Unerträgliche Welt

Corona trieb Teenies in die Drogensucht

Österreich
06.02.2022 06:00

Homeschooling, kaum Treffen mit Freunden - viele Jugendliche wurden depressiv, einige konsumieren Drogen: „Um in eine erträglichere Welt zu flüchten“, berichtet ein 17-jähriger Bursch.

David (Name geändert) war 15, als Covid ausbrach. „Zunächst“, erinnert sich der Gymnasiast, „freute ich mich fast über den deswegen verordneten Lockdown.“ Darüber, nicht an jedem Wochentag früh aufstehen und in die Schule gehen zu müssen: „Ich fand das Homeschooling ,chillig‘.“ Weil „ziemlich kontrollbefreit“, und außerdem seien die Anforderungen der Lehrer an ihn plötzlich geringer gewesen. „Ich hatte demnach mehr Freizeit.“ Die er wie verbrachte? „Ich traf mich mit Freunden zum Spazierengehen. Aber meistens bin ich natürlich zu Hause gewesen.“

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Anfangs fand ich das Homeschooling ,chillig'. Aber mit der Zeit fühlte ich mich zunehmend trauriger und einsamer.

David (17) Gymnasiast

Was er da tat? „Ich chattete, sah fern“ Aber je länger und je öfter in den vergangenen zwei Jahren die Distance-Learning-Phasen wurden, „desto nachdenklicher und unglücklicher wurde ich in meiner Einsamkeit.“

Schon vor Corona, erzählt der Bursch, habe er ein paar Mal bei Partys an Hasch-Zigaretten gezogen; „happy und entspannt“ hätte er sich danach immer gefühlt, „darum dachte ich, dass mir vielleicht Gras dabei helfen würde, mitunter in eine erträglichere Welt zu flüchten.“ Folglich beschaffte er sich welches. Wo, wie? „Jeder Jugendliche kennt einen anderen, der ,Drähte‘ hat.“

Tatsächlich wurde es für Minderjährige in den vergangenen Jahren laufend einfacher, an Drogen zu kommen, wie Daniel Lichtenegger, Leiter des Referats zur Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität im BK, bestätigt: „Unzählige Drogen - von Marihuana und Ecstasy bis hin zu Kokain und Heroin - können per Mausklick bestellt werden. Nicht nur im Darknet, sondern mittlerweile sogar über soziale Plattformen.“

Drogen werden mit der Post geliefert
Ein negativer „Trend“, „der durch die Pandemie gepusht wurde“. Weil sich die Großhändler schnell auf die Lockdown-Gegebenheiten einstellten. Discos zu, Straßen und U-Bahnen menschenleer; Dealer hatten damit ihre gewohnten Umschlagplätze verloren: „Und sie verlagerten ihre Aktivitäten noch mehr ins World Wide Web.“

Statistiken belegen die steigende „Verschickungs-Tendenz“: Hunderte Kilo unerlaubter Substanzen wurden 2021 vom Zoll auf heimischen Flughäfen und in Postämtern sichergestellt. Die Endabnehmer wären - zu einem nicht geringen Teil - Jugendliche gewesen.

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Der Drogenhandel per Internet nimmt zu. Seit dem Ausbruch von Corona hat sich dieser ,Trend‘ leider noch verstärkt.

BK-Chefermittler Daniel Lichtenegger

„Hauszustellungen von Drogen“, weiß auch Anwalt Werner Tomanek, „haben massiv zugenommen. Und es passiert nicht selten, dass verzweifelte Eltern in meiner Kanzlei vor mir sitzen und mich um juristische Hilfe bitten, weil sich ihre Kinder Rauschgift heimliefern ließen - und von der Polizei überführt wurden.“

„Fest steht: Oft merken Väter und Mütter erst spät, dass ihre Töchter und Söhne nicht erlaubte Stoffe konsumieren“, sagt Ursula Zeisel, psychosoziale Leiterin des Suchthilfe-Vereins Dialog, „und wenn Schulen und Jugendzentren geschlossen sind und Lehrlinge nicht ihrer Arbeit nachgehen können, ist diese Gefahr selbstverständlich größer.“

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Alarmfunktionen von außen fielen in der Pandemie oft weg. Früherkennungen wurden dadurch schwieriger.

Ursula Zeisel, Verein Dialog

Alarmierende Studienergebnisse
Weil Kontroll- und folglich Alarmfunktionen von außen wegfallen, und eine Früherkennung schwieriger wird. „Die wahre Zahl der jungen Menschen, die in der Pandemie abhängig wurden“, prognostiziert Zeisel, „werden wir erst in einiger Zeit erfahren.“ Wenn die Betroffenen irgendwann in Entzugsprogramme kommen.

Bereits jetzt allerdings liegen Studien aus Amerika, Kanada, Deutschland und der Schweiz vor, deren Ergebnisse Schlimmes vermuten lassen: Bis zu 15 Prozent der befragten Jugendlichen gaben dabei an, im Zuge der Corona-Eindämmungsmaßnahmen - und den damit fehlenden Möglichkeiten, Ausbildungs- oder Sporteinrichtungen zu besuchen und nur beschränkt Freunde treffen zu dürfen - Alkohol, Psychopharmaka und Cannabis zu sich genommen zu haben. Um sich aus der Realität zu „beamen“.

