09.03.2020 11:46 |

Wegen Einschränkungen

Corona: Acht Tote bei Gefängnisrevolten in Italien

Wegen Restriktionen aufgrund des Coronavirus sind am Sonntagnachmittag in mehreren italienischen Haftanstalten Revolten von Insassen ausgebrochen. Zu den Aufständen kam es, nachdem Einschränkungen für den Besuch von Angehörigen verhängt worden waren, wie die Gewerkschaft für Gefängnispersonal mitteilte. Acht Gefängnisinsassen kamen dabei ums Leben, sechs davon in Modena. 

Je ein Toter wurde in einer Strafanstalt in Verona und in Alessandria gemeldet. Die beiden hatten die ausgebrochenen Proteste dazu genutzt, um sich von den Krankenstationen ihrer Gefängnisse Psychopharmaka zu beschaffen. Sie seien an einer Medikamentenüberdosis gestorben, berichtete ein Sprecher der Gewerkschaft der Gefängniswächter.

Bei zwei Todesopfern in Modena vermuten die Ermittler ebenfalls einen Tod durch Medikamentenüberdosis. Ein dritter Betroffener starb nach Atembeschwerden, deren Ursachen noch unbekannt sind. Es gab keine Anzeichen von Verletzungen. Die Staatsanwaltschaft von Modena ermittelt.

Protest und Prügeleien als Auslöser?
Wie es genau zu dem Ausbruch der Revolten kam, ist unklar. So sollen die Insassen gegen Einschränkungen für den Besuch von Angehörigen protestiert haben. Nicht ausgeschlossen ist, dass Prügeleien zwischen Gefängnisinsassen ausgebrochen seien, die mit dem Protest nicht einverstanden waren.

Wärter als Geisel genommen
Zu Revolten kam es auch in den Haftanstalten in Reggio Emilia, Ferrara, Alessandria, Pavia, Frosinone und Neapel. In dem Gefängnis in Pavia südlich von Mailand nahmen Häftlinge laut italienischen Medien zeitweise zwei Wärter als Geiseln. Sie stahlen den Wärtern die Schlüssel der Zellen und befreiten Dutzende Insassen, berichteten die Polizeigewerkschaft Uilpa, die von Verwüstungen in der Strafanstalt sprach. Wärter aus den Mailänder Gefängnissen San Vittore und Opera wurden nach Pavia entsandt, um die Revolte unter Kontrolle zu bringen.

Einige Häftlinge flüchteten von der Strafanstalt im süditalienischen Foggia, konnten jedoch wieder festgenommen werden. Soldaten wurden eingesetzt, um die Flucht weiterer Insassen zu verhindern. Der italienische Verband Antigone, der sich für die Rechte von Gefängnisinsassen einsetzt, betonte, dass die italienischen Strafanstalten überfüllt seien. 61.230 Insassen seien in Strafanstalten eingepfercht, die eigentlich nur für 50.931 Plätze gedacht sind.

133 Tote innerhalb eines Tages in Italien
Italien ist inzwischen nach China das weltweit am stärksten von dem neuartigen Virus betroffene Land. Die Zahl der Todesopfer stieg dort auf mindestens 366, die Zahl der bestätigten Infektionen auf 7375. Alleine am Sonntag starben 133 Menschen an der Lungenkrankheit. Seit Sonntag sind ganze Regionen und Städten im Norden abgeriegelt, 16 Millionen Menschen sind betroffen. Beschränkungen gibt es auch in den Wirtschaftsmetropolen Mailand und Venedig.

In der Lombardei „ist die Welt stehen geblieben“
In der vom Coronavirus am stärksten betroffenen norditalienischen Region Lombardei scheint es, als sei „die Welt stehen geblieben“, wie eine Bewohnerin der APA am Telefon erzählt. Das Leben in der von der Außenwelt abgeschnittenen Region sei sehr schwierig, sagt Nella. „Man hört keine Kinder mehr draußen spielen, und nicht einmal die Kirchenglocken läuten mehr, weil keine Messe mehr stattfindet.“

Norditaliener, die die Sperrzone in der Lombardei und in anderen 15 norditalienischen Provinzen ungerechtfertigt verlassen, drohen strafrechtliche Folgen. Wie Italiens Regierungschef Giuseppe Conte betonte, sind Ausnahmen nur bei nachgewiesenen dringenden beruflichen oder familiären Verpflichtungen und in gesundheitlichen Notfällen vorgesehen.

Italiens Premier: „Das ist unsere dunkelste Stunde“
Conte verteidigt die drakonischen Maßnahmen seiner Regierung im Kampf gegen die Coronavirus-Epidemie und zitiert den britischen Premierminister Winston Churchill: „Das ist unsere dunkelste Stunde, doch wir werden es schaffen“, sagte Conte im Interview mit der römischen Tageszeitung „La Repubblica“.

Conte appellierte an die Italiener, ihren Lebensstil zu ändern und auf soziale Kontakte zu verzichten. „Es ist nicht einfach, von einem Tag zum anderen die eigenen Lebensgewohnheiten zu ändern und persönliche Opfer für das gemeinsame Wohl zu akzeptieren. Diese Anpassungsschwierigkeiten betreffen uns alle (...) Der Verzicht des Einzelnen ist für das Wohl der Kollektivität entscheidend. Wenn wir alle die Regeln respektieren, wird sich Italien bald erholen“, sagte der seit Juni 2019 amtierende Regierungschef.

Umstrittenes Krisenmanagement
Italiens Regierung steht wegen ihres Krisenmanagements mittlerweile auch im eigenen Land in der Kritik. Die Informationspolitik ist chaotisch. Niemand weiß, was genau wann passieren wird. Und wie neuen Sperrzonen mit ihren rund 16 Millionen Einwohnern kontrolliert werden. „Wir wollen die Gesundheit unserer Bürger garantieren. Wir verstehen, dass dies Opfer verlangt, manchmal kleine, manchmal sehr große“, sagt Conte. Doch trotz der drastischen Maßnahmen ist es nicht gelungen, das Virus einzudämmen. Und die italienische Wirtschaft liegt mittlerweile am Boden - zumal mittlerweile auch die Touristen ausbleiben.

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