14.02.2021 12:15 |

„Schwierige Situation“

Warum schon wieder Tirol, Herr Platter?

Nach Ischgl macht die Südafrika-Mutation Tirol erneut zum Corona-Hotspot. Mit Conny Bischofberger spricht Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) über Muskel- und Zahlenspiele, Gerüchte um golfspielende Hoteliers, sein Verhältnis zum Bundeskanzler und die angeschlagene Tiroler Seele.

Auf dem Platz vor dem Tiroler Landhaus ziehen Skater ihre Runden, aus Boxen klingt laute Hip-Hop-Musik. Blauer Himmel, weiß verschneite Bergketten. Nichts macht in Innsbruck den Eindruck, als befinde man sich hier im Corona-Sperrgebiet. Das Büro des Landeshauptmanns liegt im Meraner Trakt des barocken Gebäudes. Groß, hell, viel moderne Kunst. Über dem Schreibtisch hängt ein blumiger Max Weiler, daneben steht die Skulptur eines Friedensengels, gegossen aus Patronenhülsen.

An den Wänden zwei blutrote Prachenskys und ein Kunstwerk, das den 66-Jährigen in den letzten 20 Jahren schon an alle Stationen seiner Karriere, auch in die Bundeshauptstadt, begleitet hat. „Es zeigt eine Balletttänzerin und einen Wolf“, erklärt Günther Platter, „aber das ist nicht so wichtig. Wichtig sind die weiß verschneiten Berge meiner Heimatgemeinde Zams.“ Das Thema Heimatverbundenheit zieht sich durch das ganze Gespräch und seine Politik, nicht einmal die Espresso-Tassen kommen ohne das Wappen mit dem goldgekrönten roten Adler aus.

„Krone“: Tirol ist vom restlichen Österreich abgeriegelt, Deutschland verhängt sogar ein Einreiseverbot. Wie geht es Ihnen als Landeshauptmann damit?
Günther Platter: Das ist natürlich eine schwierige Situation, denn es geht auch um unsere Reputation. Wir bemühen uns wirklich sehr, diese Pandemie im Griff zu haben, mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen. Im Vergleich zu allen anderen Bundesländern hat Tirol die geringste Inzidenzzahl.

Dafür haben Sie den größten Cluster der Südafrika-Mutation außerhalb Südafrikas.
Richtig, aber die Tirolerinnen und Tiroler können nichts dafür. So wie sich andernorts die britische Variante verbreitet, ist das jetzt bei uns mit der südafrikanischen der Fall. Ich könnte viele Punkte aufzählen, was wir dagegen machen: Wir sorgen dafür, dass sie nicht nach außen geht, wir testen massiv, wir sequenzieren. Und wenn Sie mich fragen, wie es mir damit geht, dann ist das für mich als Landeshauptmann keine erfreuliche Situation, wenn Tirol international im Gerede ist. Wir haben das Problem erkannt und nehmen das unglaublich ernst. Dabei spüre ich einen großen Tiroler Zusammenhalt. Wir haben schon viel schwierigere Situationen überwunden. Und das werden wir auch dieses Mal tun.

Woran denken Sie bei den schwierigeren Situationen?
An die historischen Schlachten. Die Abtrennung von Südtirol berührt mich noch immer. An Lawinenunglücke und andere Naturkatastrophen. Und natürlich auch an Ischgl. Wobei die Bevölkerung sich schon die Frage stellt, ob man immer wieder auf Ischgl hinhauen muss.

Apropos Ischgl: Warum ist schon wieder Tirol das Corona-Sorgenkind?
Es ist einfach ein unglaubliches Pech. Zuerst Ischgl, da musste das Virus ja auch erst einmal nach Tirol kommen, bevor es wieder rausgegangen ist. Und jetzt die Südafrika-Variante. Das hat niemand bewusst nach Tirol gebracht.

Angeblich haben Tiroler Hoteliers das Virus vom Golfurlaub aus Südafrika eingeschleppt. Stimmt das nicht?
Das ist ein Gerücht und hat sich nicht bestätigt, die Optik ist aber natürlich schlecht. Wir müssen sehr aufpassen, dass wir hier nicht jemandem die Schuld in die Schuhe schieben. Der Kanzler hat es ganz richtig gesagt: Das ist keine Schuldfrage, sondern eine Sachfrage.

Aber muss man golfen in Südafrika, während die eigenen Hotels vom Staat gefördert werden?
Ich bin Skifahrer und Bergsteiger. Es muss jeder für sich beurteilen, welchen Sport er wo betreibt.

