22.03.2020 21:25 |

Lost in Isolation

„Und die Welt steht jetzt still zum Luftholen“

Nicht nur der Großteil der Österreicher, auch ein großer Teil der krone.at-Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und versucht - wie alle im Land - sich einen neuen Alltag zu erarbeiten. Ob sture Katzenkörper auf dringend gebrauchten Tastaturen oder Kinder, die, während man einen Artikel fertigkriegen will, lautstark Runde um Runde um den zum Arbeitsplatz umfunktionierten Küchentisch drehen - die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Die unterschiedlichen Facetten dieser vor Kurzem unvorstellbaren neuen Realität wollen wir unseren Lesern natürlich nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation.

„Du bestimmst nicht über mich, Mami. Ich bestimme über mich selber.“ Der Satz der Kleinen, in einem anderen Zusammenhang gefallen, lässt mich aufhorchen. Und nachdenken. Sie hat eigentlich recht, und irgendwie doch nicht. Denn natürlich bestimme ich über ihren Alltag - was sie isst, wann sie schläft oder es zumindest sollte, wann es ans Zähneputzen geht. Bis vor Kurzem oblag mir auch noch die Entscheidung, wann sie fertig sein muss, damit wir in Richtung Schule und Kindergarten aufbrechen können. Jetzt ist vieles anders. Über sie bestimme ich trotzdem nicht, über ihre Bewegungsfreiheit aber mehr denn je.

„Wann kommen die Cousins aus Kärnten jetzt, Mama?“ Kurz zögere ich, denn die Antwort wird ihr wieder nicht gefallen. „Gar nicht“, hat die Große schon parat, die Diskussion hat schließlich schon mehrere Male stattgefunden. „Die können nicht kommen, wegen dem Coronavirus. Und wir fahren auch nicht runter.“ - „Aber wann sehen wir sie dann?“ Die Kleine ist den Tränen nahe. Zum Glück vergessen die meisten Vierjährigen ihre aktuelle Stimmungslage schnell - in ihrem Fall, noch bevor mein Versuch einer Antwort in Gedanken ausformuliert war: „Mama, was ist eigentlich Sprühwurst?“ G‘schmackiger Themenwechsel ...

Doch die (vorangegangene) Frage bleibt: Wann können wir tatsächlich wieder zu den Kärntner Großeltern fahren? Zu denen, die Hunderte Kilometer entfernt sind und nicht viel von Videotelefonie halten. Das wird sich hoffentlich ändern - denn so sehr diese moderne, globalisierte Welt zur schnellen Ausbreitung des Virus beigetragen hat, so sehr kann sie auch über große Entfernungen verbinden. „Wir sehen uns jetzt öfter als in den letzten Monaten“, sagte kürzlich eine Freundin, als wir zum dritten Mal binnen einer Woche per Videokonferenz - jeder für sich und doch zusammen - zu Abend aßen. Zu viele berufliche und private Verpflichtungen hatten gemeinsame Abende in letzter Zeit rar werden lassen.

„Ich hab Zeit, ich bin daheim - Smiley“, schreibt eine weitere Freundin in einer weiteren WhatsApp-Gruppe. Eine Liveschaltung zwischen Graz, Wien, Paris und unserem Wohnzimmer ist geplant, denn aus dem eigentlich angepeilten Treffen von Angesichtern zu Angesichtern am Tour d‘Eiffel wird in absehbarer und möglicherweise auch fernerer Zukunft nichts werden.

Doch durch all die Technik und die verschiedensten Programme ist man auch in der Isolation nicht dazu verdammt, allein zu sein. Man kann mit seinen Lieben oder auch jenen, bei denen man sich schon länger nicht mehr gemeldet hat, telefonieren. Man kann in den sozialen Medien Zeuge werden, wie Isolierte rund um die Welt mit der noch ungewohnten Situation umgehen - ob durch lustige oder zum Nachdenken anregende Memes, teil ergreifende Videos etwa von Balkonkonzerten oder Botschaften aus aller Welt, die in den meisten Fällen zwei Dinge klar zum Inhalt haben: Bleibt zu Hause und bleibt gesund!

Es laufen einem derzeit kein Fußballspiel und keine Verabredung davon. Es ist nicht nötig, sich im übertragenen Sinn in zwei Teile zu teilen, weil Kind 1 lieber mit seiner Freundin zum Spielplatz möchte, während Kind 2 unbedingt mit seinem besten Freund den ganzen Nachmittag im Trampolin die Gedärme durcheinanderzuwirbeln trachtet. Es ist fast befreiend, nach einem Tag im Büro nicht ins Auto hechten zu müssen, um sich kurz vor Abholschluss vor dem Kindergarten in „Fast and Furious“-Manier einzubremsen und pünktlich zum 16-Uhr-Glockenschlag der nahen Kirche keuchend mit den Worten „Bin schon da“ in der Tür zu erscheinen.

Oder wie es eine weitere Freundin in einer Nachricht ausgedrückt hat: „Und die Welt steht jetzt still zum Luftholen.“

Bisher erschienen im Rahmen der krone.at-„Lost in Isolation“-Serie:

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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