15.01.2021 05:00 |

Seele und Körper

Die Krise macht Jugend krank

Corona schadet nicht nur den Infizierten selbst, die Umstände führen zu Belastungen - auch für Kinder und Jugendliche. Ihre Sorgen und Probleme werden jedoch oftmals unterschätzt.

„Ich bedanke mich bei allen Kindern und Jugendlichen, die diese für sie so belastende Zeit in einer beeindruckenden Art und Weise meistern und das Beste daraus machen!“ Diese Worte richtet OA Dr. Klaus Kapelari, Kinderarzt an der MedUni Innsbruck und Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ), an alle jungen Menschen, die während der vergangenen Monate Enormes durchmachen und leisten mussten. Statt Geburtstagspartys mit Freunden gab und gibt es Kontaktverbote, gestrichen wurden Ausflüge und Sportveranstaltungen. Erste Küsse im Kino waren nicht möglich, genauso wenig wie in der Disco durchtanzte Nächte. Anstrengendes Homeschooling ersetzte weitgehend den Präsenzunterricht. Dazu kommt die ständige Unsicherheit, welche auch Mama, Papa und damit das ganze familiäre Umfeld belastet. Dr. Kapelari weiß nicht nur als Mediziner, sondern auch als fünffacher Vater genau, wovon er spricht: „In keiner anderen Sparte wurden derart weitreichende und vor allem lang andauernde Maßnahmen gesetzt. Aber wer dankt den Schülern für ihren ,Beitrag zur Volksgesundheit‘? Ich bewundere meine Kinder, die sich selber einen strukturierten Tagesablauf auferlegen und jeden Tag viele Stunden - sicher auch mehr als früher - kämpfen.“ Auf der Strecke bleiben oft jene, die nicht das Privileg genießen, in einem gefestigten und behüteten Umfeld aufzuwachsen.

„Die Krise wirkt sich nach wie vor sehr stark auf das psychische Wohlbefinden aus - und das ganz besonders bei jungen Menschen“, betont auch Dr. Christoph Schneidergruber, fachlicher Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hermann-Gmeiner-Zentrum von SOS-Kinderdorf in Kärnten. „Jugendliche hadern ja naturgemäß mit ihrer Umwelt und der eigenen Existenz. Derzeit sind ihre Bewegungsmöglichkeiten samt Perspektiven stark eingeschränkt. Neugierde und Experimente haben wenig Platz. Ich höre oft, dass Corona ihnen ihre unbeschwerte Jugend stiehlt - dies sollten wir ernst nehmen.“ Dass die Situation rund um Covid-19 die (junge) Seele deutlich belastet, zeigen auch neueste Umfragen von Marketagent.com: Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren berichteten, sich im vergangenen Jahr an 61,9 Tagen ausgelaugt gefühlt zu haben. Passend zu den besonderen Anstrengungen flossen bei ihnen auch besonders viele Tränen: Rund 51,2 Mal wurde im letzten Jahr geweint und damit mehr als doppelt so häufig wie noch 2017.

Ein hoher Preis für „braves Verhalten“
Was auffällt: Viele junge Menschen halten sich sehr strikt an die vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen. Gleichzeitig kämpfen sie mit Angstzuständen, depressiven Verstimmungen und Überforderung. „Die Anfragen, die uns täglich zu diesen Themenbereichen erreichen, sind stark gestiegen“, erläutert dazu Birgit Satke, Leiterin des Kinder- und Jugendnotrufs „Rat auf Draht“ (Telefon: 147). So hat sich die Zahl der Anrufer, die sich aufgrund von Angstzuständen melden, im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. „Dabei geht es oft generell um Zukunftsängste sowie die Furcht, dass ein naher Angehöriger sterben könnte. Auch das mulmige Gefühl vor dem Wiedereinstieg in die Schule ist ein großes Thema. Distance Learning hat viele Jugendliche überfordert, etliche fürchten, die nächsten Prüfungen nicht zu schaffen“, so Birgit Satke. Alarmierend hoch präsentiert sich übrigens auch die Zahl der Anrufer, die unter psychischer Gewalt in der Familie leiden. Dazu hat sich die Anzahl der Beratungen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

„Ich glaube, Erwachsene sollten jetzt viel Geduld mit jungen Menschen haben und großes Augenmerk darauflegen, möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Gemeinsam reden, tanzen, kochen, kuscheln, viel in der Natur unternehmen, um möglichst ihren Grundbedürfnissen zu entsprechen“, empfiehlt Dr. Christoph Schneidergruber. „Erwachsene begeistert vielleicht, wie brav die Jugendlichen alle Regeln mitmachen, aber uns muss klar sein, dass wichtige Grundbedürfnisse wie der Kontakt zu Freunden, Körperlichkeit, Anerkennung, Gefühle, Aggressionen, sexuelle Entwicklung usw. über einen sehr langen Zeitraum unterdrückt werden. Die Verschiebung in die digitale Kommunikation ist kein adäquater Ersatz.“

Übergewicht und Bewegungsmangel
Körperliche Probleme drohen, etwa durch Nährstoffmangel oder Übergewicht: Sind junge Menschen tagsüber nicht betreut, fällt für einige die Verpflegung weg. Während die Mahlzeiten gesund und abwechslungsreich sein sollten, können sich manche Haushalte diese Ernährungsweise nicht leisten oder aus Gründen wie Zeitmangel nicht anbieten. Der Konsum von Soft Drinks, Naschereien und Fast Food nimmt überhand. Durch zeitweise geschlossene Spielplätze, Sportanlagen und mangelnden Freiraum in der Stadt gibt es weniger Möglichkeiten, sich körperlich zu betätigen. Internet und TV werden viel häufiger genutzt, was die Bewegungslosigkeit weiter verstärkt. Auch kommt es dadurch häufiger zu Konflikten mit den Eltern. Insgesamt muss mehr Augenmerk auf die Leiden der jungen Generation gelegt werden. Weil sie so brav „mitspielt", wird sie leider oft vergessen.

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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