Letztes Wochenende war Krisengipfel in Wien. Der Gesundheitsminister meinte, man hätte stundenlang auf Sie eingeredet. Wovon wollten Sie sich nicht überzeugen lassen?
Es ging zunächst um die Wortwahl, da sind so deftige Ausdrücke gefallen wie „Abschottung“, „Isolation“ oder „Sperrgebiet“. Da wird es schwierig, zu verhandeln. Die Leute hatten das Gefühl, man will uns mit Gewalt abschotten. Diese Tonalität, die Sprache ist gerade bei so einer sensiblen Angelegenheit, wo wir die Menschen brauchen, sehr wichtig. Sonst verzweifeln uns die Leute. Inhaltlich stand die Frage im Raum, ob man den Bezirk Schwaz isolieren soll. Aber das ist die wichtigste Verbindung zwischen Nord und Südeuropa, da geht der ganze Transit durch, auch die Bahn. Wir haben uns dann auf Maßnahmen geeinigt und halten uns auch hundertprozentig daran.

Am Anfang war noch die Rede von acht Fällen. Werden da vielleicht Zahlen vertuscht?
Steht auf und holt seine Unterlagen vom Schreibtisch. - Am Anfang dauerten die Sequenzierungen noch viel länger. Jetzt geht das wesentlich schneller. Vertuscht wird überhaupt nichts. Wir haben im Moment 432 bestätigte Fälle, davon 213 voll sequenziert und 136 aktiv positiv.

Haben die Maßnahmen nicht viel zu lange gedauert?
Es kam die Diskussion um die Wirksamkeit des Impfstoffes dazu, das hat noch ein paar Tage gekostet. In dieser Pandemie ändert sich ja beinahe täglich etwas. Nicht einmal die Wissenschaftler sind sich einig. Und die Politik muss letztendlich entscheiden. Aber ich meine, Muskelspiele braucht es keine.

Muskelspiele gab es auch aus Tirol. Der Wirtschaftskammerpräsident, der drohte, man werde die Tiroler kennenlernen, der Wirtschaftsobmann, der sagte, ein Rülpser in Wien kümmere niemanden …
Klar Position zu beziehen ist wichtig. Ich beziehe als Landeshauptmann auch Position fürs Land, wenn ich spüre, da muss man dagegenhalten. Aber es sollte immer wertschätzend sein.

War das wertschätzend?
Ich glaube, man muss sehen, in welch schwieriger Situation die Wirtschaft ist, da sind natürlich Emotionen im Spiel. Aber prinzipiell haben solche Aussagen in einer politischen Diskussion eigentlich nichts verloren.

Haben Sie das den beiden Herren auch gesagt?
Wir haben da immer wieder Gespräche. Aber im Vordergrund steht das Miteinander. In einer Zeit, wo die Menschen so viel mitgemacht haben, braucht es Worte des Zusammenhalts, keine Konflikte zwischen Wirtschaft, Arbeitnehmern und der Politik.

Gibt es manchmal einen Loyalitätskonflikt zwischen Tirol und Wien, zwischen Landes- und Bundespartei?
Ich kenne das Geschäft. Ich habe das immer gut unter einen Hut gebracht, sonst würde ich nicht hier sitzen.

Und wer hat das letzte Wort?
Wenn es um die Interessen des Landes Tirol geht, dann fällt die Entscheidung im Bundesland, ganz eindeutig. Wenn es um Entscheidungen geht, die auf Bundesebene getroffen werden müssen, dann braucht es die Diskussion. Wichtig ist eine kluge Kommunikationspolitik.

Ist Ihr Verhältnis zu Sebastian Kurz während der Pandemie besser oder schlechter geworden?
Ich kenne den Sebastian sehr gut und habe ihn von Anfang an unterstützt. Ich gehe auch bergsteigen mit ihm, zuletzt waren wir auf dem Glockturm im Kaunertal. Und auch wenn wir einmal unterschiedliche Positionen haben, dann muss das die Freundschaft aushalten. Wir sind keine Partei von Jasagern. Da würde ich nicht mitmachen. Ich muss schon die Tiroler Positionen einbringen können.

