17.06.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Ein „Summer of Love“ am Donaukanal?

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller zur Euphorie am Donaukanal. 

Angeblich wartet auf uns nach der Pandemie ein wunderbarer Sommer. Küssen, heiraten, alles wieder erlaubt: Ein „Summer of Love“, quasi. Im Original soll er vor einem halben Jahrhundert im Winter 1967 begonnen haben, in San Francisco. Der „Summer of Love“ zog 100.000 junge Menschen an, die den engen gesellschaftlichen Normen entfliehen wollten und dabei Liebe, Sex und Drogen beim Sonnenuntergang an der kalifornischen Westküste fanden.

Im Nachhinein denkt man an haarige Hippies, psychedelische Musik und Festivals, bei denen Stars wie die bisexuelle Sängerin Janis Joplin auftraten. Tatsächlich träumten in San Francisco junge Menschen vor allem von einer besseren Welt. Sie experimentierten mit neuen Wohn- und Lebensformen. Die Mieten waren billig. Es entstanden große Wohngemeinschaften, die sich politisch engagierten, für Umweltschutz starkmachten und exzessiven Konsum ablehnten.

Dass gerade San Francisco zur Modellregion einer alternativen Jugendkultur wurde, liegt an der Geschichte der Stadt. Bereits in den 1960ern war San Francisco ein Zufluchtsort, ein sicherer Hafen für schwule, lesbische und queere Menschen, die von ihren Familien verstoßen wurden und zu Hause nicht mehr bleiben konnten. In San Francisco fanden sie eine soziale Familie, die sie unterstützte. Als ein Kaffeehaus transgeschlechtliche Personen nicht bedienen wollte und die herbeigerufene Polizei sie schikanierte, gab es Ausschreitungen.

Die queere Community war so groß, dass bei Wahlen in San Francisco politisch mit ihr gerechnet werden musste. Und sie zeigte sich stolz auf der Straße: 1970 fand in San Francisco die erste „Pride“, die Regenbogenparade statt. Sichtbar zu sein, selbstbewusst zu seiner Sexualität zu stehen und sich in der Öffentlichkeit nicht mehr verstecken zu müssen: Bei der Parade ging es nicht nur um soziale Akzeptanz, sondern vor allem auch um Selbstakzeptanz in einer homo-feindlichen Gesellschaft.

Die 200 Teilnehmer der ersten Parade in San Francisco wurden damals noch von einer berittenen Polizei vertrieben. Im nächsten Jahr kamen sie wieder. Und auch die sexpositiven Partys und Wohnprojekte blieben, obwohl die meisten jungen Menschen nach den Sommerferien wieder in ihre Jobs und Ausbildungen zurückkehrten. Bis heute gibt es diese „sexuelle Migration“, wie es in der Sexualitätsforschung heißt. Sexuelle Minderheiten wandern aus ländlichen Regionen in liberale Großstädte ab, und junge Menschen reisen in Partystimmung für ein Wochenende an, um die sexuelle Offenheit zu feiern.

Vergleichbar mit New York und Berlin, ist San Francisco seit dem „Summer of Love“ eine Stadt, in der sich alle möglichen Spielarten von Sexualität ihren Platz erkämpft haben, auch wenn sexpositive Hippies und queere Communities oft nichts miteinander zu tun haben. Ob sich zwischen Karlsplatz und Donaukanal ein „Summer of Love“ wiederholen kann und wird? Die Suche nach Spaß und Gemeinschaftserlebnissen ist auf jeden Fall spürbar.

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Barbara Rothmüller
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