Im ORF-Morgenjournal haben Sie berichtet, dass die russischen Soldaten jetzt schon nahe am Stadtrand sind. Was befürchten Sie da in den nächsten Tagen?
Die Russen werden um Kiew den Sack zumachen. So wie in Mariupol wird es einen humanitären Fluchtkorridor geben, davon bin ich überzeugt. Wer die Stadt also verlassen will, muss gehen, wer nicht, muss bleiben. Und dann wäre es logisch, dass Russland die wichtigsten Infrastruktureinrichtungen mit massivem Artilleriebeschuss ausschaltet.

Die Ukraine wehrt sich überraschend heftig. Hat sich Putin da getäuscht?
Die Kampfmoral der Ukrainer ist tatsächlich um vieles höher als die der Russen. Hinzu kommen viele Freiwillige. Es stehen praktisch im ganzen Land Betonblöcke und Sandsäcke, es wird jedes Fahrzeug kontrolliert. Aus Befragungen russischer Kriegsgefangener kann man heraushören, dass Putins Soldaten nicht darüber informiert waren, worum es bei diesem Militäreinsatz tatsächlich geht. Also da gibt es sicher viele, die gar nicht wissen, wofür sie eigentlich kämpfen. Und dann muss man sagen, dass der Nachschub von panzerbrechenden Waffen, inklusive Drohnen aus der Türkei, Flugabwehrraketen über Polen und anderen Ländern doch recht gut funktioniert.

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Also da gibt es sicher viele, die gar nicht wissen, wofür sie eigentlich kämpfen.

Wehrschütz über Putins Soldaten

Welche Einsatz- und Opferzahlen haben Sie?
Nach den Informationen, die uns über Nachrichtendienste und militärische Aufklärung vorliegen, haben die Russen jetzt 90 Prozent der Kräfte im Einsatz, die sie maximal geplant hatten. Wenn ukrainische Angaben stimmen, dann haben die Russen mehr als 9000 Soldaten verloren. Dazu zählen fast tausend gepanzerte Fahrzeuge und mehr als zweihundert Panzer.

Halten Sie diese hohen Zahlen für glaubwürdig?
Die Tatsache, dass Russland Facebook verbietet und die Zensur massiv verstärkt, spricht jedenfalls dafür, dass sich über soziale Netzwerke Informationen über doch recht ansehnliche Verluste der Russen verbreiten. Ob diese nun stimmen oder nicht. Wenn es hier also zu einer Art Abnützungskrieg kommt und die Ukrainer noch zwei, drei Wochen durchhalten, dann kann das für Russland sehr, sehr schwierig werden. Denn ein Häuserkampf ist für Panzer eine wirkliche Katastrophe, weil der Panzer offenes, freies Gelände bevorzugt, um seine Einsatzschussweite nutzen zu können.

Wird es Putin gelingen, die ukrainische Regierung zu Fall zu bringen?
Ich glaube, das erste Ziel ist die Eroberung von Kiew. Ob das gelingt oder nicht, kann ich nicht sagen. Der erste Plan einer raschen Einnahme von Kiew ist jedenfalls gescheitert. Was jetzt passiert, zeugt von sehr viel Hass auf Seiten der russischen Führung. Anders ist diese massive Zerstörung von zivilen Objekten ja nicht erklärbar.

Wird Selenskyj überleben?
Das weiß niemand. Die Frage ist auch: Wird die Ukraine als Staat überleben?

Ringt Ihnen das Respekt ab, dass der Präsident in Kiew bleibt?
Ja, das Verhalten der ukrainischen Führung im Krieg nötigt mir großen Respekt ab. Noch viel bewundernswerter als die politische Führung ist aber der Einsatzwille der ukrainischen Soldaten, die heldenhaft für ihr Vaterland kämpfen. Bis hin zu Zigtausend Freiwilligen, die in den Krieg ziehen. Dass es allerdings so weit gekommen ist, liegt einer Fehleinschätzung der politischen Lage zugrunde. Die ukrainische Führung hat gewusst, dass der Westen das Land nicht verteidigen wird. Das ist keine Entschuldigung für die russische Aggression, aber es wäre gut gewesen, sich schon vor Jahren in irgendeiner Weise mit den Russen zu arrangieren. Aber das ist jetzt verschüttete Milch.