Warum leiden gerade Teenager extrem an Covid-bedingten Anordnungen?

„In der Pubertät sind die Menschen dabei, sich zu finden und Lebensziele zu entwickeln. Sie brauchen dazu die Interaktion mit Gleichaltrigen - und sie benötigen fixe Strukturen“, so Psychotherapeutin Sigrid Sohlmann, die einige aus der Bahn geratene Minderjährige betreut. Zukunftsängste und Suizidgedanken„Bei einem Wegfallen von Sicherheiten, wie in der Pandemie geschehen, entsteht bei ihnen das Risiko, Depressionen, Zukunftsängste, Gefühle der Orientierungslosigkeit - und sogar Suizidgedanken - auszubilden.“

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Besonders junge Menschen benötigen fixe Strukturen. Fallen diese weg, kann bei ihnen Orientierungslosigkeit entstehen.

Psychotherapeutin Sigrid Sohlmann

Oder es kann passieren, dass sie versuchen, ihre Traurigkeit mithilfe von Drogen zu bekämpfen.

Anna Bösch, klinische Psychologin beim Verein Dialog, ist laufend mit Burschen und Mädchen konfrontiert, die mit Suchtmitteln ihre seelischen Probleme „killen“ wollen: „Viele von ihnen finden das nicht dramatisch, weil sie meinen, bloß Verhaltensmuster von Erwachsenen - die Alkohol trinken und Zigaretten rauchen - zu übernehmen. Sie halten damit auch stärkere Substanzen für harmlos, und sie verstehen häufig nicht, dass sie sich durch ihren Konsum schwächen.“

Gefährliche Substanzmischungen
Der Weg, abhängig zu werden von „dämmenden“ oder „speedig machenden“ Stoffen, sei schließlich manchmal lediglich ein kurzer: „Aber am Beginn werden leider in der Regel nur die positiven Aspekte gesehen.“ Sich abzulenken von der Tristesse. Zu entfliehen, dem - als mitunter peinigend empfundenen - Alltag.

„Gleichzeitig fehlt den Jugendlichen das nötige Wissen, Bedrohungen zu erkennen“, erklärt BK-Referatsleiter Daniel Lichtenegger: „Und sie nehmen Mittel ein, über deren Zusammensetzungen sie keine Ahnung haben.“ Die hergestellt wurden in - meist holländischen, thailändischen oder osteuropäischen - Hinterhof-„Laboren“.

David, dem nun 17-jährigen Gymnasiasten - der seit Ausbruch der Pandemie wiederholt zu Joints gegriffen hat -, ist mittlerweile klar geworden, dass er damit rasch aufhören sollte. Zwei seiner Freunde, 18 und 19 - der Ältere legte im vergangenen Jahr die Matura ab - starben im heurigen Jänner. Unerwartet, wie auf ihren Partezetteln geschrieben steht: „Mit ihnen hatte ich einst Marihuana zu konsumieren begonnen.“

Der Drogentod zweier Burschen
Die beiden hatten - im Gegensatz zu ihm - „weitere ,Experimente‘ gemacht“; waren bald in „echte Drogenkreise“ geraten, die „über mehr Stoffe zum Ausprobieren verfügten“. Einer der Burschen überlebte eine Party mit vier Jugendlichen in einer Wiener Wohnung nicht. Der andere kam - nach einem Treffen mit einem Bekannten, irgendwo - „in einem entsetzlichen Zustand nach Hause“.

Seine geschockten Eltern alarmierten die Rettung, in der Intensivstation eines Spitals verlor er den Kampf gegen den Tod. Welche Suchtgiftkombinationen den zwei Jugendlichen letztlich zum Verhängnis geworden sind, ist derzeit noch Gegenstand von Ermittlungen.

Betroffene Mutter: „Fühle mich in Angst um Kinder alleine gelassen“
Eine 54-jährige Wienerin klagt: „In der Pandemie konsumierten meine beiden Kinder oft Drogen. Und ich konnte das nicht verhindern.“

„Krone“: Sie sind Mutter von zwei Burschen einer ist 17 und Gymnasiast, der andere 19 - er bestand im Vorjahr die Matura. Also wäre zu glauben, dass die beiden auf einem guten Weg sind.
Mutter: Ich will das hoffen. Aber meine Erfahrungen mit ihnen waren - und sind - seit 2020 erschütternd.

Inwiefern?
Ich bin ganztags berufstätig. Und auch wenn sich mein Ex-Mann viel um unsere Söhne kümmert, bleibe ich die Hauptverantwortliche für sie. Eine Aufgabe, die für mich laufend schwieriger zu erfüllen wurde.

Warum?
Durch Homeschooling waren sie mehr sich selbst überlassen, sie gerieten dadurch in einen negativen seelischen Strudel und konsumierten in der Folge immer öfter Haschisch.

Was haben Sie dagegen unternommen?
Ich versuchte in Gesprächen, sie davon abzubringen; ging mit ihnen zu Psychologen. Doch Tatsache ist: Echte Hilfsangebote von außen gibt es wenige. Und ich fühle mich in der Angst um meine Kinder sehr alleine gelassen.

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