28.02.2021 05:00 |

Auch in „Coronazeiten“

Betroffene Kinder früh fördern

Welche Vorteile, aber auch Nachteile die Coronakrise für diese Familien hat. Wie wichtige Frühförderung von Mädchen und Buben trotzdem stattfinden konnte und kann. Dabei wird nun auch vermehrt auf Online-Angebote gesetzt.

Vielen erwachsenen Autisten setzt die Pandemie nur wenig zu: Das Abstandhalten und die Vermeidung von Körperkontakt (wie Händeschütteln und Umarmungen) kommen ihren Berührungsängsten entgegen. Auch die reduzierte Reizüberflutung - weniger Menschen im öffentlichen Raum - erleben sie als angenehm. Schwieriger haben es Familien mit betroffenen Kleinkindern: Bis zum Ende des ersten Lockdowns waren die für die Entwicklung so notwendigen Therapien von Angesicht zu Angesicht nicht erlaubt. Daher musste vielerorts das Online-Angebot ausgebaut werden: „Seit Beginn der Coronakrise leiten wir verstärkt die Eltern an, wie sie ihren Nachwuchs fördern können. Das geschah bereits im ersten Lockdown über Videotelefonie. Außerdem haben wir als Ersatz für Live-Gruppentreffen einen Online-Elternkurs erstellt, der Basisinformationen über Autismus und Förderstrategien vermittelt sowie kleine Online-Austauschrunden für Eltern ins Leben gerufen“, informiert Eva-Maria Dely, Teamleiterin in der Autismusfrühintervention am Konventhospital Barmherzige Brüder Linz.

Neues Therapiemodell fördert die Entwicklung
In dieser Einrichtung arbeiten die Experten seit 2014 mit dem „Early Start Denver Model“ (als erste im deutschsprachigen Raum!), das in den USA entwickelt wurde. Es eignet sich für autistische Kinder ab 12 Monaten bis etwa 5 Jahre. Ziel ist die Verbesserung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und Imitationsfähigkeit, die als Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung und für den Erwerb von aktiver verbaler Sprache gilt. Wie kann man sich das konkret vorstellen? „Diese Kinder wissen nicht, wie sie ihre Wünsche ausdrücken sollen. Sie weinen, schreien oder ziehen ihre Eltern an der Hand. Unsere Aufgabe ist es, Kommunikationsfähigkeiten aufzubauen. Sie lernen etwa Blickkontakt aufzunehmen - das ist für Autisten alles andere als einfach“, berichtet Eva-Maria Dely. Wie gelingt das? „Wir Therapeuten orientieren uns daran, was das jeweilige Kind interessant findet, etwa ein bestimmtes Spielzeug. Das halte ich dann z. B. auf Augenhöhe in meinen Händen. Erst, wenn mir mein junger Patient in die Augen schaut, erhält er das ersehnte Spielzeug. Auf diese Weise verstärkt man das Verhalten positiv. Die Kleinen lieben zudem Kitzelspiele oder das Singen von Liedern.“

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Diese Kinder haben grundsätzlich Schwierigkeiten, Mimik zu interpretieren. Durch die Schutzmaske wird dies leider zusätzlich erschwert.

Eva-Maria Dely, Teamleiterin in der Autismusfrühintervention am Konventhospital Barmherzige Brüder Linz

Ein großes Problem stellt derzeit die Maskenpflicht dar: „Diese Kinder haben grundsätzlich Schwierigkeiten, Mimik zu interpretieren. Durch die Schutzmaske wird dies leider zusätzlich erschwert“, erklärt Dely, die nun auf viel mehr Gestik achtet. Im Moment besuchen die Therapeuten die Familien 1-2 Mal pro Woche zuhause, ein weiterer Termin findet im Autismusfrühinterventionszentrum statt, die Eltern werden immer eingebunden. Viermal im Jahr werden die Sprösslinge getestet, ob sie etwas dazugelernt haben. Die Wirksamkeit des „Early Start Denver Models“ wurde anhand von zahlreichen wissenschaftlichen Studien bewiesen.

Therapieerfolg: Mit anderen Kindern spielen
Priv. Doz. Dr. Daniel Holzinger über ein Ergebnis: „Vor der Therapie zeigten Kinder mit Autismus im EEG eine verstärkte Hirnaktivität beim Anblick von Gegenständen. Danach hatte sich die Hirnaktivität normalisiert - das Denkorgan wurde durch das Sehen von Gesichtern stärker angeregt als durch Objekte. Die Kleinen lernen - vereinfacht gesagt -, dass die Interaktion mit Bezugspersonen mehr Spaß macht, als sich alleine mit Gegenständen zu beschäftigen.“ Besser als jedes Untersuchungsergebnis sind aber persönliche Erfahrungen: „Ich erinnere mich an einen Bub, der nie geredet hat und im Kindergarten nur in der Ecke sitzen wollte. Nach einem Jahr Therapie sprach er und interagierte bzw. spielte mit anderen Kindern - das ist ein Erfolg, der auch zu Herzen geht“, so Dely.

Monika Kotasek-Rissel
Monika Kotasek-Rissel
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