Putin hat diese Regierung als „Bande von Drogenabhängigen und Neonazis“ bezeichnet. Glaubt ihm das jemand?
Schwer zu sagen bei 140 Millionen Russen und es gibt ja keine seriösen Umfragen. Putin versucht jedenfalls, mit solchen Behauptungen bei seinem Volk zu punkten. Seine Vorgangsweise gegen unabhängige Medien kann man nur als Versuch interpretieren, Gegenargumente auch in den sozialen Netzwerken abzudrehen. Ich weiß nicht, wie gut das funktionieren wird, weil es gibt auch Kanäle wie Telegram. Hier läuft ohne Zweifel auch ein großer Cyber- und Medienkrieg.

Am Freitag hat Russland auch das größte Atomkraftwerk des Landes angegriffen. Haben Sie Angst, dass es früher oder später zu einer nuklearen Katastrophe kommen könnte?
Ich bin überzeugt, dass Russland das AKW Saporischschja nicht bewusst beschossen hat. Wenn ich vorwärts marschieren will, dann verstrahle ich doch nicht mein Territorium! Außerdem sind dort nicht alle Reaktorblöcke am Netz und zweitens sind die Reaktorblöcke doch relativ gut gesichert. Hier müsste die internationale Atomenergiebehörde versuchen, eine Art Vereinbarung mit den Kriegsparteien zu treffen. Was viel gefährlicher ist, sind die Chemiefabriken. In Sumy, einer ebenfalls umkämpften Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern im Norden der Ukraine, gibt es eine große Düngemittelfabrik, um nur ein Beispiel zu nennen, mit sehr viel Ammoniak und Schwefelsäure. Wir sollten uns nicht zu sehr auf die AKWs fixieren und diese Gefahr unterschätzen.

Sehen Sie für Putin noch ein Ausstiegsszenario in diesem Krieg?
Nach allem, was wir jetzt sehen, schafft er es entweder, Kiew zu erobern und vielleicht die Hälfte der Ukraine zu besetzen, denn die ganze Ukraine wird er aufgrund des großen ukrainischen Widerstands nicht schaffen. Oder man wird von einem langanhaltenden Guerillakrieg ausgehen müssen. Dann kann das ein russisches Afghanistan werden, mit ewig dauernden Kämpfen und einer blutigen, unklaren Frontlinie. Aber vielleicht gibt es ja doch noch eine unerwartete Wende in Russland.

Welche?
Ich bin weder Prophet noch Hellseher. Aber wie sollte Putin seinem Volk einmal die Sanktionen und die großen Verluste erklären? Die Gefallenen und Verwundeten haben Mütter und Frauen, die Fragen stellen werden. Und Putin ist nicht Stalin oder Breschnew. Bismarck hat über den Krieg einmal verkürzt gesagt: Wehe dem Feldherren, der nicht vor dem Krieg nach Gründen für den Krieg sucht, die auch nach dem Krieg noch stichhaltig sind. Das hat Putin nicht bedacht. Und er hatte offenbar eine völlig falsche Vorstellung vom Verteidigungswillen der Ukrainer.

Sie sind schon lange in der Ukraine, wo seit 2014 Krieg herrscht. Hätten Sie gedacht, dass es je so weit kommen würde?
Für mich war das ab dem 17. Februar klar. Das war der Zeitpunkt, zu dem an der Frontlinie in der Ostukraine die prorussischen Separatisten mit einem massiven Artilleriefeuer begonnen haben, auf das die Ukrainer natürlich geantwortet haben. Und dann ist dieses medial hochgezogene Drehbuch abgelaufen. Evakuierungsversuche, Aufrufe der Separatistenführer an Russland um Hilfe vor den bösen Ukrainern und vor dem Genozid. Mit der Anerkennung der Volksrepublik war klar, es wird eine Militärintervention geben.

Christian Wehrschütz an der Krim-Grenze (Archivbild) (Bild: ORF)
Christian Wehrschütz an der Krim-Grenze (Archivbild)

Als Kriegsreporter bewegen Sie sich immer zwischen den Fronten. Gibt es da eine Objektivität?
Oh ja. Es gibt zumindest den Versuch, immer beide Seiten zu zeigen. In diesem Fall ist es sehr klar, wer der Angreifer und wer der Verteidiger ist. Da braucht man nichts zu diskutieren. Allerdings muss man auch sagen, dass Selenskyj alles tut, um den Westen in diesen Krieg hineinzuziehen. Was völlig unverantwortlich wäre. Ich habe immer gesagt: Kein Soldat der Nato wird bereit sein, für die Ukraine zu fallen, also müsst ihr euch mit Russland arrangieren. Deshalb war ich ja ein Staatsfeind.

