23.01.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Die soziale Familie

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über Unterstützungsnetzwerke von Menschen, die sich nicht mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren.

Transgeschlechtliche Menschen haben unterschiedliche Lebenswege. Manche identifizieren sich bereits in der Kindheit mit einem Geschlecht. Andere erleben eine Phase der Verunsicherung in der Jugend oder im Erwachsenenalter. Unterschiedlich ist auch das Ausmaß, in dem transgeschlechtliche Menschen ihre Körper mit Kleidung, Hormonen oder manchmal auch durch eine Operation verändern. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie in der Gesellschaft oft mit Irritation konfrontiert sind, umso mehr, wenn sie sich nicht eindeutig als Frau oder Mann identifizieren. Leider manchmal auch in ihrer Herkunftsfamilie.

Wichtig sind für transgeschlechtliche Menschen deshalb oft Freund*innen. Sie können mit der Zeit zu einer Art selbstgewählten, sozialen Familie werden. Nahezu alle Menschen, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau identifizieren oder transgeschlechtlich sind, haben auch Freund*innen mit ähnlichen Erfahrungen. Das ist gut, denn gesellschaftliche Diskriminierung ist psychisch sehr belastend. Zum Beispiel kann es für transgeschlechtliche Personen schwierig sein, eine Arbeitsstelle zu finden. Oder sie erleben Diskriminierung von Ärzten und Gesundheitspersonal. Forschungen haben jedenfalls gezeigt, dass der Kontakt zu anderen Betroffenen stärkt, weil sie sich gegenseitig unterstützen und helfen können, mit Diskriminierung umzugehen.

In der Pandemie ist der Kontakt zu sozialen Familien jedoch schwierig geworden. Viele transgeschlechtliche Personen leiden darunter, dass sie den Kontakt zu Vertrauenspersonen verloren haben und sehen ihre Peers teilweise gar nicht mehr. Zwar verfügen transgeschlechtliche Personen oft über ein starkes soziales Netzwerk oder engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen. Allerdings konnte jede dritte Person den Kontakt im Verlauf der Pandemie nicht aufrechterhalten. Der Lockdown hat deshalb Besorgnis in der Wissenschaft ausgelöst, dass es zu einer verstärkten psychischen Belastung von transgeschlechtlichen Menschen kommen könnte, wenn sie von unterstützenden Vertrauenspersonen isoliert sind.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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