Übergriffe im Heim

Der „Herr des Todes“ wollte nur scherzen

Das alles, was man in einer WhatsApp-Gruppe untereinander teilte, hätte man ja nie zu den Pfleglingen gesagt. Geschweige denn getan. Es sei ja nur „Psychohygiene“ mit schlechten Scherzen gewesen, um mit dem Druck des Berufs fertigzuwerden - in St. Pölten startete am Mittwoch der Prozess nach dem Skandal in einem niederösterreichischen Pflegeheim.

14. Oktober 2016. Zwei Mitarbeiterinnen des Clementinums in Kirchstetten baten um ein Gespräch mit Vorgesetzten. Was folgte, war eine Lawine an Fassungslosigkeit, aber auch sofortigen Konsequenzen. Ein Diplompfleger und drei Hilfskräfte wurden entlassen - sie sitzen nun auf der Anklagebank. Ihnen wird Quälen, Vernachlässigen und auch sexueller Missbrauch von wehrlosen Personen vorgeworfen. Die Opfer waren die Schwächsten: dement, bettlägrig, der Sprache nicht mehr mächtig. „Sie konnten nicht einmal um Hilfe rufen“, sagt die Staatsanwältin, die die Höchststrafe (bis 15 Jahre) will: „Das Hemmnis Angehöriger, ihre betagten Verwandten in ein Heim zu geben, wurde ebenso wie das allgemeine Vertrauen in die Pflege zutiefst erschüttert.“

Hunderte Seiten an WhatsApp-Meldungen
Zutiefst erschüttert ist nicht nur Richterin Doris Wais-Pfeffer, sondern jeder im Saal des Gerichts, als der WhatsApp-Verkehr auszugsweise verlesen wird. Die Handy-Mitteilungen hatten die Angeklagten zwar gelöscht, sie wurden aber von einem IT-Spezialisten wiederhergestellt - und umfassen ausgedruckt einige Hundert A4-Seiten ...

Der angeklagte Diplompfleger, ein 30-jähriger Paradiesvogel mit eigenwilliger Frisur und vielen Tattoos, nennt sich da etwa „Master of death“ (Meister des Todes) und wollte nur „gescherzt“ haben, wenn er den Kolleginnen schrieb: „Ich glaub, wir sind die Außenstelle von Lainz.“ Jenem Lainz, diese Ungeheuerlichkeit an zu Tode gequälten Menschen in Wien. Man glaubte, so etwas könne nie wieder geschehen ...

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Wenn es keine Supervision gab, warum sind Sie dann nicht zum Psychologen gegangen, wenn Sie das alles nicht verarbeiten konnten?

Die fassungslose Richterin zu einem Angeklagten

„Kalt waschen, nackt lassen. So pflegt man halt richtig“
Er aber schrieb: „Mich toppt nur die ehrwürdige Schwester Waltraud von Lainz, hahaha.“ Er schrieb: „Sie müssen alle gebrochen werden, wenn das nichts hilft, dann kalt waschen, nackt lassen, Fenster offen. So pflegt man halt richtig.“

Ihm werden auch die sexuellen Übergriffe angelastet - wie Intim„pflege“ mit Franzbranntwein. Alles seien nur „zynische Scherze in nicht professioneller Ausdrucksweise“ gewesen, so seine Rechtfertigung. Er bekennt sich wie die anderen, die geprügelt haben sollen, an den Haaren gerissen, und viele Grausamkeiten mehr, „nicht schuldig“.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Gabriela Gödel, Kronen Zeitung

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