Vor der Kamera wirken Sie immer unerschrocken. Sind Sie nach so vielen Jahren in Kriegsgebieten schon abgebrüht?
Hm. Die schlimmsten Bilder, die ich gesehen habe, waren jene nach dem Abschuss der Boeing-Maschine über der Ostukraine. Da sind Leichenteile vom Himmel gefallen, 97 Prozent des Materials ist nie auf Sendung gegangen. Abgebrüht ist vielleicht der falsche Ausdruck. Als Journalist habe ich zu beurteilen, was gerade passiert. Wenn ich das nicht aushalte, dann habe ich meinen Beruf verfehlt.

Geht Ihnen manchmal noch etwas ans Herz?
Was mich berührt, ist das Elend der Zivilbevölkerung. Jener Menschen, die nicht umgekommen sind im Krieg, sondern mit dem Krieg unter extrem schwierigen Umständen leben müssen.

Sie setzen immer wieder Ihr Leben aufs Spiel. Warum?
Wir sind alle Familienväter, keine Selbstmörder. Wir schätzen die Sicherheitslage immer wieder neu ein. Das ist ja schon in meinem Namen verankert. Man muss wehrbereit sein, aber man muss auch schauen, dass man sein Team und sich selbst schützt. Also wir passen auf, so gut es geht.

Wann würden Sie sagen: Jetzt gehe ich weg, weil es zu gefährlich ist?
Ich würde weggehen, wenn sie das Internet abdrehen und wir nicht mehr berichten können. Oder wenn mir russische Gefangenschaft droht.

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Ich würde weggehen, wenn sie das Internet abdrehen und wir nicht mehr berichten können. Oder wenn mir russische Gefangenschaft droht.

Christian Wehrschütz

Der „Falter“ hat Sie diese Woche als „Clown im Krisengebiet“ bezeichnet und einer Ihrer Kollegen beim ORF hat das lustig gefunden. Sie auch?
Es gibt gewisse Erscheinungsformen im Journalismus, die sind unter meinem intellektuellen Niveau und keine Äußerung wert. Der Autor hat klare sachliche Fehler gemacht und mit mir nie gesprochen, auch auf Twitter wurde ihm die Antwort dazu erteilt.

Und Ihrem Kollegen verzeihen Sie die Zustimmung?
Ich habe im Moment wirklich andere Sorgen, als mich mit Leuten zu beschäftigen, die offensichtlich zu viel Zeit haben und daher der Twitter-Blase angehören.

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Ich habe im Moment wirklich andere Sorgen, als mich mit Leuten zu beschäftigen, die offensichtlich zu viel Zeit haben.

Christian Wehrschütz

Sie sind jetzt 60, denken Sie da manchmal schon an die Pension?
Meine ORF-Verträge als Korrespondent sind bis Ende 2024 verlängert worden. Im November 2026 könnte ich dann in Pension gehen. Der ehemalige ORF-Generalintendant Gerhard Weis hat einmal gesagt: „Der Friedhof ist voller Unersetzlicher.“ Mein Lebensziel ist es deshalb, mit meiner Enkeltochter, wenn sie das dann noch will, herumzureisen. Sie soll einmal sagen: „Er war der beste Großvater der Welt, aber auch ein guter Journalist.“ Und noch möglichst viel Zeit mit meiner Frau und den Kindern zu verbringen. Vielleicht schreibe ich noch das eine oder andere Buch, vielleicht drehe ich noch den einen oder anderen Film. Am Ende soll man über mich sagen: „Schade, dass er aufgehört hat.“

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Der ehemalige ORF-Generalintendant Gerhard Weis hat einmal gesagt: 'Der Friedhof ist voller Unersetzlicher.'

Christian Wehrschütz

Was möchten Sie im nächsten Leben sein?
Ich bin mit meinem jetzigen Leben eigentlich sehr zufrieden. Aber als Science-Fiction-Fan könnte ich mir vorstellen, Astronaut auf einer Mars-Mission zu sein. In Galaxien vorzustoßen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist.

Zur Person

MIT LEIB UND SEELE KRIEGSREPORTER
Geboren am 9. Oktober 1961 in Graz. Der Vater ist Uni-Professor, die Mutter Geschäftsfrau. Jus-Studium abgeschlossen, Slawistik-Studium abgebrochen. Beim ORF seit 1991, Balkan-Korrespondent seit Ende 1999. Aus der Ukraine berichtet Wehrschütz seit der Maidan-Revolution 2014, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte. Privat ist der Milizoffizier (Dienstgrad Major) mit Elisabeth verheiratet und hat zwei Töchter und ein Enkelkind. Wehrschütz spricht acht Fremdsprachen, darunter Russisch und Ukrainisch.

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