23.09.2019 05:03 |

Faszination Körper

Blick ins Innere

Wir schauen hinter die Kulissen der „Körperwelten“ im Plastinarium von Guben (D), einer ehemaligen Hutfabrik inmitten der einstigen DDR. Dort werden die Toten zu Lehrzwecken oder für Ausstellungen präpariert.

Ich bin mit Leichen ja gleichsam aufgewachsen“, begrüßt uns Rurik von Hagens freundlich im ländlichen Guben (D), von Polen nur getrennt durch die gemächliche Neiße. „Als Kind habe ich es geliebt, mit meinem Vater zu angemieteten Garagen zu fahren, in denen er Körper in einzelnen Plastinationsschritten aufgestellt hatte. Dennoch fand ich die Organisation immer spannender als das Wissenschaftliche." Grund genug, die Geschäftsleitung des „Plastinariums“ zu übernehmen. Dieses hatte sein bekannter Vater Gunther von Hagens 2006 gegründet, weil Garagen da vom Platz her schon längst nicht genug waren und auch nicht mehr das von ihm ins Leben gerufene „Institut für Plastination“ in Heidelberg (D). Gleichzeitig zog sich der exzentrische Arzt und Wissenschafter aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung aus dem aktiven Geschäftsbereich zurück und übergab an seinen Sohn.

90 Prozent der über 100 jährlich in Guben gefertigten Plastinate gehen an Universitäten in aller Welt. Schließlich war die Verbesserung der anatomischen Lehre durch hochwertige Präparate das ursprüngliche Anliegen von Hagens. Die anfangs teilweise heftig kritisierten Ausstellungen für Laien kamen erst viel später (1995) dazu. Diese sollen den bisher 40 Millionen Besuchern in über 90 Städten vor allem gesundheitliche Informationen bieten: „Oberstes Ziel der ,Körperwelten‘ stellt Aufklärung rund um den Organismus dar“, bestätigt auch Rurik von Hagens. „Wir wissen aus Untersuchungen, dass die Echtheit der Plastinate die Intensität der Erlebnisse wesentlich erhöht. Über die Hälfte der Besucher gab in Befragungen an, jetzt mehr für das Gesundbleiben tun zu wollen. Ein Viertel war sogar nach einem halben Jahr noch immer ,dabei‘. Eine echte Raucherlunge oder Fettleber im Vergleich zum intakten Organ zu sehen, führt vor Augen, wie wertvoll der eigene - noch gesunde - Organismus ist.“

Aus diesem Grund empfiehlt er die Ausstellung gerade auch der Jugend, sogar Kindern. „Die Kleinen gehen mit den Plastinaten viel unbefangener um als Erwachsene, empfinden keinen Ekel. Natürlich sollte die Familie das Gesehene besprechen. Meine Tochter läuft durch das Plastinarium, seitdem sie auf den Beinen ist“, schmunzelt Rurik von Hagens. In der für jeden Besucher zugänglichen „gläsernen Werkstatt“ in Guben werden auch Anatomiekurse und Workshops angeboten, Studenten machen hier Praktika. So wie die 23-jährige Patricia Lechner aus Scheibbs (NÖ). Die Biologin treffen wir beim Präparieren eines Dickdarms an. „Meine Oma war anfangs entsetzt, dass ich hier mit Leichen arbeite“, lacht die sympathische Österreicherin. „Doch ich finde es ungemein lehrreich und beeindruckend, vor allem das Nervensystem.“ Faszinierendes Fazit: Durch den Blick in fremde Körper entdeckt man die Wertigkeit des eigenen auf ganz neue Weise.

Körperwelten kommen nach Wien
Vom 4. 10. 2019 bis zum 9. 2. 2020 sind die faszinierenden Präparate in der Wiener Stadthalle Studio F zu sehen. Verständlich werden Organfunktionen und häufige Erkrankungen erläutert. Rund 200 Ausstellungsstücke gibt es zu betrachten, darunter 20 Ganzkörperexponate sowie Teilplastinate, transparente Körperscheiben und einzelne Organe. Thematischer Schwerpunkt dieser Ausstellung ist das Herz mit seinem weit verzweigten Gefäßsystem. Tickets gibt es in der Wiener Stadthalle und bei allen bekannten Vorverkaufsstellen. Wer sich nicht nur die Anatomieausstellung, sondern auch die Herstellung der Präparate ansehen möchte, reist nach Guben in Deutschland. Das „Plastinarium“ hat Freitag-Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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