01.08.2020 16:56 |

Erfolgskonzept

BMW F 900 XR: Erfreulich starke kleine Schwester

Zuerst war ich ja schon etwas besorgt. Mit 105 PS auf einem Mittelklasse-Motorrad zu zweit? 1,88 m und 1,80 m groß? 100 kg und (das verrät der Gentleman nicht, genau wie das Alter) kg? Doch das hat sich schnell erledigt: Die BMW F 900 XR ist kräftig genug, und sie bietet ausreichend Platz für zwei, die gerne auf Tour gehen.

Bei ganz kritischer Betrachtung sitzt die Sozia sogar besser als ich, weil für mich der Kniewinkel zu eng und mein Sitz wegen der dezenten Stufe zum Soziusplatz auch bei Alleinfahrt zu kurz ist. Aber BMW wäre nicht BMW, wenn sie nicht für jede Körpergröße etwas Passendes in der Aufpreisliste stehen hätten: Insgesamt vier Sitzbänke sowie ein Tieferlegungskit ermöglichen Sitzhöhen von 77,5 bis 87 Zentimeter. Und insgesamt fühle ich mich dann doch recht wohl, weil der Knieschluss und damit die Verbindung zum Motorrad gut passt. Ohne Tieferlegung betragen die Federwege 170/172 Millimeter (vorn/hinten).

Mittelklasse-XR - na logisch!
Es war der logische Schritt für die Münchner, das Erfolgskonzept der BMW S 1000 XR in die Mittelklasse zu holen. Eine schnittige Verkleidung, LED-Lichter (Kurvenlicht optional), bequeme Sitzposition für den Langstreckenkomfort. Es muss ja nicht die GS sein, wenn man sowieso nicht ins Gelände will.

Als Antrieb haben sie den Zweizylinder aus der F 850 GS hergenommen, auf 895 Kubik vergrößert und ihm dadurch zu 105 PS und 92 Nm verholfen. Das macht die kleine XR nicht zum hochemotionalen Sportbike, lässt aber auch nichts anbrennen. Einerseits dreht der Twin freudig Richtung 9000 Touren, andererseits schiebt er auch schon zwischen 2000 und 6000 Touren ordentlich an.

Zum Herbrennen bräuchte es dann aber doch die 1000er, die keine zehn Kilogramm mehr hat, aber 160 PS (aber in Basisausstattung 4000 Euro teurer ist). Aber das nur am Rande, denn man kann auch mit der F 900 XR glücklich werden, wenn man sich ein wenig an sie gewöhnt.

Der Gewöhnungsbedarf kommt von ihrem etwas eigenen Fahrverhalten. Das mag am aufgezogenen Michelin Road 5 GT 2CT+ liegen, aber das ist nun mal der Serienreifen (120/70 ZR17 vorn, 180/55 ZR17 hinten). Das Aufstellmoment beim Bremsen ist irritierend stark. Dadurch wird es mühsam, in Kurven hineinzubremsen. Aber auch ohne am einstellbaren Hebel zu ziehen, dauert es lang, bis man wirklich beginnt, Vertrauen zu schöpfen. Sie wirkt immer etwas sperrig. Daran ändert auch das Ändern des Modus des Dynamic-ESA-Fahrwerks (nur hinten verstellbar) nichts Wesentliches. Wendig ist sie trotzdem, dank nur 219 kg vollgetankt.

Doch je schneller ich fahre, desto weniger kommt diese Eigenart zum Tragen. Dabei ist sie eigentlich eine Brave, die XR. Der Motorsound ist zurückhaltend, nur im Leerlauf in der Tiefgarage breitet sich ein tiefes Wummern aus, das nicht mehr wird, wenn man am Gas dreht. Da schreit nichts, da brüllt nichts, alles Tirol-konform (Standgeräusch: 92 dBA). Und sobald der Drehzahlmesser 2000/min. zeigt, sind auch Manieren vorhanden. Das Schalten vereinfacht der optionale Quickshifter für beide Richtungen. Er verlangt teilweise etwas Nachdruck, arbeitet aber zuverlässig. Der serienmäßige Lenkungsdämpfer sorgt für Ruhe.

Der Tank (dessen Schloss ins optionale Keyless-Ride-System integriert ist) fasst übrigens 15,5 Liter. Das reicht bei einem Testverbrauch von 4,7 l/100 km für weit über 300 Kilometer.

Modern Times im Cockpit
Ein Hauch Hightech ist serienmäßig, es gibt die BMW nicht ohne das 6,5-Zoll-Farb-TFT. Das hat seine Vorteile, weil es auch bei starker Sonneneinstrahlung tadellos ablesbar ist und jede Menge Connectivity bietet. Allerdings vermisse ich, die wichtigsten Infos auf einen Blick vor mir zu haben, etwa Verbrauch, gefahrene Kilometer, Reichweite, Fahrwerks-Fahrmodus oder auch Tankfüllstand. Es liegen zwar alle Infos vor, jedoch muss man sie einzeln durchklicken. Und die Tankuhr ist nur ein Punkt auf der Durchklickliste. Was beim Durchklicken alles angezeigt wird, kann man ganz einfach im Menü einstellen:

Intelligent ist der Windschild, den man während der Fahrt in der Höhe verstellen kann. In der höheren Position kommt es allerdings bisweilen zu Verwirbelungen am Helm.

Was ich auch vermisse, ist in der Basisausstattung eine Möglichkeit, Gepäck zu verzurren. Klar kann man etwas auf den Soziussitz schnallen, aber wenn der besetzt ist? Ein Tourenbike - und das ist die XR - braucht eine zumindest minimale Vorrichtung für Gepäck. Gibt es natürlich, gegen Aufpreis. Mein Testbike hatte sogar Kofferhalter montiert. Nur leider sind die zugehörigen Koffer erst ab September lieferbar. Und die von anderen BMWs passen nicht.

Immerhin gibt es einen praktischen Tankrucksack, dessen Volumen erweiterbar ist. Was zwar nicht für die große Reise reicht, aber eine gute Ergänzung ist, wenn dann mal Koffer dranhängen.

Unterm Strich
Die BMW F 900 XR passt im Alltag wie auch auf der längeren Tour, wenn man sich mit ihrem etwas eigenwilligen Fahrverhalten arrangiert. In der Preisliste steht sie ab knapp 13.000 Euro, das Testbike kommt allerdings mit einigen Paketen (ohne Navi) auf ungefähr 16.000 Euro. Keyless Go, Tempomat, Heizgriffe etc. - eine BMW kauft man in der Regel nicht nackt.

Warum?
Stark genug für zwei
Guter Windschutz
Gut bedienbar

Warum nicht?
Diffiziles Fahrverhalten mit Serienreifen

Oder vielleicht ...
... Ducati Multistrada 950, Yamaha Tracer 900 GT, MV Agusta Turismo Veloce 800, Kawasaki Versys 1000

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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