06.03.2021 05:00 |

Betroffene berichten

„Sein Spitalsaufenthalt war mein Urlaub ...“

Diese Aussage einer pflegenden Angehörigen macht traurig. Für viele gibt es so gut wie keine Auszeiten, die Überforderung ist enorm, der Wille, für seine Lieben da zu sein, auch. Wenn sie sich doch ein paar freie Stunden gönnen, dominiert das schlechte Gewissen. Erst nach dem Tod ihres Mannes schafft es seine Frau, über diese anstrengende Zeit zu sprechen.

Edith G. ist heute Anfang 40 und blieb bis zu seinem Tod vor knapp einem Jahr an der Seite ihres Mannes, der lange Zeit aufgrund seiner Erkrankungen Betreuung benötigte. Jetzt erst kann Frau G. offen erzählen, wie sie die schwere Zeit bewältigte. Ein Tabuthema, das oft aus Scham und Überforderung verschwiegen wird. Hier nun ihre Geschichte als Beispiel für viele: Als sie heirateten, saß ihr Mann aufgrund eines Arbeitsunfalles im Rollstuhl. Das hinderte sie nicht daran, eine ganz normale Familie zu sein, bis ihr Mann erkrankte und ohne sie nicht mehr zurechtkam.

Von der Ehefrau zur 24-Stunden-Betreuerin
Anfangs arbeitete sie weiter als Leiterin des Betriebsmanagements einer großen Firma. Dann gingen sich Pflege, Kinder und Beruf nicht mehr aus. Sie gab den bezahlten Job auf und wechselte in die unbezahlte Pflege. Der Rollentausch von der Ehefrau zur Rund-um-die-Uhr-Pflegerin war dann doch schwieriger als gedacht. Was für die meisten Menschen als unzumutbare Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie beklagt wird - kein Kino, kein Essengehen, keine Freunde treffen -, war für sie plötzlich ganz normaler Alltag.

Nach ihren persönlichen Wünschen fragte niemand. Frei nach dem Motto: Zuerst kommt der Ehemann, dann die Kinder, und dann ist der Tag schon vorbei. Jeder Tag musste, abhängig davon, wie es ihrem Mann ging, penibel vorbereitet und geplant werden. Und dann kam oft doch alles wieder anders. Der Arztbesuch konnte nicht stattfinden, der Einkauf fiel ins Wasser.

Manchmal mit dem Hund spazieren gehen
Der Tag begann um 6 Uhr früh. Eine Stunde, um sich fertigzumachen und alles vorzubereiten. Um 7 Uhr „Dienstbeginn“: beim Aufstehen helfen, bei der Körperpflege, beim Anziehen, frühstücken, Medikamente sortieren, deren Einnahme kontrollieren, auf Reaktionen achten, Infusionen anlegen, umbetten, Wundversorgung, Arzttermine. Ging es ihrem Mann gut, konnte sie ein bisschen raus - einkaufen und mit dem Hund spazieren. Ging es ihm schlecht, blieb nur die Zeit, in der er schlief, um den Alltag zu erledigen.

Für ihren Mann war es bis zuletzt wichtig, möglichst viel selbst zu machen. Da war Frau G. ständig „am Sprung“, um im Notfall eingreifen zu können. Es fielen Berge von Wäsche an. Der Tag endete gegen 22 Uhr - es begann die „Nachtbereitschaft“. Frei hatte Edith nur, wenn ihr Mann im Spital war. In den letzten Wochen half Johannes vom Hospizverein mit, ihren Mann zu versorgen. Endlich war sie nicht mehr allein für alles verantwortlich.

Kommentar von Ingrid Korosec: „Sie wird das schon machen“
„Sie“, das sind die Töchter, Schwiegertöchter, Partnerinnen und Enkelinnen, die ganz selbstverständlich die Betreuung und Pflege älterer Menschen übernehmen. Fast 600.000 Frauen in Österreich verhindern durch ihre Arbeit, dass das „offizielle“ Pflegesystem kollabiert. Verweigerten sie den Dienst, könnten mobile Dienste und Heime diese Lücke nicht füllen. Zwar sind viele dieser inoffiziellen Pflegekräfte bereits selbst älter als 60 Jahre. Die Hälfte von ihnen könnte aber eigentlich einem bezahlten Beruf nachgehen. Könnte, denn in der Realität bleibt neben der ehrenamtlichen Pflegetätigkeit oft wenig oder keine Zeit für einen bezahlten Vollzeit-Job.

Das bedeutet für die Frauen, wenn sie in Pension gehen, weniger Geld, und zwar dramatisch weniger Geld. Zehn Jahre Teilzeit arbeiten heißt 15 Prozent weniger Pension. Und die Pensionen von Frauen liegen schon im Normalfall 40 Prozent unter jenen der Männer! „Sie“, das sind aber auch jene 140.000, die bezahlt im Bereich der Betreuung und Altenpflege, vor allem als Heimhilfen und 24-Stunden-Betreuerinnen, arbeiten. Denn das Berufsfeld ist fest in weiblicher Hand - mit allen für sie negativen Konsequenzen: geringe gesellschaftliche Anerkennung, geringe Bezahlung, belastende Arbeitszeiten.

Das Einstiegsgehalt einer Heimhilfe liegt bei brutto 10 Euro in der Stunde. Fast 90 Prozent von ihnen arbeiten Teilzeit. Die körperliche und psychische Belastung ist groß. Die Zeit pro Hausbesuch ist äußerst knapp kalkuliert - rasch die Aufgaben erledigen und dann weiter zum nächsten. Viele halten die schwere Arbeit nicht lange aus: In Deutschland geben Mitarbeiterinnen in der Altenbetreuung den Beruf im Schnitt bereits nach neun Jahren wieder auf.

Für Österreich fehlen die genauen Zahlen, die Situation wird aber wohl ähnlich sein. Ja, „sie machen das schon“. Unter schwierigsten Bedingungen halten sie die Versorgung älterer Menschen im Land am Laufen. Gerade deshalb verdienen sie es, dass die Pflegereform hier vieles grundsätzlich ändert. Gerade deshalb engagiere ich mich für sie besonders, denn „sie“ haben Besseres verdient.

Kontakt: Ingrid Korosec, Österreichischer Seniorenbund, Lichtenfelsgasse 7, 1010 Wien.

Karin Podolak
Karin Podolak
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