10.10.2021 17:20 |

Gerichtspsychiaterin:

„Intelligenz schützt vor Dummheit nicht“

Heidi Kastner gilt als eine der anerkanntesten Gerichtspsychiater Österreichs. In ihrem neuen Buch schreibt sie aber nicht über Straftäter - sondern über kluge Menschen, die absurd agieren. „Über ein Phänomen, das“, wie sie sagt, „mit Corona offenkundig wurde.“

Sie hat im Auftrag des Gerichts bereits unzählige Schwersttäter – darunter Josef Fritzl und Estibaliz Carranza – begutachtet; gilt als Expertin für „das Böse“. Und sie hat auch schon mehrfach wahre Geschichten über Verbrecher veröffentlicht, über deren Motive, über die tiefsten Abgründe ihrer Ichs.

Die Aushebelung der „Normalität“
In ihrem neuen Buch beschäftigt sich Psychiaterin Heidi Kastner allerdings mit einem – vielleicht nur scheinbar – völlig anderen Thema: der Dummheit.  „Dummheit ist gefährlich. Sie gefährdet zwischenmenschliche Beziehungen, den sozialen Zusammenhalt, den demokratischen Grundkonsens – und unser Überleben auf diesem Planeten“, sagt sie.

Nachsatz: „Und die Dummheit ist leider weit verbreitet.“ Was sich dadurch belegen lasse, dass viele Menschen, die bei Intelligenz-Tests durchaus gute Werte erzielen, oft ziemlich absurd agieren.  Der Auslöser, dieses Phänomen zu analysieren, war – ist – Corona.„Genauer: Das, was dadurch entstanden ist. Die wissenschaftlichen Erkenntnissen völlig widersprechenden Meinungen, die Verschwörungstheorien, die über das Virus und die Impfung kursieren.“

„Und plötzlich setzt jede Vernunft aus“
„Selbst in meinem Umfeld“, so die Psychiaterin, „gibt es nicht wenige Menschen, die ich eine kleine Ewigkeit hindurch für ziemlich vernünftig gehalten habe – und die in der Pandemie nach und nach zu Faktenverleugnern wurden.“ Darunter sei sogar medizinisches Personal: „Deren feste Überzeugung es ist, dass ihre Gesundheit durch eine Immunisierung geschädigt werden könnte.“ Oder etwa ein Beamter, der eine tolle Karriere gemacht hatte – und sich letztlich wegen seines auf irrwitzigen Ideen beruhenden Glaubens, Covid-19 wäre eine Erfindung diverser Machthaber, vom Dienst freistellen ließ.

Wie ist es möglich, dass „eigentlich Kluge“ wahnhaften Vorstellungen verfallen?

„Empathie ist ein überschätzter Begriff“
„Weil wir anscheinend dazu neigen, nach einfachen Lösungen für Probleme zu suchen. Und dabei Wahrheiten verdrängen. Umso mehr, wenn sich die Betreffenden mit Mitstreitern solidarisieren, sich also in einer ,Blase‘ befinden, in der es kein Hinterfragen mehr gibt.“ Negativ hinzu käme „die leider häufig gängige Ansicht, der Staat habe für seine Bürger in überbordendem Maße zu sorgen – und gleichzeitig sich selbst nicht dazu verpflichtet zu fühlen, für das Gesamtwohl der Gesellschaft Mitverantwortung zu tragen.“

Zurück zu den gefährlichen „Blasen“ – wodurch entstehen sie? „Trotzdem wahrscheinlich durch den Wunsch, einer Gruppe anzugehören – deren Anführer übrigens meist über immense Empathie verfügen.“

Über Empathie? „Ja, natürlich – über eine Fähigkeit, die falsch eingeschätzt, deren Begrifflichkeit überstrapaziert wird.“ Inwiefern? „Empathisch zu sein bedeutet nichts anderes, als die Bedürfnisse anderer zu erkennen. Jeder Betrüger verfügt über diese ,Qualität‘, andernfalls würde er es nicht zuwege bringen, Opfer zu finden.“

„Überheblichkeit zeugt nicht von Klugheit“
Und auch manche Politiker hätten diese „Begabung“, „so wie Donald Trump, der die Stimmungslage der Amerikaner durchschaute und sich das Wissen darüber zunutze machte, indem er sich darum bemühte, ihre Sprache zu sprechen. Was ihm zu einem Wahlsieg verhalf.“

Die „Dummen“ seien damit am Ende seine Gegner gewesen: „Denn sie haben ihn unterschätzt. Und Menschen zu unterschätzen zeugt von Überheblichkeit - und ist demnach niemals gescheit.“ Bescheiden hingegen das Resümee der Psychiaterin im Vorwort ihres Buchs:

„Dummheit hat schon viel geschadet“
„Die hier versammelten Gedanken, Überlegungen Beobachtungen und, ja, auch Wertungen erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder hehre Wissenschaftlichkeit oder gar Beantwortung aller Fragen; sie sind vielmehr die lückenhafte Beschreibung eines Phänomens, das in der Geschichte der Menschheit schon mehr Schaden angerichtet hat als alle Waffen, Bakterien und Viren gemeinsam – und das Potenzial hat, unseren Untergang zu bewirken.“

Und weiters führt sie an: „Die Dummheit, laut einer häufig zitierten Bemerkung von Albert Einstein noch sicherer unendlich als das Universum, macht bisweilen sprach- und hilflos und hat schon wesentlich Klügere als mich überfordert.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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