21.04.2021 07:30 |

Das große Interview

Haller: „Ohne Angst gibt es keine Vorsicht“

Der Bregenzerwald wurde mit einer Ausreisetestpflicht belegt - wie wirkt sich das auf die Psyche der Betroffenen aus? Und warum sind sofort „Schuldige“ gefunden? Star-Psychiater Reinhard Haller hat Antworten.

Krone: Die gesamte Region Bregenzerwald wurde mit einer Ausreisetestpflicht belegt. Was können Maßnahmen wie diese in der Bevölkerung auslösen?
Reinhard Haller: Letztendlich wird eine solche Maßnahme zu einer Erhöhung der Vorsicht führen. Die Menschen sind in jüngster Vergangenheit unvorsichtiger geworden, haben die Dinge vielleicht auch einfach verdrängt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Diskussion, die vor rund einem Jahr geführt worden ist. Damals hat man der Regierung vorgeworfen, zu stark mit dem Gefühl der Angst zu arbeiten. Aber es gibt keine Vorsicht ohne Angst. Jetzt haben die Menschen die Angst wohl ein Stück weit verloren und denken, dass mit den fortschreitenden Impfungen Corona kein Thema mehr ist. Und das hat sich nun bitter gerächt. Diese Testpflicht bei der Ausreise wird aber jedenfalls zu keinen psychischen Problemen führen, von den meisten Betroffenen wird sie wohl eher als zusätzliche Belastung gesehen.

Einzelnen Gemeinden und auch Familien im Bregenzerwald wird nun in Zusammenhang mit der Testpflicht der schwarze Peter zugeschoben. Ein natürlicher Reflex?
Es gibt keinen Menschen, der sich schuldig fühlen will. Deswegen wird gern nach einem Sündenbock gesucht - der ist meist schnell gefunden. Und in diesem Fall drängt sich das natürlich auf. Das ist normales menschliches Verhalten. Diejenigen, die nun beschuldigt werden, zur Verbreitung des Virus beigetragen zu haben, werden wohl nicht daran zerbrechen und sollten sich die Kritik zu Herzen nehmen. Die Maßnahmen werden einen positiven Effekt auf das Infektionsgeschehen haben, weil sie in der Bevölkerung das trügerische Gefühl, dass die Pandemie schon vorbei ist, wieder relativieren.

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Die psychischen Störungen haben eindeutig zugenommen, das belegen sämtliche Untersuchungen. Die einen kippen in die Depression, in die Ängstlichkeit, auch die Sucht hat zugenommen.

Reinhard Haller

Das Coronavirus hat unser aller Leben stark verändert. Welche psychischen Auffälligkeiten sind durch die Pandemie tatsächlich erst entstanden?
Die psychischen Störungen haben eindeutig zugenommen, das belegen sämtliche Untersuchungen. Die einen kippen in die Depression, in die Ängstlichkeit, auch die Sucht hat zugenommen. Generell gilt: Alles, was vorher schon da war, wurde durch die Pandemie verstärkt. Bei anderen Menschen hat sich die Sichtweise verändert. Dinge wie Gesundheit und Freiheit werden wieder stärker wertgeschätzt, sie gelten nicht mehr als Selbstverständlichkeiten. So hat das Virus auch positive Auswirkungen, es ist ein anti-narzisstisches Virus. Wir erkennen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dass wir sterbliche Wesen sind. Das hat uns wieder etwas geerdet. Und eines hat die Pandemie stark in den Mittelpunkt gerückt: das Thema Vereinsamung. Denn jetzt wissen auch diejenigen, die bisher nie unter Einsamkeit gelitten haben, was das bedeutet. Und die Vereinsamung ist ein großes Problem unserer Gesellschaft.

Politiker, die unpopuläre Maßnahmen setzen, werden oft öffentlich beschimpft und angefeindet. Was raten Sie Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und derart kritisiert werden?
Politiker sind wirklich nicht zu beneiden. Sie können es den Menschen derzeit nicht recht machen. Egal, ob sie harte Maßnahmen setzen oder Lockerungen befürworten. Und auch die Wissenschaft, auf die sich die Politiker in dieser Situation eigentlich verlassen können sollten, ist sehr widersprüchlich. Und man muss festhalten, dass das Virus nicht kalkulierbar ist. Das sollte die Wissenschaft viel stärker betonen. Gleichzeitig verlangt man von der Politik Planungssicherheit, da kommt in mir immer Verwunderung auf. Bei einem Virus kann man einfach nicht planen. So werden oft eigene Ängste und Unsicherheiten auf Politiker projiziert. Ich kann nur empfehlen, sich davon vom eigenen Kurs nicht abhalten zu lassen. Klar ist der eigene Kurs in Zeiten wie diesen auch immer wieder ein Blindflug, bei dem man hin und wieder den Kurs korrigieren muss. Aber man sollte sich bewusst sein, dass hinter Beschimpfungen und Verunglimpfungen oft ängstliche und verunsicherte Menschen stehen.

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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