War es rückblickend gesehen überhaupt richtig, die Lifte aufzusperren? Das bringt doch niemandem etwas und ist auch für die Skilifte ein Minusgeschäft.
Aber es haben ja die anderen Landeshauptleute die gleiche Position vertreten. Vor allem Vorarlberg und Salzburg. Wir haben uns gesagt: Warum lassen wir die Leute nicht ein bisschen Skifahren gehen? In Tirol geht man halt Skifahren, wenn das Wetter schön ist. Das war für das Stimmungsbild in Tirol ganz essentiell. Vom Skifahren geht ja auch überhaupt keine Infektion aus, wie die AGES bestätigt hat. Sicher, die Seilbahnunternehmen verdienen dabei nichts, aber es gibt das Signal: „Horcht her, auch wenn wir keine Gäste haben, wir sperren für euch die Betriebe auf.“ Tourismus und Bevölkerung wachsen dadurch noch näher zusammen. Deshalb hat mir gut gefallen, was der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig gesagt hat. Er meinte, er möchte nicht haben, dass die Tiroler den Wienern das Eislaufen verbieten. Und auch nicht, dass die Wiener den Tirolern das Skifahren verbieten.

Wenn Sie selbstkritisch sind: Was hätte besser laufen können? Oder sind Sie, wie Landesrat Tilg, der Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben?
Wer kann von sich behaupten, dass er alles richtig macht? Ich möchte das von mir nicht behaupten. Man sollte Fehler auch eingestehen. Sicher sind Dinge passiert, die man aus heutiger Sicht besser machen hätte können, aber aus damaliger Sicht hat es ganz anders ausgeschaut.

Was hat Tirol aus Ischgl gelernt?
Unglaublich viel! Es gibt heuer kein Après-Ski und kein übertriebenes Halligalli. Das ist auch nicht das Bild von Tirol, das wir haben wollen. Daran müssen wir noch weiterarbeiten. Wir haben so viele tüchtige Familienunternehmen, die hart arbeiten und für die Gäste alles tun. Wir haben ein riesiges Potenzial, aber da und dort ist es in die falsche Richtung gegangen. Auch das Thema Zweitwohnsitze geht zu weit. Diese Investorenmodelle hinterfragen wir gerade.

Die Tiroler gelten im Rest von Österreich als Sturschädel. Wie würden Sie den Tiroler Charakter beschreiben?
Wir sind sehr stolz und sehr verbunden, tief verwurzelt mit dem Land Tirol. Aber die Tiroler sind auch sehr weltoffen. Durch den Tourismus, die Industrie, als Bildungs- und Wissenschaftsstandort mit 40.000 Studierenden. Wir sind nicht nur ein paar Narrische, die stur sind und sich nichts gefallen lassen … - Lacht.

Was werden die Tiroler in fünf Jahren einmal über diese Zeit sagen?
Dass es die schwierigste Zeit war, die wir jemals gehabt haben, obwohl Tirol immer wieder mit Katastrophen konfrontiert war. Und dass es Tirol härter getroffen hat als viele andere. Dass wir diese Pandemie bewältigt haben und wieder andere Zeiten gekommen sind.

Herr Landeshauptmann, Sie waren einmal Gendarm. Inwiefern hat Sie das geprägt?
Als Alpinpolizist war ich in den Bergen unterwegs, da kenne ich mich aus. Später war ich als Kriminalpolizist bei der Suchtgiftbekämpfung eingesetzt. Da erlebt man viele Dramen und lernt, sich in andere Menschen hineinzufühlen. Sich nicht sofort ein Urteil zu bilden, sondern erst einmal zuzuhören, hinzuschauen, zu reden. Das hilft mir heute als Landeshauptmann. Für mich ist es heute noch das größte Kompliment, wenn Leute auf der Straße rufen: „Hey, Günther, wie schaut‘s aus?“ Und dann reden wir. So kenne ich doch Land und Leute sehr gut und weiß, was bei uns geht und was nicht. Auch in der Pandemie.

Wie meinen Sie das?
Die Verordnungen und Maßnahmen sind das eine. Aber umgesetzt werden sie in den Bundesländern, in den Städten und Gemeinden, von den Menschen. Ohne die Menschen geht es nicht. Es geht nur mit ihnen.

Buchdrucker, Gendarm und Musiker
Geboren am 7. Juni 1954 in Zams. Erlernter Beruf: Buchdrucker. In den Siebzigerjahren besucht Platter die Gendarmerieschule und wird Gendarmeriebeamter. In der Politik seit den späten Achzigerjahren, zunächst als Bürgermeister seiner Heimatgemeinde. 2003 bis 2007 Verteidigungsminister, kurz auch Innenminister. Seit 2008 ist Platter Landeshauptmann von Tirol. Verheiratet mit Silvia, zwei erwachsene Söhne (Christian und Markus). In seiner Jugend war er bei einer Psychedelic-Rockband und greift noch heute gerne zur Gitarre oder zum Tenorhorn.

Conny Bischofberger
Conny Bischofberger
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